Ralph Dommermuth Der deutsche Mister Internet


Ein Unternehmer aus der Provinz verkauft erfolgreich schnelle DSL-anschlüsse. Jetzt setzt er auf das Telefonieren übers Internet als Zukunftstrend.

Wer nach Hause kommt, checkt zunächst den Anrufbeantworter. Blinkt der, drückt man eine Taste und hört die Nachricht ab. Bei E-Mails ist es anders: Dem Computer sieht man nicht an, ob elektronische Post angekommen ist. Man muss erst den Rechner hochfahren. Einfacher haben es Menschen mit einem DSL-Anschluss von 1&1. Sie stellen sich eine buchgroße Box auf den Schreibtisch, und wenn eine Mail eingegangen oder eine Sprachnachricht aufgezeichnet wurde, blinkt eine orangefarbene Leuchtdiode. Das ist einfach und praktisch.

Vorsprung durch Technik - der Audi-Werbespruch passt auch zu 1&1. Ob in knallig gemachten blauen Prospekten ("zukunftsweisend, spektakulär, unschlagbar"), die aus Zeitschriften rutschen, oder in rockigen TV-Spots - die 1&1-Reklame für eine schnelle Internetleitung per DSL-Anschluss ist unübersehbar. Die Firma gehört mit dem E-Mail-Anbieter GMX und dem Websitevermieter Schlund + Partner zum deutschen Konzern United Internet - und der beherrscht weite Teile des deutschen Datennetzes.

So betreibt United Internet eines der größten elektronischen Postämter der Republik in Karlsruhe. Durch das firmeneigene Rechenzentrum rauschen monatlich mehr als 2,2 Milliarden E-Mails von 1&1- und GMX-Kunden. Rund 140 Millionen Nutzungsminuten von DSL-Kunden werden dort ebenfalls abgerechnet.

Und wenn Konzernchef Ralph Dommermuth in diesen Wochen die Kaufverträge über 330 Millionen Euro unterschrieben hat, zählen auch noch rund zwölf Millionen Web.de-Nutzer mit über 22 Millionen Postfächern zu seinem Imperium. Mehr als 45 Millionen deutsche E-Mail-Konten gehören dann zu United Internet. Jeder Zweite, der in Deutschland online ist, klickt mindestens einmal im Monat eine Website von Web.de, 1&1 oder GMX an - als Inhaber einer GMX-Mail-Adresse zum Beispiel oder beim Klick auf den Wetterbericht bei Web.de.

Zum "Internet-König" hat "Bild" den Gründer Ralph Dommermuth folgerichtig gekrönt. Der 41-Jährige kümmert sich persönlich um den aggressiven Firmenauftritt - bis ins kleinste Detail. So baute der Hersteller der DSL-Anschlussbox das Gerät zuerst nur in Blau. Aber Dommermuth fand Schwarz schicker, weil das Universalgerät für Funk-Internet, Telefon und Fax auch in Wohnräumen eine gute Figur machen sollte. In den Prospekten steht die "Fritz-Box" jetzt stark wie ein Wolkenkratzer vor einer Deutschlandkarte - "Die Highspeed-Revolution", verkünden riesige Lettern darüber. Im TV-Spot schwebt sie wie ein Raumschiff durch einen blauen Weltraum.

Derart eingelullt, könnte man glatt vergessen, dass auch 1&1 nur Leitungen bei der Telekom mietet und die Kapazitäten weiterverkauft wie Dutzende andere DSL-Anbieter - und dass es die DSL-Box in fast identischer Form ebenso bei allen anderen gibt, wenngleich in anderen Farben.

Vom DSL-Boom

profitiert Dommermuths Firmengruppe United Internet besonders. Zwischen März und Juni verkauften alle drei United-Internet-Marken mehr DSL-Verträge als der Gigant T-Online. Über 1,5 Millionen DSL-Kunden hat United Internet. Nur T-Online hat mit mehr als 4,2 Millionen noch mehr Kunden in Deutschland. Im Schnitt rund 10 000 Postsendungen - Werbebroschüren und DSL-Boxen - verlassen werktäglich das Logistikzentrum in Montabaur. Die 50 Mitarbeiter schieben die Paketwagen schnellen Schrittes an die Laderampe. Der Laden brummt.

In der kleinen Stadt im Westerwald, wo die Hauptstraße noch per Besen gekehrt wird, schlägt das Herz der deutschen Internetfabrik. Angefangen hat die Erfolgsgeschichte 1988: Unter dem Namen 1&1 gründete der damals 25-jährige gelernte Bankkaufmann Dommermuth in seiner Heimatstadt die eigene Firma. Die wurde mit dem aggressiven Verkauf von BTX-Verträgen für die Telekom immer größer. Zehn Jahre später ging das Unternehmen an die Börse. Mit dem Geld der Anleger kaufte sich Dommermuth sein Firmenreich zusammen.

Weltweit operieren Dommermuths Firmen bereits beim Vermieten von Speicherplatz für Websites: Mehr als zwei Millionen Privatleute und Firmen in Dallas, Dublin oder Düsseldorf lagern ihre Daten auf einem von 33.000 Hochleistungsrechnern. Die meisten davon stehen in Karlsruhe, der Rest unter anderem in München, Leverkusen und Manhattan. Aber auch mit Callcentern auf den Philippinen oder in Görlitz verdient der Konzern Geld. In 14 Ländern Europas und in Nordamerika ist United Internet vertreten. Im ersten Halbjahr stieg der Umsatz um 40 Prozent auf 335,4 Millionen. Dommermuth gehören 38 Prozent der Aktien, ein Wert von rund 600 Millionen Euro.

Visionen brauchte der bodenständige Mann mit dem jungenhaften Gesicht und dem schütteren Haar für seine bemerkenswerte Erfolgsgeschichte nicht. Spricht man ihn darauf an, entgegnet er genervt: "Wir machen nur einen Plan fürs nächste Jahr." Als "Megatrends" sieht er: "Das Internet wird immer schneller, mit immer mehr Volumen und immer mächtigeren Anwendungen." Sprich: Neben Musik werden Nutzer zunehmend Filme herunterladen. Derzeit werden Kunden mit einem anderen Argument gelockt: Per DSL und Internet soll Telefonieren einzigartig billig werden.

Simple Weisheiten genügen Dommermuth für die Führung seiner 4600-Mitarbeiter-Firma: "Ich schätze die Tugenden eines Dieselmotors, der beständig auf hoher Drehzahl fährt." Das gilt für die Firma - privat gönnt sich der 1,91-Meter-Mann mit dem weichen Westerwälder Dialekt einen Ferrari Maranello. Auch eine 30-Meter-Yacht an der Côte d'Azur gehört zur Ausstattung des United-Internet-Chefs. Und auf dem Konferenztisch seines Büros mit Blick auf sanft hügelige Wiesen badet Onkel Dagobert als Keramikfigur in einer Badewanne voller Golddukaten. Hier arbeitet ein großer Junge. Aber unterschätzen sollte man den besser nicht.

So wenig Dommermuth zu misslingen scheint - gründlich daneben gegangen ist sein Ausflug in die Welt des Profisegelns. Zum ersten Mal in der 154-jährigen Geschichte der Regatta America's Cup geht ein deutsches Team an den Start - mit dem Hauptsponsor United Internet. Riesig prangen die Logos von 1&1, GMX und Web.de auf dem Segel der Yacht. Rund 25 Millionen Euro soll das Engagement bislang gekostet haben. Einen beträchtlichen Teil der Summe hat Dommermuth aus seinem Privatvermögen beigesteuert.

Doch aus dem Abenteuer wurde schnell ein Albtraum. Als zunächst der Sportvorstand gefeuert wurde und Dommermuth den Syndikatschef Uwe Sasse sogar vor Gericht zerrte, um auch ihn aus seinem Amt zu drängen, drohte das Team fast zu kentern. "Wo gehobelt wird, fallen auch Späne", sagt sich Dommermuth angesichts wochenlanger Negativschlagzeilen gelassen. Für eine sportliche Prognose ist es noch zu früh.

Sein Geschäft verliert Dommermuth trotz der Turbulenzen auf See nicht aus den Augen. "Im nächsten Jahr wollen wir erstmals über eine Milliarde Euro Umsatz machen", sagt er. Und die großen Länder der Boom-Region Asien sind noch ein riesiger weißer Fleck auf der United-Internet-Landkarte. Solche neuen Gebiete reizen den Mann aus Montabaur: "Wer in die Fußstapfen eines anderen tritt, kann ihn nicht überholen", erklärt er sein Motto. Bislang hat es gut funktioniert.

Dirk Liedtke print

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