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Wer steckt hinter ...: ... Super Mario?

Ein Japaner, natürlich. Aber keiner, der alle Klischees bedient. Im Gegenteil: Der geniale Videospiel- Erfinder Shigeru Miyamoto ist ein fröhlicher, ziemlich unkonventioneller Zeitgenosse.

Von Sven Stillich

Shigeru Miyamoto ist 56 Jahre alt, doch in seinen Augen funkelt kindliche Neugier. Als würde daraus noch der kleine Junge blicken, der durch die japanische Stadt Sonobe streift und jeden Winkel erkundet. Im November 1952 als Sohn eines Lehrerpaars geboren, wächst Miyamoto in seinen ersten Jahren ohne Fernseher auf. Kyoto, die nächste Großstadt, ist weit weg, und die Familie besitzt kein Auto. Also wandert er oft allein über die weiten Reisfelder und angelt in den Seen. Nur vor dem Hund der Nachbarn hat er Angst. Wäre da nicht die Eisenkette, die ihn bändigt, würde er ihn zerfleischen, denkt Shigeru. Bei einem Ausflug entdeckt er eine Höhle, nimmt allen Mut zusammen, wagt sich in das Dunkel und findet ein ganzes Höhlensystem vor. Das ist für ihn ein Schlüsselerlebnis: Überall ist Abenteuer, hinter der nächsten Ecke kann ein Wunder liegen für den, der sich traut.

Miyamoto liebt es zu zeichnen: die Natur, Sonobe, Figuren aus Disney-Filmen. Mit 18 beginnt er Industriedesign zu studieren - doch statt zu lernen, tritt er lieber mit seinem Banjo in Bars und Kaffeehäusern auf. Er ist vernarrt in die Beatles und lässt sich die Haare wachsen. Zum Ende seines Studiums wirkt er wenig geeignet für eine Karriere bei einem japanischen Unternehmen. Zum Glück ist sein Vater mit dem Präsidenten einer Firma befreundet, die Spielzeug herstellt: Nintendo.

Mit Donkey Kong ging's los

Sein erstes Spielzeug heißt Donkey Kong: In dem Automatenspiel muss ein Pixelmännchen mit Schnurrbart und Mütze seine Freundin retten, die von einem Affen entführt wurde. Er springt über brennende Fässer und klettert Stahlträger hinauf. Donkey Kong ist 1981 ein Riesenerfolg, Miyamoto soll schleunigst einen Nachfolger erfinden. Dies ist die Geburtsstunde einer Figur, die heute jedes Kind kennt: Super Mario - benannt nach Mario Segali, dem Vermieter von Nintendos Lagerhallen, der Miyamotos Spielfigur sehr ähnlich sieht.

Immer mehr Spiele rund um Super Mario entstehen. Der Titelheld wird in den folgenden Jahrzehnten zur Ikone. Kinder lieben die bunt-verrückten Welten, die Miyamoto erfindet. Sie hüpfen auf rote Schildkröten, sammeln Münzen ein, retten die Prinzessin und flüchten vor Gegnern mit riesigen Zähnen, die eine Eisenkette hinter sich herziehen - dem Hund aus Miyamotos Kindheit. Der Spieldesigner steigt zu einem der wichtigsten Mitarbeiter Nintendos auf, heiratet eine Managerin des Unternehmens, wird Vater und schöpft weiter aus seinen Erinnerungen: Die Wunderwelt des Spiels Zelda, eines seiner nächsten Erfolge, ähnelt der Natur rund um Sonobe - überall gibt es Höhlen, die auf Helden warten.

Miyamoto macht die Welt zum Spiel: Als er das Gärtnern für sich entdeckt, wird daraus Pikmin, ein Spiel mit Figuren, die aussehen wie Blumensamen. Als er für die Familie einen Shetland-Schäferhund kauft, entsteht das Hundespiel Nintendogs. Als er sich für Sport interessiert, erscheint das Bewegungsspiel Wii Fit. Alle Spiele werden Bestseller. Und Miyamoto zum Star der Spieleerfinder. Vor zweieinhalb Jahren ehrt ihn Frankreich mit dem "Ordre des Arts et des Lettres", 2007 setzt ihn das "Time Magazine" auf die Liste der "100 einflussreichsten Personen des Jahres". Was ihn derzeit umtreibt, soll indes niemand erfahren: Nintendo, so munkelt man, soll ihm kürzlich geraten haben, nicht mehr über seine Hobbys zu reden - aus Angst vor der Konkurrenz. Aber etwas ist da. Man sieht es in seinen leuchtenden Augen.

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