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Sportfliegerei: Grüner fliegen ohne Treibstoff

In Zeiten des Klimawandels gilt Fliegen als Sünde, die Sportfliegerei sowieso. Grüner fliegen ist jedoch möglich. Unser Autor wagte den Selbstversuch.

Von Henry Lübberstedt

Himmel, ist mir schlecht! Mein Körper wurde soeben in drei Sekunden von 0 auf 100 Km/h nach vorn und 400 Meter in die Höhe geschossen. Oder genauer: gezogen. Und noch ehe ich begriff, was vor sich ging, war ich auch schon wieder unten. "Na, war toll, oder?“, fragte mich der Pilot mit einem auffordernden Grinsen. Ich lächelte zurück. Am liebsten hätte ich "keine Ahnung“ gestammelt. In den sieben Minuten da oben wurde mir eines glasklar: Ich hatte keinen Schimmer von dem, was auf mich zukommt. Aber ich wollte es ja so.

Samstagmorgen 07:30. Im Frühnebel stehe ich vor dem Clubhaus des HAC, des Hamburger Aeroclubs e.V.. Hier will ich mir anschauen, wie das Fliegen ohne Treibstoff funktioniert. Segelfliegen ist die günstigste Art, sich in die Luft zu erheben. Und die grünste. Nur beim Start verbraucht die Winde etwas Treibstoff oder das Schleppflugzeug Benzin. Das Segelflugzeug an sich fliegt mit 100 Prozent erneuerbarer Öko-Energie. Und die neusten Segler haben einen Elektromotor an Bord.

Der Kardinalfehler noch vor dem ersten Start

Um das zu erleben, stehe ich hier, nur kommt keiner. Noch bevor der Kurs überhaupt angefangen hat, habe ich schon den ersten Anfängerfehler begangenen: den Wetterbericht ignoriert. Nebel und Segelfliegen vertragen sich nicht. Der Start ist auf 09:30 verschoben. Alle haben es mitbekommen, nur ich nicht. Schöner Auftakt.

Zwei Stunden wandere ich durch die sogenannten Boberger Dünen am Rande Hamburgs. Eine Heidelandschaft unterbrochen von großen Sanddünen und mitten drin: das Flugfeld. 1300 Meter lang und 300 Meter breit. 60 Segelflugzeuge stehen in den Hangars. Im Sommer tobt hier am Himmel der Bär. Zwei Reiter traben an mir vorbei und die ersten Jogger ziehen ihre Runden. Die Dünen sind Naturschutz-, Naherholungsgebiet und "Fliegerhorst“ in einem. Die kommenden zwei Jahre werde ich fast jedes Wochenende hier sein. Solange dauert im Schnitt die Ausbildung. Schon nach dem ersten Abschnitt in einem halben Jahr soll ich einen Segelflieger allein starten und nach einer Platzrunde auch wieder landen können. Kann ja nicht so schwer sein, dachte ich mir. Ein paar Wochen später bei böigem Seitenwind sollte ich das anders sehen.

Es geht auch deutlich schneller zum Schein. Wer seinen Jahresurlaub in einer Flugschule verbringt und das Glück eines stabilen Flugwetters hat, kann - etwas Talent vorausgesetzt - schon nach zwölf Wochen seine Lizenz in Händen halten. Im Verein dauert es länger, ist dafür aber günstiger wenn auch zeitintensiver. Ob man danach fliegen kann, sei dahingestellt. Fliegen sei ein fortwährender Lernprozess, sagen langjährige Piloten. 

Teamsport ist, wenn einer Spaß hat und fünf arbeiten

Von den acht Flugschülern an diesem Samstagmorgen bin ich der Neuste. Ein eigenartiges Gefühl, nichts zu wissen. Nicht einmal, wie das Cockpitdach aufgeht oder wo man beim Schieben Anfassen sollte und wo besser nicht. Es ist kühl und vor allem nass. Binnen Minuten sind die Schuhe durch. Wir holen die Fallschirme, die Bordbücher der Flieger und die Batterieblöcke für die Instrumente.

Lärmend fährt der LKW mit den beiden Winden an das Ende der Startbahn. Gleich hinter ihm: der Lepo. Lepo ist Opel rückwärts. Auf die Straße darf der verranzte Omega längst nicht mehr. Für seine Aufgabe hier auf dem Platz ist er jedoch genau richtig. Er fährt die Seile, mit denen die Flieger in den Himmel gezogen werden, wieder von der Winde einen guten Kilometer zurück zur Startposition.

Lepo, Kuller, Winde - was?

Während Winde und Lepo aus unserem Sichtfeld rumpeln, findet am Startbus das Briefing statt. Der Startleiter erklärt das Wetter und die Windverhältnisse. Aufgaben werden verteilt: wer ist Startschreiber, Starthelfer, Lepofahrer und Rückholer? Ich verstehe kein Wort, doch langsam dämmert es mir, warum Segelfliegen unter dem Label "Teamsport“ läuft.

 

  Segelfliegen ist, wenn von sechs aus einer Mannschaft fünf ackern, damit einer Spaß hat. Der Startschreiber protokolliert die Start- und Flugzeiten für die spätere Abrechnung. Der Startleiter kommuniziert mit der Winde, der Starthelfer klinkt das Windenseil an das Flugzeug und hält zum Start die Tragflächen waagerecht, der Lepofahrer holt nach dem Start mit einem Spezialauto das Seil von der Winde wieder zurück zum Startplatz. Er sieht als einziger von der Crew den Windenfahrer, der einsam am Ende der Startbahn seinen Dienst verrichtet – wichtig und unsichtbar zugleich. Und wer gerade nichts zu tun hat, schiebt die gelandeten Flugzeuge wieder in die Startposition

Deutschland ist Segelfliegerland

Da ich nichts kann, bin ich erst einmal außen vor. Mir gebührt hingegen die Ehre des ersten Fluges. "Na, schon mal mitgeflogen? Den ersten Flug nennen wir Eingewöhnungsflug“, sagt Olaf – einer von 30 Fluglehrern des Vereins. Er hilft mir in den Fallschirm. Unsicher verstaue ich mich in den vorderen Schalensitz der ASK-21. Das Flugzeug des deutschen Herstellers Alexander Schleicher war bei der Vorstellung 1979 eine Sensation. Kein eckiger Rumpf aus stoffbespannten Holzrippen, sondern als eine der ersten Glasfaserkonstruktionen in der Linienführung elegant, schnittig, doch zugleich gutmütig in der Luft.

Deutschland ist das Land der Segelflieger. 1911 wurde auf der Wasserkuppe das Segelfliegen als Freizeitsport erfunden, als Studenten in offenen Gleitern die baumlose Erhöhung in der hessischen Rhön hinabflogen. Zwölf Jahre später entstand dort die weltweit erste Segelflugschule. Die großen Markennamen im Segelflugzeugbau kommen auch heute noch aus Deutschland: Grob, Stemme, Scheibe, Schempp-Hirth, DG - und Schleicher.

Das in Hessen nahe der Wasserkuppe ansässige Unternehmen schuf das Schulflugzeug schlechthin für Segelflieger. Selbst die US Air Force bestellte sich damals welche für die Pilotenausbildung. Doch eigentlich ist das kein Flugzeug, es ist ein Sportgerät. Mag es von außen noch elegant wirken in seinem hochglanzpolierten Weiß, Innen regiert ein spartanischer Geist. Freiliegende Steuerseile, Umlenkrollen und fettige Führungsschienen. Egal. Ich sitze und habe mir mit dem Fünf-Punkt-Gurt das Flugzeug umgeschnallt.

Achterbahn ist Kinderteller

Wir schließen die Haube. Wer auch nur leicht klaustrophobisch veranlagt ist, sollte sich ein anderes Hobby suchen. Der Himmel mag grenzenlos sein, das Cockpit nicht. Trotz der fast liegenden Sitzposition bleibt zwischen meinem Kopf und der Plexiglashaube nur vier Zentimeter Spielraum. "Ganz schön eng“, meine Stimme hallt als säße ich in einer Tonne. Olaf erwidert trocken, dass das im Vergleich zu anderen Mustern noch geräumig sei. Ich schweige. "Einklinken, bitte“ Olaf nickt dem Starthelfer zu, der kurz unter dem Rumpf verschwindet, das Startseil in das Flugzeug einhakt und anschließend an das Ende der linken Tragfläche geht, diese anhebt und dann seinen Arm nach oben streckt.

Als hätte es ein Eigenleben windet sich das Seil schlangengleich durchs Gras. Es strafft sich, hält für eine Sekunde inne. Dann werden wir nach vorn gerissen.  "Ach, das geht ja noch...", wollte ich denken, kam aber nur bis "Ach…“  1200 Meter vor uns gab der Windenfahrer beherzt Gas. Ich spannte meine Nackenmuskeln an, die Welt vor mir wurde kurz zu einem Tunnel aus Grün und Grau. Achterbahn ist dagegen Kinderteller.

Nein, das war nicht das große Gefühl von Freiheit. Da hatte ich im Netz laufend diese Videos von Menschen gesehen, die mit einem "Geil!“ auf den Lippen und breitem Grinsen im Gesicht von ihrem ersten Flug zurückkehrten. Mir hingegen war leicht übel, ich hatte Kopfschmerzen und die Panik, beides bliebe für immer.

Nach zehn Stunden auf dem Platz wollte ich nicht mehr. Ich plumpste ins Auto, fuhr resigniert nach Hause und ging sofort ins Bett. Doch am nächsten Morgen um 07:30 stand ich wieder in der Halle und rollte die Flieger aus dem Hangar. Sieben Stunden laufen, schieben, ziehen und nur 20 Minuten in der Luft. Am späten Nachmittag schluckte ich eine Kopfschmerztablette, verdrängte die Übelkeit so gut es ging und schlief um acht Uhr abends auf dem Sofa ein. Was für ein Scheißhobby dachte ich. Doch schon wenige Wochen später konnte ich kaum genug vom Fliegen ohne Motor bekommen. Ich lernte die Thermik kennen.

Die Tankstelle der Segelflieger

"Halte auf die Wolke zu", rief mein Fluglehrer Jörg beim Start. Wir schossen in diesen wundervoll blauen mit feinsten Cumulus-Wolken wattierten Himmel. Auf 400 Metern angekommen, klinkte ich aus und leitete ich eine Rechtskurve ein. Der Flieger schüttelte sich leicht. Eine unsichtbare Kraft hob die rechte Fläche an.Thermik! Ein Schlauch warmer nach oben steigenden Luftmassen. Die Tankstelle für Segelflugzeuge. "Ich übernehme“, sagte Jörg und zog die Kurve rasch enger, machte den Kreis wieder auf und kurvte dann wieder eng. Nur nicht kotzen, dachte ich. "Wir haben hier Thermik, nicht genau definiert, aber hier geht was“, kam es von hinten. Dir darf hier nicht schlecht werden, dachte ich während wir absackten, stiegen und wieder absackten. Es war meine erste Begegnung mit aufsteigen warmen Luftmassen und zum erstmal begriff ich, was Benjamin Stöwe im MOMA-Wetterbericht mit Luftmassen meint. Luft hat Gewicht, ziemlich viel sogar – 1000 Liter rund 1,3 Kilogramm. Bewusst gespürt hatte ich diese Massenkraft bisher noch nicht. Doch gerade trat sie mir recht ordentlich in den Hintern.

Unter uns waberten so einige aufgewärmte Kubikmeter in einem Schlauch nach oben. Die Kunst des Segelfliegens besteht darin, innerhalb dieses Schlauches zu kreisen und sich von der Luftmasse nach oben tragen zu lassen. Wieviel wiegt unsere ASK-21? Mit uns beiden drin vielleicht 600 Kilo. Wir erwischten die Thermik an ihrem Rand, schon drücke es leicht im Magen, mit vier Metern pro Sekunde wurden wir plötzlich nach oben geschoben. 

Dann sackte der Zeiger des Variometers wieder ab, wir waren draußen. Also noch mal hinein in die enge Kurve, etwas nachlassen und wieder mit beherztem Quer- und Seitenruder in die Kurve. Das E-Vario plärrt wie ein außer Kontrolle geratener Smartphone-Klingelton. Hohe, kurze Töne zeigen Steigen an, tiefe Töne Fallen. Der Sound der Luftmasse sozusagen. 

Eine Stunde geflogen - ohne einen Tropfen Spirt

An Übelkeit dachte ich nicht mehr, ich saß da, "fühlte“ an den Kontrollen mit und wusste vor lauter Faszination nicht wohin. Das ist also Segelfliegen. Ich bekam eine Idee davon, warum das ein Sport sein soll. Mein Fluglehrer kämpfte im Wortsinn um jeden Meter Auftrieb. Bei gut 1200 Metern mussten wir Schluss machen. 2000 wären möglich gewesen. In der Nähe das Hamburger Flughafens dürfen wir nicht höher. Einen guten Kilometer Höhe ohne Motor. Wahnsinn. Viel umweltfreundlicher geht Fliegen kaum. Und leiser schon mal gar nicht. Segelfliegen fügt sich so wunderbar in den grünen Zeitgeist.

Nach 67 Minuten hatten wir unsere Höhe abgeflogen, gingen in den Gegenanflug parallel zur Landebahn, drehten ein, düsten mit 100 Sachen 30 Meter über die mit Spaziergängern gesprenkelten Boberger Dünen und setzten sanft auf. Ich bin infiziert.

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