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Ethernet: Und es überträgt und überträgt und überträgt

Computer zusammenzustöpseln ist fast schon von gestern – die Zukunft ist drahtlos. Doch noch basieren die meisten Netzwerke auf Kabeln. Die am häufigsten benutzte Technik - das Ethernet - hat gerade ihren 30. Geburtstag gefeiert.

Computer zusammenzustöpseln ist fast schon von gestern – die Zukunft funkt, Netzwerke brauchen keine Kabel mehr. Aber auch wenn sich Handy und Laptop nun per Bluetooth verständigen oder der PC drahtlos per WiFi (802.11) im Internet surft - die Technik, die dahintersteckt, basiert auf einer Erfindung, die in diesen Tagen 30 Jahre alt wird: dem Ethernet. "Das Ethernet von heute hat wenig mit dem zu tun, was wir uns damals ausgedacht haben", sagt Entwickler Bob Metcalfe. "Es hat sich verändert, weiter verändert und immer noch weiter verändert – aber der Name ist glücklicherweise geblieben."

Ein Problem, das niemand hatte

Die erstaunliche Karriere des Ethernet begann mit einem Problem, das 1973 eigentlich niemand hatte: Wie verbindet man Hunderte von Rechnern so, dass sie Millionen Daten pro Sekunde austauschen können? Zu einer Zeit, als allenfalls IBM und die NASA mehrere Computer unter demselben Dach versammelt hatten, schien das eine perfekte Bastelaufgabe für ein Häuflein Erfinder im Elfenbeinturm zu sein, aber nichts, was Menschen im wirklichen Leben um den Schlaf brachte.

Die Geburtsstätte des PC - unter anderem

Dieser Elfenbeinturm stand in Palo Alto, im Herzen des Silicon Valley, und hieß Xerox PARC: Dort leistete sich der damals führende Hersteller von Kopiergeräten ein Forschungslabor, um die Zukunft nicht zu verpassen. PARC-Ingenieure entwickelten den ersten PC, Alto genannt, die dazugehörige Computermaus, die grafische Benutzeroberfläche und den Laserdrucker. Genau deshalb brauchten sie das Ethernet: Alle Alto-Rechner im PARC-Labor sollten den neuen Laserdrucker nutzen können, doch jede Seite bestand aus Millionen winziger Punkte, und das bedeutete Millionen von Daten, die übertragen werden mussten – was mit der traditionellen Technik eine Viertelstunde pro Seite gedauert hätte.

Auftritt Bob Metcalfe: Zusammen mit einigen Kollegen machte sich der Harvard-Absolvent daran, eine neue Art von Computer-Netzwerk zu entwickeln. Er ließ sich inspirieren vom Arpanet, dem Vorläufer des Internet, und vom Alohanet – einem Netzwerk an der Universität Hawaii, das Metcalfe für seine Doktorarbeit untersucht hatte. Deshalb hieß das neue PARC-Netzwerk ursprünglich „Alto Aloha Netz“ – bis Metcalfe am 22. Mai 1973 in einem internen Rundschreiben vorschlug, den Namen zu ändern: "Vielleicht ETHER Network?"

Ethernet - nomen est omen

Dabei blieb es: Ethernet – Äther-Netz – beschrieb griffig und passend, wie die Technik funktioniert. Ehe ein Computer seine Daten ins Netz schickt, lauscht er kurz, ob im Kabel – dem "Äther" – schon andere Rechner Daten senden. Wenn nicht, kann's losgehen; wenn doch, kurze Pause, neuer Versuch. Den Gedanken an Funknetzwerke nahm Metcalfe schon vor 30 Jahren vorweg: "Auch wenn wir wohl Koax-Kabelbäume verwenden werden, um die Daten zu übertragen", schrieb er in seinem Memo, "so scheint es doch sinnvoller, von 'Äther' zu sprechen als von Kabel. ... Wer weiß, welche anderen Medien sich einmal als besser erweisen werden."

Oder welche anderen Standards: Seit seiner Erfindung musste sich das Ethernet immer wieder gegen neue Herausforderer bewähren. "Die Geschichte des Ethernet ist voller Konflikte", erklärte Metcalfe vorige Woche bei einer Geburtstagsfeier für das Ethernet im PARC-Labor in Palo Alto und zählte unter dem Gelächter seiner Erfinderkollegen ein paar Namen von Ethernet-Rivalen auf, die beim Duell der Standards den kürzeren zogen: Signet, XNet, LocalTalk, RS232C – "das waren alles, jeder für sich, Godzillas, gegen die sich das Ethernet durchsetzen musste", sagte Metcalfe.

Erfinder-Kabbelei

Selbst IBMs Token Ring, der größte Godzilla von allen, musste sich am Ende geschlagen geben – gerade sei IBM dabei, im eigenen Haus das eigene System durch das Ethernet zu ersetzen, berichtete Metcalfe der Festgemeinde. Da sprach der stolze Vater, der sich anschließend ganz bescheiden gab, als er gefragt wurde, ob das Etikett "Vater des Ethernet" denn gerechtfertigt sei, das ihm gern angeheftet wird: "Ach", sagte Metcalfe, ein 57-jähriger Mann mit schlohweißer Mähne und bübischem Grinsen, "der Erfolg hat viele Väter; der Misserfolg ist ein Waisenknabe – oder wo steckt der Erfinder des Token Ring?"

Ein Godzilla gibt es noch

Für die Zukunft kündigte er dann gleich noch den Sieg des Ethernet über die Telekom-Riesen an: In den nächsten Jahren würden Mobilfunk und WiFi sich gegenseitig ergänzen und friedfertig nebeneinander existieren. "Aber das ist nur ein Zwischenschritt: Am Ende wird 802.11 auch den Godzilla Mobilfunk erlegen." Ob es wirklich so kommt, kann Metcalfe zumindest finanziell völlig gleichgültig sein. Der Erfinder hat ausgesorgt. Das Ethernet hat ihm bereits ein Vermögen beschert – wenn auch anders, als es Besucher, die bei ihm und seiner Familie vorbeischauen, oft vermuten: "Wir haben ein nettes Häuschen in Boston", erzählt Metcalfe, "und die Leute sagen: 'Mensch, Sie müssen ja gut an Ihren Patenten verdienen!' Darauf antworte ich immer zweierlei: Erstens gehören die Patente nicht mir, zweitens sind sie längst abgelaufen." Drittens war Metcalfe clever genug, sich 1979 aus dem Elfenbeinturm zu verabschieden und seine eigene Firma für Netzwerk-Produkte zu gründen: Er nannte sie 3Com, und sie machte ihn zum vielfachen Millionär.

Karsten Lemm
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