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Musikspiele: Rock around the Wohnzimmer

Vor dem Fernseher wird gerockt. Plastikinstrumente machen die Spielkonsole zur Band-Ausrüstung und das Wohnzimmer zum Proberaum. Jahrelang haben die Deutschen den Trend aus Japan belächelt. Nun greift das Rock-Fieber auch hierzulande um sich.

Von Nina Ernst

"Let There Be Rock" statt "Stille Nacht", "Purple Haze" statt "O Du Fröhliche": Dieses Jahr kracht es unterm Christbaum. Kurz vor Weihnachten erscheinen jede Menge neuer Musikspiele. Die richten sich vor allem an diejenigen, die es laut und rockig mögen.

Als vor rund zwei Jahren in Europa die erste Gitarrensimulation "Guitar Hero" mit passender Plastikklampfe auf den Markt gekommen ist, galten dessen Fans zunächst als Exoten. Menschen, die sich Controller in Form einer E-Gitarre umschnallen - das war für viele ein kurioses Bild. Trotzdem wurde die Serie so beliebt, dass es inzwischen drei Teile plus Erweiterungen und diverse Gitarren gibt.

Als Band spielen

Jetzt können Spieler sogar mit einer ganzen Band im Wohnzimmer abrocken. Inklusive Schlagzeug, Mikrophon und Gitarre oder Bass. Den Anfang hat im Frühjahr das Spiel "Rock Band" gemacht. Bereits ein halbes Jahr später erscheint bereits die Fortsetzung. Auch Gitarrenspezialist "Guitar Hero" kommt erstmals mit einer kompletten Bandausstattung namens "World Tour" in die Läden.

Mit rund 200 Euro ist die Komplettausstattung ebenso kosten- wie platzintensiv. Trotzdem rocken die virtuellen Gigs. Alleine ist das Musizieren relativ langweilig. Bei drei oder - mit einer gesondert gekauften Zusatzgitarre - bei vier Spielern kommen die Simulationen richtig in Fahrt. Spätestens wenn sich die Band ein Lied lang eingespielt hat, zieht einen das Geschehen in seinen Bann.

Das Treffen der auf dem Bildschirm angezeigten Noten erfordert Konzentration. Viel Zeit zum Plausch mit den Bandkollegen bleibt da nicht. Dennoch weckt das kollektive Mitwippen im Takt ein Gemeinschaftsgefühl. Das Mitschwingen passiert ganz automatisch. Selbst bei Liedern, die man nicht mag. Denn nur wer sich ganz auf den Takt einlässt, trifft alle Töne und verhindert, ausgebuht zu werden.

Unbekannte Lieder sind schwierig

"Wenn man die Lieder überhaupt nicht kennt, ist es schwierig", findet Niki Welter. Der Student war sofort begeistert, als hörte, dass es ein Spiel gibt, bei dem man mit Drumsticks auf ein Plastikschlagzeug trommeln kann. Das virtuelle Musizieren gehört zu seinen Favoriten an der Spielkonsole. Den klassischen Controller mag er nicht: "Ich brauche beim Spielen mehr Lebensnähe", sagt Welter. Der angehende Lehrer findet es "herrlich, dass man mit Leuten, die kein Instrument spielen, gemeinsam Musik machen kann". Da Spieler die Menge der zu treffenden Noten wählen können, beherrschen selbst Unmusikalische die Plastikinstrumente nach kurzer Eingewöhnungszeit. Wer es komplexer mag, erstellt im Musikstudio-Modus von "Guitar Hero: World Tour" seine eigenen Songs.

Japan ist Vorreiter

Ursprünglich kommen die Musikspiele aus Japan. Dort wird schon seit Jahren an Drumcontrollern gerockt und zu Popsongs in die Saiten geschlagen. "Wir haben immer daran geglaubt, dass Musikspiele auch in den USA und Europa erfolgreich seien können, da die Begeisterung für Musik ein weltweites Phänomen ist", meint Greg LoPiccolo. Als Vice President of Product Development der Firma Harmonix ist er verantwortlich für "Rock Band 2". "Um diesen Massenmarkt zu erreichen, mussten wir nur den westlichen Geschmack treffen", sagt LoPiccolo. Die Lösung: Rockmusik statt Japan-Pop. Das Konzept geht auf. In den USA wurden die beiden Bandsimulationen sofort nach dem Marktstart ein Hit. Auch wenn viele sich nur für die günstigere Variante mit nur einem Instrument entscheiden, statt das teure Komplettset zu wählen.

LoPiccolo glaubt, dass in Japan eine andere Spielkultur existiert als in Europa. Das findet auch Yasumi Takase von Konami. Er meint, dass Japaner neuen Trends gegenüber aufgeschlossener sind und deshalb die Musikspiele dort schon populär waren, bevor hier überhaupt jemand etwas davon mitbekommen hat. Takase hat als Erfinder der Tanzmatten-Spiele stark zur Popularität der Musicgames beigetragen.

Angefangen hat das Musikfieber mit dem DJ-Spiel "Beatmania". Als die Entwickler es 1997 der Öffentlichkeit präsentiert haben, waren die Spieler so begeistert, dass gleich eine ganze Musikrichtung danach benannt wurde. Bemani heißen seitdem die Musikspiele, die man mit ungewöhnlichen Controllern steuert.

Die Revolution kam mit der Matte

Das waren in Deutschland lange Zeit fast ausschließlich Tanzmatten-Spiele. 1998 erschien mit "Dance Dance Revolution" der erste Titel dieser Art. Takase wollte mit seinen Kollegen ein Partyspiel entwickeln, das jeder spielen kann. Nach langem Ausprobieren voller schlafloser Nächte stand das Konzept: ein Musikspiel, bei dem der Spieler auf einer speziellen Matte im Takt herumhüpft und vorgegebene Schritte vollführt.

Was in Zeiten des Wii-Balanace-Boards normal erscheint, war Ende der 90er Jahre revolutionär: ein Spiel, das man nicht mit den Händen, sondern den Füßen steuert. Die Fachpresse prophezeite "Dance Dance Revolution" ein erfolgloses Dasein. Die Menschen seien zu schüchtern für diese Hüpfpartie. Entwickler Takase sah die Kritik gelassen: "Bei einem völlig neuen Spierkonzept kann vorher niemand wissen, wie das Publikum es aufnimmt." Inzwischen gibt es von der hierzulande "Dancing Stage" genannten Reihe rund 15 Folgen. Mehr als zehn Millionen Exemplare wurden weltweit verkauft. Die große Fangemeinde trifft sich bei regelmäßigen Wettkämpfen.

Ansonsten sah es für europäische Musikspielfans bis vor einigen Jahren eher karg aus. Bis auf wenige Ausnahmen wie "Amplitude", bei dem im Takt zur Musik auf den Controllerknöpfen gedrückt wird, mussten die Leute sich entscheiden, ob sie Musik hören oder spielen wollten. Nun wachsen die Sparten der Unterhaltungsindustrie zusammen. Während Hollywood und Spielebranche sich schon seit Jahren mit aufwändigen Produktionen annähern und voneinander profitieren, kommt nun auch Musik ins Spiel.

Richtig populär wurde das Musizieren an der Konsole in Deutschland mit dem Karaokespiel "SingStar". Ebenfalls ein Trend aus Japan. Seit dem Jahr 2004 haben die schüchternen Europäer ihre Hemmungen verloren und trällern bei dem peinlich-lustigen Spiel ins PlayStation-Mikrophon. Bis Weihnachten werden rund 25 verschiedene Versionen der Sony-Reihe erhältlich sein. Dann wird zu allen populären Musikstilen inklusive Deutsch-Rock, Hits aus den 80ern und Aprés-Ski-Gassenhauern gesungen. Zum Fest veröffentlicht auch Konkurrent Microsoft ein Karaokespiel für die Xbox 360. Bei "Lips" können nicht nur vorgegebene Songs, sondern auch Lieder aus der eigenen Musiksammlung nachgesungen werden können.

Warum sind die Musikspiele plötzlich so beliebt? "Weil Musik die präsenteste Form unserer Unterhaltung ist", meint Takase. "Weil Musik Gefühle weckt und die Kombination von Musik und Spiel einen zusätzlichen Unterhaltungsaspekt bietet."

Wii und DS mit eigenen Konzepten

Spätestens seit der Verbreitung von Nintendos Wii und der kleinen Konsole DS sind Spiele in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Wie Musik sind sie massentauglich und nicht mehr an bestimmte Alters- und Interessensgruppen gebunden. So ist der Weg für den Erfolg der Musikspiele frei.

Auch wenn das neue Zubehör sich an Rockfans richtet, gibt es viele Alternativen für musikalische Gamer, die andere Stilrichtungen bevorzugen. So können DS-Besitzer mit der Synthesizer-Software "KORG DS-10" selber Elektro-Songs konzipieren.

Eine schöne Alternative für Rockmuffel ist "Samba de Amigo". Hier schütteln Spieler vor kunterbunten Hintergründen zu lateinamerikanischen Klängen spezielle Sambarasseln. Hobbygitarristen hauen beim Wii-Spiel "PopStar Guitar" in die farbigen Tasten des beiliegenden Mini-Aufsatzes in Form eines Gitarrenhalses. Hersteller Disney bringt den jüngeren Spielern gleich in mehreren Titeln die Songs seiner Serien und Filme nahe. Das Unternehmen hat ebenfalls eine Bandsimulation im Programm: "Ultimate Band" kommt ohne Zusatzhardware aus, da die Controller wie Instrumente geschwungen werden.

So funktioniert auch "Wii Music". Ob Geige, Trompete oder Taktstock: Wii-Fernbedienung und Nunchuk werden zu insgesamt 60 Instrumenten. Der Mix aus Klassik, Pop, Volksliedern und Videospielmusik ist allerdings mehr Simulation und Übungswerkstatt als ein Spiel. Hier sind sogar die Weihnachtslieder "O Tannebaum" und "Morgen kommt der Weihnachtsmann" enthalten. Vielleicht eine Möglichkeit, die Kids wieder für das Singen und Musizieren vor der Bescherung zu begeistern.