VG-Wort Pixel

Iran-Konflikt Raketen, Drohnen, Schwarmattacken – so mächtig ist das Militär der Mullahs

Eine Iranerin schaut sich mehrere ausgestellte Taer-2-Raketen an
Eine Iranerin schaut sich mehrere ausgestellte Taer-2-Raketen an, die während der "Verteidigungswoche" im September 2019 in Teheran aufgebaut wurden
© Stringer / AFP
Die Raketen des Iran richteten absichtlich keinen Schaden an, aber sie demonstrierten die Fähigkeiten Teherans. Militärisch ist der Iran so mächtig, dass ein Angriff auf ihn selbst für die USA ein Wagnis mit unbekanntem Ausgang wäre.

Als Vergeltung für die Tötung von General Qasem Soleimani startete der Iran etwa 20 Raketen – gerichtet auf US-Militär-Basen im Irak. Dort richteten sie keinen größeren Schaden an, das Ergebnis ist nicht besonders eindrucksvoll. Teheran beabsichtigte, den Schaden kleinzuhalten und informierte den Irak und damit auch die USA vor dem Raketenschlag, wie die "New York Times" berichtet. "Die Schläge zeigen uns vor allem, dass Irans ballistische Raketen genaue und präzise Führungssysteme haben", kommentierte Carl Schuster, ein ehemaliger Direktor der Operationen im Joint Intelligence Center des US-Pazifikkommandos.

Und die Schläge zeigen, dass die Systeme die Raketen präzise ins Ziel bringen können. Das zeigen auch aktuelle Satellitenfotos. Hinzu kommt die Tatsache, dass die Iraner über genügend Raketen verfügen, um 20 Stück für eine symbolische Geste zu opfern.

Der Iran ist keine globale Supermacht, aber militärisch ein potenter Gegner

Dutzende von US-Einrichtungen befinden sich damit in ihrer Reichweite. "Wenn sie wollten, können die Iraner jeden dieser Orte treffen", sagte James Marks, ein pensionierter US-General und CNN-Analyst. Der Iran ist keine globale Supermacht, aber militärisch ein potenter Gegner.

In der Ausgabe 2019 des jährlichen Rankings des Global Firepower Power Index kam der Iran auf Platz 14 – noch vor Israel (18.) und Saudi-Arabien (25.). Die USA belegen den ersten Platz. Aber schon dieses Ranking macht klar, dass Washington den Iran nicht nebenher mit begrenzten Kräften angreifen kann.

Raketen

Zuerst fällt das Raketenarsenal des Irans auf. Es ist das größte und modernste im Nahen Osten. Die weitreichendsten Raketen besitzen eine Reichweite von etwa 2500 Kilometern, das ist die Entfernung, die zwischen Teheran und Athen liegt. Daneben verfügen die Streitkräfte über Raketen kleinerer Reichweite in sehr großen Stückzahlen, die ihre Ziele erstaunlich akkurat treffen. Etwa Qiam-1, sie wird seit 2011 in großen Mengen produziert und kann einen Gefechtskopf von 750 Kilogramm rund 700 Kilometer weit transportieren.

Neben den ballistischen Raketen hat Teheran auch Drohnen und Marschflugkörper entwickelt. Für militärische Einrichtungen sind diese unscheinbaren Waffen noch gefährlicher. Die niedrig fliegenden Objekte können von herkömmlichen Anti-Raketen-Systemen nicht abgeschossen werden und sind bei geschickter Wahl des Kurses kaum zu entdecken. Mehrere Angriffe im September 2019 auf Saudi-Arabien zeigten ihre tödliche Wirkung. Zwar können die iranischen Drohnen anders als die der USA keine Waffen abfeuern, aber sie können sich mit dem Sprengkopf ins Ziel stürzen – so wie die "Selbstmorddrohne" vom Typ Raad 85.

Luftabwehr

Auf Dauer könnte die Luftabwehr der Islamischen Republik den Angriffen der USA nicht trotzen. Aber auch nach der Lieferung des S-300 Systems durch Russland verfügt Teheran über eine moderne und mächtige Luftabwehr, die Überraschungsangriffe unmöglich macht. Bevor Washington weitere Ziele im Iran angreift, müsste das Luftverteidigungssystem ausgeschaltet werden.

Und die Mullahs können weiter auf die Unterstützung Moskaus vertrauen. Putin soll bereit sein, weitere Abwehrbatterien - darunter auch die weitreichende S-400 - zu liefern.

Cyberwaffen und Terror

Im Jahr 2010 ließen mutmaßlich die USA den Stuxnet-Wurm los, um iranische Industrieanlagen zu sabotieren. Inzwischen hat Teheran dazu gelernt und selbst fähige Hacker-Brigaden im Dienst. Sie sollen auch hinter Cyber-Angriffen in Saudi-Arabien stecken. Mit ihnen könnte Teheran sehr kostengünstig weltweit zuschlagen. Sympathisanten und Schläferzellen könnten weltweit Terrorakte durchführen. Teheran steht zudem im Verdacht, gewöhnliche Kriminelle für Attentate anzuheuern.

Die Kraft des Schwarms

Trotz einiger moderner Waffensysteme sind die Streitkräfte des Iran denen der USA technologisch haushoch unterlegen, wie sie sehr wohl wissen. Leider kennt Teheran auch das richtige Gegenrezept: Schwarm und Massenattacken. Sollte es zu einem offenen Konflikt kommen, werden Einrichtungen und Schiffe der USA nicht einzeln angegriffen, sondern in einer konzentrierten Welle. Der Iran wird alles, was an Speedbooten, Anti-Schiffs-Raketen, Drohnen und ballistischen Waffen vorhanden ist, in einer riesigen Wolke auf die Amerikaner loslassen. Zwischen den gefährlichen Waffen werden Täuschkörper und zivile Boote gemischt.

Dazu gibt es eine Besonderheit der Islamischen Republik: Sollte Trump den Iran angreifen, wird Teheran genügend Freiwillige für Kamikaze-Missionen finden.

In einer Übung im Jahr 2015 griffen die Islamischen Revolutionsgarden eine Nachbildung des Flugzeugträgers USS Nimitz im Persischen Golf mit immerhin 100 Booten an. Auf so eine Menge paralleler Angreifer sind die Hightech-Abwehrwaffen der USA nicht ausgerichtet. Selbst wenn jede Rakete der Abwehr einen Gegner trifft, blieben genügend übrig, die durchkommen. In dieser Situation wird die mächtige US-Navy zur Achillesferse Washingtons. Eine Basis am Boden übersteht den Einschlag von mehreren 500-kg-Sprengköpfen, wenn auch beschädigt, doch ein Schiff sinkt. Diese Erfahrung musste die USA schon im Jahr 2002 in der Angriffssimulation Millennium Challenge machen. General Paul Van Riper hatte damals den Part Teherans übernommen. In nur fünf bis zehn Minuten Kampfzeit gelang es Van Riper, mit einer energischen Schwarmattacke 19 US-Schiffe zu versenken – inklusive des Flugzeugträgers der Kampfgruppe.

Die Enge des Persischen Golfes und der Straße von Hormus spielt Teheran in die Hände. Diese Lebensader der Welt wird Washington nicht freihalten können. Der Iran hat Seeminen entwickelt und auch sie sollen in großen Mengen zur Verfügung stehen. "Wir haben die modernsten Seeminen, die sich die Amerikaner nicht vorstellen können", sagte Konteradmiral Ali Fadavi, der ehemalige Kommandant der iranischen Seestreitkräfte. Diese Art von Minen dümpeln nicht mehr passiv vor sich hin und warten darauf, dass ein Schiff sie anstößt. In einem gewissen Radius erkennen sie ein Ziel und greifen es an. Mit ihnen kann Teheran das Seegebiet komplett verseuchen. Eine Räumung der Minen ist unter Kriegsbedingungen kaum möglich, ohne eigene Schiffe in extreme Gefahr zu bringen. Auch hier ist es wahrscheinlich, dass zusätzlich zu den echten Minen große Mengen an Täuschkörpern ins Wasser gebracht werden.

Bodenkrieg

Eine Invasion und ein folgender Bodenkrieg gegen den Iran, so wie ihn die USA gegen den Irak führten, ist nicht zu befürchten. Politisch würden die USA unter ihrem unberechenbaren Präsidenten Trump keine Koalition der Willigen zusammenbringen, noch würde sich ein unmittelbarer Nachbar als Aufmarschgebiet zur Verfügung stellen. Trotz der Opposition und der Proteste im Iran glaubt niemand, dass die Bevölkerung die Invasoren als Befreier vom Mullah-Regime willkommen heißen würde.

Admiral Lord West - ehemaliger Erster Seelord der britischen Marine - schätzt, dass etwa eine Million Mann Bodentruppen für die Eroberung und die Besetzung des Landes nötig wären. Der Iran verfügt über etwa eine halbe Million aktiver Soldaten, kann zusätzlich aber auf Milizen und Veteranen zurückgreifen. Leicht würde der ein Einsatz ohnehin nicht. Der Iran ist massiv im Syrienkrieg engagiert und hat seine Lektionen daraus gelernt. Die iranischen Streitkräfte würden sich kaum in der Wüste zur offenen Feldschlacht stellen, sondern den Kampf ausschließlich im unübersichtlichen urbanen Gelände suchen und die USA so zu endlosen und verlustreichen Kämpfen Haus um Haus zwingen.

Neben der russischen S-300 hat der Iran das moderne Luftabwehrsystem Bavar-373 entwicklet.
Neben der russischen S-300 hat der Iran das moderne Luftabwehrsystem Bavar-373 entwicklet.
© Iranian Presidency / AFP

Fazit

Ein größerer Krieg ist unwahrscheinlich, weil der Iran nicht ohne eine extreme Anstrengung und massive Verluste zu besiegen ist. Die USA sind immer zu einzelnen Schlägen, wie bei der Tötung des Generals Qasem Soleimani, in der Lage. Doch danach muss die Welt den Gegenschlag Teherans fürchten. Selbst Donald Trump wirkte erleichtert, dass es bislang nur eine symbolische Reaktion gab. Aber die zeigte bereits, dass Teheran zu ganz anderen Schlägen in der Lage wäre.

Lesen Sie auch:

- Putins Raketen machen die Mullahs unangreifbar

- Wie ein 30 Jahre altes U-Boot eine US-Trägergruppe versenkt hat

- Darum spaltet der S-400-Deal von Putin und Erdogan die Nato - "Jetzt driftet die Türkei ab"

- Iron Dome - Was leistet Israels Abwehrschirm gegen Hamas-Raketen wirklich?


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker