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Chipmarkt am Limit Der Homeoffice-Boom stellt die Autobranche vor ein Problem – aber anders, als man vermuten würde

Chipmarkt am Limit: Bei ersten Herstellern stand die Produktion bereits still (Symbolbild)
Bei ersten Herstellern stand die Produktion bereits still (Symbolbild)
© FrankHoermann/SVEN SIMON/ / Picture Alliance
Das Coronavirus treibt die Welt ins Homeoffice - und Nachfrage nach der technischen Ausstattung dafür nach oben. Ein unerwarteter Leidender der Entwicklung: die gebeutelte Autoindustrie.

Lange tat sich Deutschland mit der Einführung des Homeoffice schwer, mit dem Coronavirus boomt es. Und das nicht nur hierzulande. Die Nachfrage nach Laptops und Co. explodierte förmlich - und die Produktion kommt kaum hinterher. Darunter leiden aber nicht nur Kunden, die lange auf bestellte Geräte warten müssen. Sondern auch die gebeutelte Autoindustrie.

Schuld ist eine Knappheit auf dem Chipmarkt. Die plötzliche Welle der Heimarbeit erhöht nicht nur rasant die Nachfrage nach passenden Laptops, sondern auch den Bedarf an entsprechenden Cloud-Diensten und den Serverzentren dahinter. Gleichzeitig stellt sich die Smartphone-Branche auf die 5G-Technologie um, Sony und Microsoft brachten mit Playstation 5 und Xbox Series X und S neue Spielkonsolen auf den Markt. Und alle brauchen dazu Komponenten. Die Folge: Die Chip-Zulieferer kommen schlicht nicht mit der Produktion hinterher.

Produktion am Limit

"Die gesamte Chip-Industrie hat gerade sehr wenig Kapazitäten frei - so gut läuft es", erklärte der Analyst Risto Puhakka dem "Wall Street Journal". Da der Bau der spezialisierten Fabriken und die Ausbildung der Arbeiter Zeit kostet, ist es für die Hersteller schwierig, die Produktion kurzfristig zu erhöhen, erläutert der Experte. "Wir kommen in Bezug auf Investment aus einem Rekordjahr. Und die Nachfrage wächst unaufhörlich."

Einer der überraschenden Leidtragenden ist die Autoindustrie. Moderne Autos sind längst Hightech auf Rädern, vollgestopft mit smarten Sensoren und digitalen Unterstützungssystemen - und damit mit Computerchips. Das wird angesichts der Knappheit zum Flaschenhals.

Knappheit bremst den Aufschwung aus

Als erster Autokonzern warnte Volkswagen bereits im Dezember vor einer Verlangsamung der Produktion. "Wegen der ungewöhnlich langen Wartezeiten in der Chip-Industrie werden die nötigen zusätzlichen Volumen nur mit einer erheblichen Verzögerung bereitstehen", kündigte der Konzern in einem Statement an. "Die möglichen Verknappungen werden sich bis 2021 fortsetzen." Neben VW berichteten auch die Zulieferer Bosch, Continental sowie die Hersteller Renault, Honda, Nissan und Honda Chrysler von diesem Problem. Bei Ford ist der Engpass teilweise bereits erreicht: Laut dem "WSJ" stand einer Fabrik in Kentucky wegen des Teilemangels die Produktion still.

Chipmarkt am Limit: Der Homeoffice-Boom stellt die Autobranche vor ein Problem – aber anders, als man vermuten würde

Für die Autobranche ist die Entwicklung besonders dramatisch. Weil der Automarkt in der ersten Hälfte des Coronajahrs 2020 stark einbrach, hoffte man auf eine schnelle Erholung in der zweiten Jahreshälfte. Tatsächlich ging die Nachfrage vor allem in China deutlich nach oben, vor allem Elektroautos sind gefragter denn je. Nur liefern kann man nicht genug.

Leergefegter Markt

Die Autoindustrie ist nicht alleine. Auch die Produktion von Laptops oder der neuen Spielekonsolen kann mit der Nachfrage nicht mithalten, es kommt zu Lieferengpässen. Der nach Volumen größte Chip-Hersteller Nvidia kann nicht mal seine eigenen Produkte in ausreichender Menge liefern: Die Grafikkarten der 3000er-Serie sind so beliebt, dass die Preis auch Monate nach der Vorstellung immer noch weiter steigen, statt herunter zu gehen. Die Lage der Auto-Industrie verschärft allerdings, dass die Chip-Produzenten die Konsumgüterhersteller wie Apple bevorzugen, weil diese größere Mengen abnehmen und auch noch mehr dafür zu zahlen bereit sind, berichtet die "Deutsche Welle".

Die Grundlage des aktuellen Mangels ist das Kaufverhalten am Chipmarkt. Bestellungen werden in der Regel in großem Volumen und mit entsprechendem Vorlauf getätigt. Ergeben sich dann kurzfristige Veränderungen, ist es für die Hersteller schwer, darauf zu reagieren - und es kommt zu Verzögerungen bei der Erfüllung der Aufträge. Neben Corona trieb auch der Handelskrieg der USA mit China die Nachfrage nach oben. Der Chip-Produzent SMIC landete auf der schwarzen Liste, gleichzeitig bereitete sich Telekommunikationsriese Huawei mit Hamsterkäufen auf eine Verschärfung seines Handelsverbots im September vor. Beim Automarkt kommt die unerwartet schnelle Erholung hinzu. "Das Geschäft ging deutlich schneller nach oben als erwartet", erklärte der holländische Zulieferer NXP der "Deutschen Welle". 

Tatsächlich leiden auch manche Hersteller von Chips unter der Situation. Micron Technology etwa, Produzent von Speicherchips, klagt über eine unerwartet geringe Nachfrage. Der einfache Grund: Wenn die übrigen Chips für Geräte fehlen, werden auch die Speichermodule nicht benötigt, klagte der CEO Sanjay Mehrota letzte Woche.

Steigen bald die Preise?

Neben längeren Wartezeiten könnte auch eine Verteuerung der Produkte folgen. NXP kündigte bereits an, die Preise für alle seine Produkte zu erhöhen, ob die Hersteller die Verteuerung im Einkauf an den Kunden weitergeben, wird sich zeigen. Bei den Grafikkarten sind die steigenden Preise schon zu beobachten. Die Highend-Karte Geforce RTX 3080 war im September teils unter 800 Euro zu bekommen, aktuell wird sie nicht unter 1300 Euro angeboten. Solch drastische Erhöhungen sind bei anderen Produkten aber kaum zu erwarten.

Zumindest die Benachteiligung der Autoindustrie soll jetzt beendet werden, versprach der taiwanische Großhersteller TSMC letzte Woche. "Die Knappheit für Autozulieferer ist sehr offensichtlich geworden"; erklärte Manager CC Wei gegenüber der "Financial Times". "Für uns ist das jetzt die Top-Priorität." 

Quellen: Wall Street Journal, Deutsche Welle, Financial Times, Bloomberg


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