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Raketenlieferung an den Iran: Putins Raketen machen die Mullahs unangreifbar

Der Iran hat die ersten Luftabwehrraketen vom Typ S-300 aus Russland erhalten. Der Deal ist umstritten. In Zukunft ist der Iran vor Luftangriffen weitgehend geschützt.

Das komplette S-300-System auf einer Messe in der Nähe von Moskau.

Das komplette S-300-System auf einer Messe in der Nähe von Moskau.

Heute hat der Iran die ersten S-300 Raketen von Russland erhalten. Fotos zeigen den Transport-Konvoi, nachdem die Raketen im Hafen von Anzali ausgeladen wurden. Bestellt wurden sie schon im Jahr 2007, wegen des UN-Embargos aber nicht ausgeliefert. Nach der Aufhebung der Sanktionen gegen den Iran im Januar hat der russische Präsident Wladimir Putin den Export freigegeben.

Schon im Februar gab es Meldungen über eine bevorstehende Lieferung. Aber kurz vor Übergabe wurde dann offenbar noch über die Zahlungsmodalitäten verhandelt. Nun ist man sich einig geworden. Jedenfalls sind die Raketen im Iran angekommen. Der Westen war und ist entsetzt über die Lieferung der Systeme an Teheran. Warum ist das so?

S-300 ist ein festes Schutzdach

Es handelt sich nicht um Mittelstreckenraketen, die im Iran abgeschossen irgendwo zwischen Tel Aviv und Rom einschlagen könnten. Die S-300 sind Luftabwehrraketen. Mit einer Reichweite von bis zu 200 Kilometern sollen sie Flugzeuge, Raketen, Marschflugkörper und Hubschrauber abschießen können. Im rein technischen Sinne handelt es sich um eine defensive Waffe. Mit einer Luftabwehrrakete kann der Iran keinen friedliebenden Nachbarn überfallen.

Doch ganz so einfach ist es nicht. Simpel gesagt: Wenn niemand in den Luftraum des Irans eindringen kann, könnte auch niemand das Land daran hindern, Mittelstreckenraketen aufzustellen oder gefährliche Rüstungsbetriebe aufzubauen.

Und darum geht es: Der Iran macht sich mit den Raketen unangreifbar. Grundsätzlich spannt die S-300 allein keinen unüberwindlichen Verteidigungsschirm. Aber schon ein oder zwei Batterien würden sogenannte chirurgische Schläge gegen einzelne Einrichtungen im Iran unmöglich machen. Bestellt wurde das modernisierte S-300PMU-2-System, geliefert werden kann aber auch die aktuelle S-300VM-Variante.  Sie kann hochfliegende Ziele in bis zu 200 Kilometern Entfernung abschießen. Selbst Mittelstreckenraketen fängt die S-300VM ab. Angenommen wird eine Trefferwahrscheinlichkeit (kill ratio) von 80 bis 93 Prozent gegenüber Kampfjets.

Den Raketen können nur die modernsten Stealth-Jets der USA entkommen. Sie könnte die S-300 nicht erfassen. Alle anderen Jets aber schon. Wer also in Zukunft eine Anreicherungsanlage oder eine Raketenfabrik im Iran angreifen will, müsste zunächst versuchen, die S-300 Batterien auszuschalten, bevor er an sein eigentliches Ziel herankommt. Anstatt eines einmaligen Angriffs stünde ein größerer Schlagabtausch bevor.

S-300 nur der Anfang

Und der wird in Zukunft auch für eine gut gerüstete Streitmacht unkalkulierbar. Neben der S-300 stehen weitere Waffen auf den iranischen Wunschzettel. Darunter befinden sich die hochmodernen Pantsir S-1 Systeme zur Luftabwehr auf geringe Entfernung, Jets wie die Sukhoi S30SM und Kommandosysteme, um eine verbundene Luftabwehrstruktur aufzubauen. Laut russischen Berichten besteht ebenfalls  Interesse am Anti-Schiffssystem Bastion mit immerhin 600 Kilometern Reichweite. Ältere Varianten der S-300 hat Russland an viele Länder geliefert, die aktuellen Modelle und ihre Verknüpfungsmöglichkeiten mit anderen Systemen verleihen dem Export in den Iran eine ganz andere Qualität.

Sind all diese Bausteine beisammen, wäre es wohl selbst für die Militärmacht USA kein Spaziergang mehr, eine derartige Abwehr zu überwinden. Ob die russischen Abwehrsysteme tatsächlich so effektiv sind, wie behauptet, kann niemand mit Sicherheit sagen. Wie bei allen Waffen würde sich das erst in einem Ernstfall zeigen. Doch alle westlichen Sicherheitsexperten fürchten diese Systeme.

Zutritt verboten

Nicht nur im Iran machen derartige Verteidigungskomplexe westlichen Militärplanern zusehends Sorgen. Sie schaffen große "Nicht-Betreten-Zonen" auf der Landkarte – das war der westliche Militärapparat lange Zeit nicht gewohnt. Der stellvertretende Nato-Generalsekretär Alexander Vershbow nannte diese Zonen am Rande der Münchner Sicherheitskonferenz die derzeit größte Sorge der Nato. 

Russland schirmt sein eigenes Gebiet zusehends durch die moderneren S-400 Batterien ab, die vorgeschobenen Basen in Kaliningrad und auf der annektierten Krim versiegeln einen guten Teil der Ostsee und des schwarzen Meeres. In Syrien könnte Putin nach der Stationierung von S-400 und Pantsir S-1 an Land und Luftabwehrkreuzern auf See technisch gesehen jederzeit eine Flugverbotszone ausrufen und auch durchsetzen. Zudem versucht Russland unabhängige Staaten, die aus der UDSSR hervorgingen, zu überzeugen, gemeinsam derartige Schutzglocken zu stationieren. Nach der letzten Konfrontation mit Aserbaidschan dürfte Armenien dem russischen Werben wohl nachgeben. Dann wäre der Nato-Staat Türkei gleich von zwei No-Go-Zonen eingerahmt.

Devisenhunger und Exportoffensive

Damit schützt Russland nur das eigene Kernland und eine einzelne Expedition in Syrien. Wegen der offensiven Verkaufspolitik der russischen Rüstungsindustrie werden moderne Luftabwehrsysteme aber auch an Orten auftauchen, die wenig mit russischen Sicherheitsinteressen zu tun haben. Nach Indien wird das derzeit modernste Luftabwehrsystem S-400 verkauft. Bislang ziert sich Russland, solche Kronjuwelen herauszugeben. Doch Indien hat vermutlich die Freigabe der S-400 mit anderen Geschäften in Milliardenhöhe verknüpft.

Spätestens, wenn Ende 2016 der Nachfolger der S-400, die S-500 Samoderschez, in Dienst gestellt wird, dürfte die Zurückhaltung auch bei anderen Ländern enden. Gleichzeitig führt die Modernisierung der russischen Streitkräfte dazu, dass die von der S-400 abgelösten S-300-Systeme zur Disposition stehen. Da ist die Versuchung groß, nur einen Teil für Truppen der Mobilisierungswelle einzulagern und den Rest gegen dringend benötigte Devisen zu verkaufen. Ägypten zum Beispiel hat bereits nagelneue S-300VM bestellt.

Die Welt ändert sich

Wäre eine Welt voll von Nicht-Betreten-Zonen für Raketen und Kampflugzeuge sicherer oder unsicherer? Die Antwort auf diese Frage hängt vom Standpunkt ab. Diese Zonen würden vor allem die Mächte treffen, die in der Lange sind, weltweit militärische Macht zu entfalten. Also die USA, deren militärische Macht sich auf die Beherrschung der Meere und den Einsatz von elf Flugzeugträgergruppen als klassischer Powerprojektoren stützt. Werden Küsten und Meerengen dieser Welt von Systemen wie der S-300 und der S-400 gesichert, heißt das nicht, dass der Flugzeugträger ausgedient hat. Aber die Ära, in denen die USA Träger und Jets ohne eigene Gefährdung einsetzen konnte, wäre vorbei. Aus Bombeneinsätzen gegen technologisch hilflose Gegner würde wieder ein echter Kriegseinsatz, der auch zu spürbaren Verlusten führen könnte. Ein Einsatz der kostbaren Träger- und Luftflotte würde dann sehr viel vorsichtiger erfolgen. 

Technische Daten zur S-300VM Antey-2500 in Englisch

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