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Google-Gründer Sergey Brin: "Vielleicht hatten wir zu viel Glück"

Auch wenn der Google-Gründer Interviews wohl eher als eine lästige Pflicht empfindet, machte er in Zürich für stern.de eine Ausnahme. Dabei beschäftigt sich Sergey Brin viel lieber mit der Optimierung seiner Suchmaschine und des Weltklimas.

Sergey Brin wirkt ein wenig unkonzentriert, fast arrogant, bei dem kurzfristig angesetzten Interview in der Züricher Google-Niederlassung. Er tippt mit konzentriertem Blick auf sein dünnes, teures MacBook Air, als seine Gesprächspartner den Raum betreten, zwei Schweizer Journalisten, ein deutscher Tageszeitungsmann und Stern-Redakteur Dirk Liedtke. In grauem T-Shirt, Jeans und schwarzen Crocs (das sind die trendigen, gelüfteten Gartenbauschuhe aus Kautschuk) und ohne Socken sieht die eine Hälfte der zwei Google-Guys nicht wie einer der bekanntesten Manager der Welt aus. Schon gar nicht wie einer der reichsten. Nur ein schnörkeliger, goldener Siegelring fällt auf, ein Ehering?

Während er die erste Frage beantwortet, klingelt sein Blackberry sphärisch. Er fummelt ihn aus der Hose, schaut drauf und schaltet ihn stumm: "Das ist peinlich, entschuldigen Sie." Nächste Frage:

Was beschäftigt Sie gerade am meisten?

Ich verbringe viel Zeit damit, die Qualität unserer Suche zu verbessern. Wir haben eine Firma in der Schweiz übernommen, deren Technik "Panoramio" Tausende von Fotos in Google Maps einbindet.

Brin ruft die Seite auf und dreht den Rechner seinen Gesprächspartnern zu. Zu sehen ist die Kartenansicht von Zürich mit Dutzenden von Mini-Fotos, die sich nach Anklicken vergrößern.

Googles Geschichte

Wie kann man denn mit Karten und Stadtplänen im Internet Geld verdienen?

Unsere Theorie war seit jeher, wenn wir etwas bauen, das dem Nutzer wertvoll erscheint, wird am Ende für Google ein Geschäft entstehen. Das trifft natürlich für die Suche zu. Vielleicht hatten wir einfach zu viel Glück. Diese Erfahrung hat uns jedenfalls ermutigt, Dinge zu entwickeln die sehr nützlich sind und erst im zweiten Schritt zerbrechen wir uns den Kopf darüber, wie wir damit Geld verdienen können. Wir haben mit lokaler Werbung experimentiert, aber ich würde nie behaupten, wir haben den Königsweg entdeckt. In meinem Herzen fühle ich, wenn wir etwas schaffen, das Menschen nutzen und schätzen, werden wir auch einen Profit damit machen.

Bei YouTube ist Werbung nur zaghaft zu sehen. Wieviel bleibt denn da hängen?

Wir geben dazu keine detaillierte Zahlen bekannt, aber es ist ein signifikanter Beitrag. Die Übernahme von YouTube hat sich für Google auf jeden Fall gelohnt.

Hat Google den Trend zu sozialen Netzwerken verpennt?

Google hat ein eigenes, erfolgreiches Netzwerk namens Orkut. Die meisten Nutzer sind in Brasilien. Und wir wachsen stark, etwa in Indien. Wir wollen aber nicht unbedingt jeden Dienst im Web anbieten. Stattdessen ermutigen wir andere Firmen im Internet - darunter auch 15 der 20 führenden sozialen Netzwerke, mit unserem Anzeigensystem Geld zu verdienen.

Wird immer alles gratis bleiben bei Google?

Es wird definitiv Angebote geben, die Geld kosten, zum Beispiel zahlen unsere Kunden dafür, wenn sie mehr Speicherplatz für ihr GoogleMail-Postfach haben möchten. Und das ist großartig. Ich glaube aber nicht, dass alle sozialen Netzwerke irgendwann die Schotten dicht machen und eine Nutzungsgebühr verlangen werden.

Wie wird ein Handy mit dem Google-Betriebssystem Android aussehen - ein Display, vollgepflastert mit Werbung?

Ich erwarte nicht, dass die ersten Android-Telefone werbefinanziert sein werden. Die Hersteller und Netzbetreiber haben das letzte Wort und können die Software zuschneiden, wie sie wollen. Schließlich handelt es sich um Open Source.

Als der Werbedeal zwischen Google und Yahoo bekanntgegeben wurde, stieg der Kurs der Google-Aktie deutlich an, im Gegensatz zu der von Yahoo. Warum denken immer alle, wenn Google einen Deal macht, ist die Firma der alleinige Gewinner?

Ich verfolge den Google-Aktienkurs nicht täglich, aber glaube, dass er durch sehr viele Faktoren beeinflusst wird.

Google hat durch diesen Deal und die geplatzte Übernahme von Yahoo durch Microsoft gepunktet. Ist aus dem David ein Goliath geworden?

Ich sehe unsere Firma nicht als Goliath. Wenn sie uns mit Microsoft vergleichen, sind wir in allen Kennziffern um ein Vielfaches kleiner, beim Umsatz, dem Profit und den Mitarbeitern.

Wie gehen Sie mit der Macht von Google um? Sie könnten jeden in diesem Raum erpressen mit dem Wissen, das sie über uns haben.

Das Privateste was wir haben, sind Ihre E-Mails. Und es ist sehr wichtig, dass wir diese Daten beschützen. Wir nehmen das sehr ernst und machen dabei einen sehr guten Job. Wenn Sie mit GoogleMail eine Mail verschicken, setzen wir zum Beispiel keine IP-Adresse in den Header, was andere Anbieter tun und was eine Spur zum Nutzer legt. Wir stehen mit unserer Marke für die Sicherheit unserer Kundendaten.

In sozialen Netzwerken wie Facebook geben Menschen sehr viel Persönliches preis. Wie stehen Sie dazu?

Vor allem jüngere Menschen tun das. Sie gehen auf Partys, betrinken sich und schießen Fotos von sich und ihren Freunden, die sie dann ins Web hochladen. Das ist ein Thema, über das man nachdenken muss. Die Menschen beginnen zu akzeptieren, dass es irgendwo da draußen von jedem ein peinliches Bild gibt. Es wird eine fortdauernde Entwicklung geben, wie Nutzer mit diesem Phänomen umgehen und wie viel Schutz ihrer Privatsphäre sie einfordern.

Trägt Google mit dem Erfolg der Onlinewerbung eine Schuld am Tod der gedruckten Presse, den immer mehr Experten langfristig vorhersagen?

Das sehe ich nicht so. Bei unserem Dienst Google News leiten wir die Nutzer auf die Websites der jeweiligen Zeitung und dort stehen die eigentlichen Artikel. Wir bieten nur einen Überblick der im Web zu findenden Inhalte. Wir schaffen sie nicht. Kleinanzeigen machen natürlich nicht mehr so viel Sinn seit es das Web gibt.

Wie verändert Google die Meinungsbildung in einer Demokratie? Sitzen wir immer einsamer mit unseren immer spezielleren Anfragen vor dem Monitor?

Die Menschen stellen mit der Zeit immer komplexere Suchfragen, weil es immer mehr Inhalte, Nischen und Gemeinschaften im Web gibt. Die Menschen können so neue Interessen für sich entdecken. Und Vielfalt ist doch eine gute Sache.

Welche Themen würden Sie interessieren, wenn Sie als Student jetzt ein Thema für ihre Doktorarbeit finden müssten?

Energie würde ich mich auf jeden Fall interessieren - auch vor dem Hintergrund, der Energiesparmaßnahmen in unseren Datencentern. So haben wir uns das Ziel gesetzt, auf Kohlestrom ganz zu verzichten. Materialwissenschaft, Nanotechnologie – all das sind Themen, die das Klima, die Welt beeinflussen können.

Google soll einmal die "ultimative Antwortmaschine" werden. Wie wird sie sich von dem "semantischen Web" unterscheiden, das Tim Berners-Lee, dem Erfinder des World Wide Web, vorschwebt?

(Brin lacht laut auf.) Er verdient jeden Respekt für seine Arbeit. Er hat wahrscheinlich bessere Weitsicht als ich. Ich glaube nicht, dass Internetsuche innerhalb der nächsten Jahrzehnte immer die perfekte Antwort auf jede Frage liefern kann. Wir haben die Erfahrung gemacht: je besser unsere Suche wird, umso anspruchsvoller wurden auch die Fragen. Die Google-Nutzer legen die Latte ständig immer höher. Ein zunehmend wichtiges Feld erproben wir in GoogleMail: Was ist mit den Fällen, wo man sich selbst gar keine Frage stellt. Wenn ich eine E-Mail beantworte, mache ich vorher keine Suche. Wir blenden bei GoogleMail Zitate und Wissenshäppchen ein, die sich auf den Inhalt der Nachricht beziehen und nützlich sein können.

Sie wollen insgesamt mindestens 20 Jahre für Google arbeiten. Diesen Pakt haben Sie mit Larry Page und Eric Schmidt geschlossen. Keine Angst, Sie könnten sich irgendwann langweilen in Ihrem Laden?

Die Breite unserer Mission hat den Vorteil, dass es so viele Felder gibt. Angenommen, die Suche würde mir zum Hals raushängen, dann könnte ich mich mit sauberer Energie beschäftigen. Ich werde mich bestimmt irgendwann umorientieren, meine Schwerpunkte verändern.

"Tue nichts Böses" lautet das berühmte Firmenmotto von Google. Auf die Frage, wer definiere, was böse sei, verwies Google-CEO Eric Schmidt an Sie. Also, was ist "böse"?

Einem Ingenieur ist dieser Satz im ersten Jahr unserer Firmengeschichte eingefallen. Ich denke, für unsere Mitarbeiter ist es eine wichtige Erinnerung, die ethischen Auswirkungen ihrer Arbeit zu bedenken. Alle Firmen sollten dieses Motto befolgen. Es klingt vielleicht ein bißchen albern, aber es ist hilfreich.

Nach dem Ende des Interviews verabschiedet sich Sergey Brin, ohne aufzustehen und nach einem kurzen Geplänkel kleben seine Augen wieder an dem Display seines Notebook. Ein spannende Begegnung mit Brin, für ihn eher eine Pflichtübung.

Das Interview führte Dirk Liedtke