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Raketendeal in der Türkei: Russlands S-400 könnte Erdogan auch gegen West-Jets einsetzen

Die Türkei kauft den Abwehrkomplex S-400 in Russland und verschmäht westliche Waffen. Eindrucksvoller konnte Erdogan nicht zeigen, wie er über die angedrohten Waffenexport-Verbote des Westens denkt.

Diese S-400 wurde in Syrien aufgestellt.

Diese S-400 wurde in Syrien aufgestellt.

Die Türkei hat Russlands modernstes Luftabwehrsysytem, die S-400 Triumf, gekauft. Eine Anzahlung soll bereits geleistet worden sein, sagte Präsident Erdogan der "Hurriyet". Dieser Deal hat eine rüstungstechnische und eine politische Seite.

Von der Technik her gilt die S-400 eines der leistungsfähigsten Abwehrsystem der Welt. Sowohl von der Zielerfassung wie auch von der Reichweite her sind die Leistungsdaten der Abwehrrakete imponierend. 

Sperrt den Luftraum wirkungsvoll

Die S-400 ist die ideale Waffe, um große Zonen für feindliche oder unerwünschte Flugzeuge zu sperren. Ihre Raketen vom Typ 40N6 haben eine Reichweite von 400 Kilometern. Eine Batterie kann bis zu 80 Ziele in der Luft simultan angreifen. Zwei Batterien wurden gekauft, zwei weitere sollen in der Türkei montiert werden. Jede Batterie besteht aus den Raketenstartern, Zielerfassungsradar, einem Langstrecken-Überwachungsradar und einem Kommandofahrzeug.

Die Anwesenheit nur einer russischen Batterie in Syrien hat dazu geführt, dass westliche Jets den Luftraum nicht mehr beherrschen. 

Türkei erreicht Selbstständigkeit

Die Türkei kauft weit mehr als ein paar Raketen, Starter und Radaranlagen. Die Türkei befreit sich von den politischen Restriktionen, die der Westen an Exporte knüpft. Das russische System wird vollkommen selbständig operieren können.

Gebietsrestriktionen etwa für die Zone zur Grenze nach Georgien soll es für die S-400 nicht geben. Außerdem sollen die Raketen kein eingebautes Freund-Feind-Identifikationssystem besitzen. Sie können gegen jedes Flugzeug eingesetzt werden - also auch gegen westliche Maschinen. Vor allem erhofft sich die Türkei einen massiven Wissenstransfer für die eigene Waffenindustrie, da zwei Batterien in türkischen Fabriken produziert werden.

Kompabilitäts-Problem

Auf die Nato kommt so ein Riesenproblem zu: Die S-400 ist nicht kompatibel mit anderen Systemen der Nato-Luftabwehr. Belässt man es dabei, verliert die Nato ihren Einfluss auf den strategisch wichtigen türkischen Luftraum. Findet man Wege, die S-400 etwa mit den Awacs-Überwachungsflugzeugen zu verbinden, wird Russland tiefe Einblicke in die Nato-Technik erhalten. Denn russische Techniker werden die S-400 warten und updaten.

Auf Dauer wird es nicht bei der S-400 bleiben. Luftverteidigung funktioniert im Verbund verschiedener Systeme. Auf sich allein gestellt, macht auch eine eindrucksvolle Waffe wie die S-400 wenig Sinn. Durchaus möglich, dass Ankara die Wunderrakete um Abwehrsysteme für kurze Distanz und weitere Radaranlagen ergänzt. Ins Bild passt, dass ein Nato-Sprecher eingestehen musste, keinerlei Informationen über die Einzelheiten des Deals zu haben.

Westbindung ist nicht garantiert

Politisch löst sich Erdogan damit brüsk aus der Umarmung des Westens. Die traditionelle militärische Westbindung der Türkei ist nicht länger garantiert. Der Russendeal ist auch der Preis für den politischen Druck, den Staaten wie Deutschland wegen der verschärfen innenpolitischen Lage in der Türkei ausüben. Der Westen steht vor der Wahl, ob er wegen des Eintretens für Menschenrechte den Wegfall der Süd-Ost-Flanke der Nato riskiert. Politisch ist Putin allemal der Gewinner. Dafür muss die Türkei nicht einmal Konzessionen machen, schon die fortschreitende Erosion der Beziehungen der Türkei zum Westen spielt in seine Hand.

Rüstung verdient Devisen

Nicht zuletzt geht es schlicht ums Geld. Trotz Handelssanktionen und dem Preisverfall für Öl und Gas soll die russische Wirtschaft in diesem Jahr ein reales Wachstum von über zwei Prozent hinlegen. Jeder Rüstungsexport verschafft dringend benötigte Devisen. Derzeit laufen die Geschäfte nicht schlecht. Im Sommer hat Ägypten die ersten drei von 46 Ka-52 Angriffshubschraubern erhalten. Gleichzeitig hat Ägypten Jets der Typen Mig-29 und Mig-35 bestellt. Von der Mig-29 sollen fast 50 Maschinen geliefert werden. Laut Medienberichten will Algerien seine T-90A Panzer in Zukunft vom Unterstützungspanzer BMPT-72 Terminator-2 begleiten lassen. 300 Stück sollen geliefert werden. Diese Liste ließe sich fast endlos fortsetzen.