VG-Wort Pixel

Überwachung mit Gesichtserkennung 600 Millionen Kameras im Land: Chinas allsehendes Auge nimmt seine Arbeit auf

China plant eine landesweite Gesichtserkennung seiner Bürger.
China plant eine landesweite Gesichtserkennung seiner Bürger.
© Hans Ringhofer/picture alliance/APA/picturedesk.com / Picture Alliance
Ein Chinese wollte sich auf einem Konzert mit 60.000 Besuchern vor der Polizei verstecken. Doch Kameras mit Gesichtserkennung durchkreuzten seinen Plan. Der Fall zeigt: China ist auf dem Weg zur totalen Überwachung weit gekommen. Die Technik macht das Leben für einige komfortabler. Andere haben jedoch viel zu verlieren.

Verfolgungsjagden liefen in alten Hollywoodfilmen immer nach dem gleichen Muster ab: In der Mitte des Films trafen Hauptfigur und Bösewicht aufeinander, sie jagten sich anschließend mehrere Minuten durch enge Gassen oder leerstehende Gebäude. Doch in der letzten Sekunde konnte der Schurke entkommen, indem er sich einfach in einer Menschenmenge versteckte. Die Anonymität eines vollen Marktplatzes oder Bahnhofs war zuverlässig der letzte Ausweg.

China plant die Totalüberwachung

Ein Fall aus China zeigt, dass so etwas heute im echten Leben nicht mehr möglich wäre. Ein 31-jähriger Mann, der von der Polizei gesucht wurde, wollte sich am 7. April vor den Behörden verstecken. An diesem Abend trat im Nanchang International Sports Center der Sänger Jacky Cheung auf, 60.000 Menschen besuchten den Auftritt im Stadion. So viele Menschen an einem Ort, die ihre Aufmerksamkeit auf die Bühne richteten - es schien das perfekte Versteck zu sein.

Doch mitten im Konzert, es war längst stockfinster und Hunderte Neon-Leuchtröhren erhellten das Stadion, schritten in aller Seelenruhe Polizisten die Treppen der Arena hinunter. Dann nahmen sie den 31-Jährigen fest. Dokumentiert ist das auf der chinesischen Videoseite Miaopai. Der Refrain des Songs war noch nicht einmal verklungen, da war der Mann, der wegen "Wirtschaftsverbrechen" gesucht wurde, schon abgeführt.

Zum Verhängnis wurde ihm das landesweite System aus intelligenten Kameras mit eingebauter Gesichtserkennung. Es hört auf den Namen Xue Liang, was so viel wie "Adleraugen" bedeutet, und soll die 1,4 Milliarden Einwohner im Auge behalten. "Er war komplett geschockt, als wir ihn abgeführt haben", erzählt der Polizist Li Jin der chinesischen Nachrichtenagentur Xinhua.

Zahlen mit einem Lächeln

Die Volksrepublik China ist weltweit führend, was den Einsatz von Gesichtserkennungs-Software angeht. Im ganzen Land hängen derzeit um die 180 Millionen Überwachungskameras. 2020 sollen es bereits 600 Millionen sein. Der Clou: Die Kameras filmen nicht nur unaufhörlich das Geschehen, sie erkennen auch, was gerade passiert und welche Menschen zu sehen sind.

Einer der führenden Hersteller von intelligenten Kameras ist das Unternehmen Megvii. Gegründet wurde das Unternehmen 2011 von drei Studenten, heute entwickeln mehr als 700 Mitarbeiter die Technik weiter, schreibt der "Deutschlandfunk". Einen Firmenausweis braucht hier keiner mehr, jedes Gesicht ist in einer zentralen Datenbank registriert. Wenn man morgens die Firma betritt, stehen Name, Alter und Geschlecht auf einem Monitor.

Die Technik soll das Leben bequemer und sicherer machen, werben die Hersteller. Einige Studentenwohnheime können nur noch betreten werden, wenn der Gesichtsscanner einen passieren lässt. Kunden eines Kentucky Fried Chicken Restaurants in Hanzhou können ihre Rechnung mit einem Lächeln begleichen. Der Erkennungsprozess dauert ein bis zwei Sekunden und basiert auf einer 3D-Kamera. Mehr als 400 Millionen Chinesen vertrauen dem Bezahldienst bereits.

Die Gesichtserkennungs-Software greift selbst in die kleinsten Dinge des Alltags ein: Um die Papierverschwendung einzudämmen, begrenzen öffentliche Toiletten die Menge an Toilettenpapier pro Person. 60 Zentimeter gibt es pro Gesicht, dann ist Schluss.

Gute Bürger, schlechte Bürger

Die lückenlose Erfassung führt zu tiefgreifender Änderungen der Gesellschaft. Im Jahr 2020, wenn die 600 Millionen Kameras im ganzen Land installiert sind, plant China die Einführung eines "Social Credit Systems". Bürger, die sich an die Vorschriften halten, sollen nichts zu befürchten haben. Doch wer Rechnungen nicht bezahlt oder bei Rot über die Ampel geht, könnte langfristig zum Bürger zweiter Klasse degradiert werden. Dann wird einem das Leben schwer gemacht, man kann etwa nicht mehr eigenständig Flugtickets kaufen. 10 Millionen Menschen stehen dem "Deutschlandfunk" zufolge bereits auf der schwarzen Liste. Den Diskreditierten soll es schwer gemacht werden, "einen einzigen Schritt zu tun", formulierte es die Kommunistische Partei in China.

Lesen Sie auch:

- Alltagsfrage: Warum zeigen eigentlich alle Wetter-Apps etwas anderes an?

Teure Technik: Vorsicht beim Fernseher-Kauf - darauf sollten Sie beim HDR-Label achten

Nackt im Netz: Warum Nudisten sich jetzt in Scharen auf Twitter herumtreiben

WPA3-Technologie: Das Wlan der nächsten Generation schützt die Nutzer vor der größten Schwachstelle:


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker