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AKW-Ruine in Fukushima: Der atomare Schrecken kehrt zurück

In dem beschädigten Reaktor in Fukushima ist es wohl zu einer erneuten Kernspaltung gekommen. Der Vorfall zeigt vor allem eins: Die Lage ist noch lange nicht unter Kontrolle.

Von Lea Wolz

Alles unter Kontrolle. Das sollten die Bilder vermitteln, die am Dienstag um die Welt gingen: Demonstrativ trank der japanische Politiker Yasuhiro Sonoda ein Glas entseuchten Wassers aus der Atomruine Fukushima. Doch nur wenige Stunden später gibt es andere, beunruhigende Nachrichten: Laut Betreiber Tepco gibt es Anzeichen einer neuen Kernspaltung im Reaktor 2 des japanischen AKW. Eilens versuchte Tepco zu beschwichtigen: Die Lage sei stabil, eine Gefahr gehe von der Atomruine nicht aus.

Doch wie vertrauenswürdig ist ein Konzern, der Pannen in seinen Atomkraftwerken gerne vertuscht und auch bei der Katastrophe im März nur scheibchenweise und zögerlich die Wahrheit bekannt gab? Wie gefährlich ist die Lage in Fukushima tatsächlich? Und wie beurteilen Fachleute die neue Hiobsbotschaft?

Reaktor noch lange nicht unter Kontrolle

"Was in Fukushima passiert, ist gleichsam ein erneutes Aufflackern des atomaren Feuers", sagt der Kernphysiker und Atomexperte Heinz Smital von Greenpeace zu stern.de. Die Nachricht sei ein bedrohliches Zeichen und beunruhigend. "Es zeigt, wie instabil und wie wenig berechenbar der atomare Kern ist." Für Deutschland erwartet Smital zwar keine Auswirkungen. Aber: "Es wird deutlich, was es für eine Herkulesaufgabe ist, den beschädigten Reaktor unter Kontrolle zu bringen."

Den Hinweis darauf, dass ein Teil der geschmolzenen Brennstäbe im Reaktor 2 des japanischen Kernkraftwerkes noch aktiv sein könnte, lieferten zwei Gase: Xenon-133 und Xenon-135. Beide werden bei einer Kernspaltung freigesetzt. "Da sie beide nur eine kurze Halbwertszeit von fünf Tagen und neun Stunden haben, können sie nicht vom Betrieb im März stammen", sagt Smital. Da der Nachweis ein Standardverfahren sei, geht der Atomexperte davon aus, dass aktuell mit Sicherheit eine Kettenreaktion im Reaktor 2 stattgefunden hat.

"Lage unberechenbar"

Entscheidend ist für den Experten allerdings etwas anderes: "Der Vorfall zeigt, dass wir nicht im Geringsten wissen, wie es im Inneren der Atomruine aussieht." Theoretisch könne es über einen längeren Zeitraum immer wieder zu solchen Kettenreaktionen kommen.

"Der Zustand des geschmolzenen Kerns ist deutlich kritischer, als bislang angenommen", sagt auch Smital. Bisher sei man davon ausgegangen, dass es sich um einen großen Klumpen handele, von dem keine Gefahr für eine atomare Kettenreaktion mehr ausgehe. "Jetzt zeigt sich aber, dass es sich wohl eher um kleine Bruchstücke handelt, die ähnlich aufgebaut sind wie ein Reaktor", sagt der Atomexperte. "Gelangt Wasser zwischen diese Bruchstücke, bremst dieses die Neutronen. So kann wieder eine Kettenreaktion entstehen."

Doch was bedeutet dies hinsichtlich der Strahlenlast? "Diese ist bei altem Kernbrennstoff ohnehin schon so hoch, dass durch den aktuellen Vorfall vermutlich nicht viel dazu kommt," sagt Smital. Denn die neue Kernspaltung habe lange nicht die Leistung, die der Reaktor normalerweise besitze. Und auch Allelein beruhigt: Bei den ohnehin schon hohen Strahlenwerten sei der aktuelle Vorfall noch nicht einmal ein Tropfen auf den heißen Stein.

Allerdings sei die Lage unberechenbar, sagt Smital. Würden bei einer Kernspaltung so viel Energie frei, dass sich auch die Temperatur und Druckverhältnisse im Reaktor dramatisch ändern, könnte erneut viel Radioaktivität entstehen, befürchtet der Greenpeace-Experte.

Zeitplan angeblich nicht gefährdet

Gerechnet hat der Atomphysiker nicht damit, dass es im Reaktor 2 noch einmal zu einer Kernspaltung kommen könnte. "Ein Cold Shutdown schließt eigentlich so etwas aus", sagt er. In den vergangenen Monaten war es nach Angaben von Tepco gelungen, die Temperatur in dem Reaktor auf unter hundert Grad zu senken - eine der Bedingungen für die angestrebte kalte Abschaltung, bei der die Temperaturen allmählich sinken, ohne dass atomare Reaktionen stattfinden. "Dann sind die Temperaturen im Kern so, dass er alleine mit Wasser weiterhin gekühlt werden kann", sagt Smital.

Bis Ende des Jahres wollte Tepco die Reaktoren in dem AKW soweit unter Kontrolle gebracht haben. Dem Betreiber zufolge ist dieser Zeitplan durch den aktuellen Vorfall nicht gefährdet. "Bleibt die neue Aktivität so gering, wie sie bis jetzt zu sein scheint, ist dies auch durchaus möglich", sagt Smital. "Allerdings ist mit dem erneuten Aufflackern der Kernspaltung wieder ein Problem aufgetreten, von dem man dachte, dass man es eigentlich schon hinter sich gelassen hat."

Um die mögliche Kettenreaktion unter Kontrolle zu bringen, leitete Tepco mittlerweile ein Gemisch aus Wasser und Borsäure in den Reaktor. "Das ist prinzipiell der richtige Weg", sagt Allelein. Borsäure bindet die Neutronen und verhindert so weitere Kernspaltungen. "Die Frage ist allerdings, ob das Gemisch die richtigen Stellen erreicht."