HOME

Abschottung im Netz: Ein Schritt in die Totalüberwachung? Russland kapselt sein Internet ab

Schon 2020 soll es so weit sein: Dann will Russland seinen Datenverkehr nur über nationale Server leiten. Der Kreml sagt, er wolle so das Land vor Cyberangriffen schützen. Kritiker vermuten allerdings eine Totalüberwachung.

Wladimir Putin

Wladimir Putin will ein autonomes Internet für Russland

Picture Alliance

Noch vor dem 1. April könnte es so weit sein. Dann wird Russland seinen kompletten Internetverkehr für kurze Zeit vom Rest der Welt abkapseln. Laut eines Berichts des Nachrichtenportals RBK wollen die Internetprovider Megafon, VimpelCom, MTS und Rostelecom testen, ob die russischen Teilnetze eine Abtrennung aushalten. Die Kreml-Führung wird diese Simulation wohl aufmerksam verfolgen.

Seit 2014 hat Präsident Putin den Plan, ein völlig autonomes Internet innerhalb der russischen Föderation zu schaffen. Der Datenverkehr mit dem Ausland soll konsequent unterbunden werden. Ein entsprechendes Gesetz hat Putin bereits im Dezember 2018 gebilligt. An diesem Dienstag zog die Duma nach. Der Entwurf wurde mit 334 zu 47 Stimmen angenommen. Kritiker warnten, die Neuregelung könne das Internet einer strengen staatlichen Zensur unterwerfen. Die Initiatoren verteidigten es als "Abwehrmechanismus", um die "langfristige stabile Funktion von Netzwerken in Russland sicherzustellen".

Russland will Daten über eigene DNS-Server leiten

Bis 2020 will die Kremlführung 95 Prozent des innerrussischen Internetverkehrs über Knotenpunkte und Server im eigenen Land leiten. Oberste Kontrolle darüber hätte dann die Medienaufsichtsbehörde Roskomnadsor. Abgesehen vom Ziel, ein RuNet zu schaffen, steht noch völlig offen, wie die Internet-Anbieter das Vorhaben technisch umsetzen können. Auch die Kosten des Projekts sind unklar: Zwischen 270 Millionen und 1,7 Milliarden Euro werden veranschlagt. Die großen Telekom-Unternehmen weigern sich allerdings, diese Investitionen zu stemmen.

Herzstück des ganzen Plans ist es, eine nationale Version des Name-Domain-Systems (DNS) aufzubauen. Diese Server sind so etwas wie die Adressbücher des Internet. Wollen Leser die Webseite stern.de aufrufen, werden sie über die DNS-Server geleitet, die die Verbindung zwischen dem Rechner und der Site herstellen. Sollte es Russland gelingen, eine solche Server-Struktur aufzubauen, bliebe der gesamte Datenverkehr im eigenen Land. Es wäre unabhängig vom Westen. So stehen zehn der 13 wichtigsten DNS-Server in den USA. Die russische Führung begründet den Plan für ein nationales Internet damit, dass nur so Online-Dienste und Provider vor Hacker-Angriffen aus dem Ausland gewappnet seien.

Staatlichen Behörden obliegt die Kontrolle

Doch Kritiker des Gesetzes argwöhnen anderes. Artjom Kosljuk von der NGO Roskomswoboda warnt vor "ernsthaften Risiken für die Zivilgesellschaft". Denn sollte Russland erst einmal seinen Internet-Verkehr über nationale DNS-Server leiten, ließe sich auch die Kommunikation der Bevölkerung überwachen. Das unterstellt auch ein Gutachten des Internet Governance Projects am Georgia Institute of Technology. Roskomnadzor könnte E-Mails oder Nachrichten in sozialen Netzwerken blockieren. Auch den Zugang zu unliebsamen Webseiten, die auf ausländischen Servern abgespeichert sind, könnte die Behörde sperren.

Russische Dienste haben in den vergangenen Jahren immer wieder die Freiheit im Netz eingeschränkt. So wurden etwa Inhalte und Seiten der Opposition gesperrt oder Dienste, die nicht mit den Behörden kooperieren wollten, wie etwa die Videoplattform Dailymotion, das soziale Netzwerk Linkedin und der Messengerdienst Telegram.

Quellen: Internet Governance Project, Deutsche Welle, Guardian, ZDNet 

Der russische Präsident Wladimir Putin schießt mit einer neuen Kalaschnikow auf einem Geländer des Waffenherstellers
sos mit AFP