VG-Wort Pixel

Rüstung Putins Raketen sind gar nicht so mächtig, sagt schwedische Militär-Studie

Russland S-400 im Baltikum sperren den Luftraum über den baltischen Staaten.
Russland S-400 im Baltikum sperren den Luftraum über den baltischen Staaten.
© Picture Alliance
Luftabwehrwaffen wie die S-400 und die Antischiffsraketen vom Typ Bastion sollen ganze Regionen für die NATO unpassierbar machen. Ein schwedischer Militärreport hält das für eine grobe Übertreibung.

"A2AD"-Zone – ist zum Militär Buzzword geworden. A2AD - Anti-Access Area Denial – meint die Fähigkeit, dem militärischen Gegner den Zugang zu einem Gebiet zu verwehren. Das hört sich defensiv an, hat aber eine Bedeutung, die weit über die Landesverteidigung hinausgeht. Denn die Sperrzone muss nicht zum eigenen Hoheitsgebiet gehören. Gerade weitreichende Abwehrraketen machen es möglich, eine Verteidigungsglocke über internationales Gebiet oder gar über das Hoheitsgebiet anderer Staaten zu errichten.

A2AD kann durchaus bedeuten, dass ganze Staaten von der Außenwelt abgeschnitten werden.

Die Nato-Staaten haben die Stationierung von russischen Abwehrraketen daher immer als indirekte Bedrohung verstanden. Moskau verfügt über eine ganze Reihe unterschiedlicher Waffen, am bekanntesten dürfte das Luftabwehrsystem S-400 sein. Hinzu kommen das Anti-Schiffssystem Bastion und die Iskander-Rakete zur Verwendung gegen Land-Ziele.

Abwehrmethoden, die nur auf kurze Distanz effektiv sind, dienen dem Objektschutz. Sie haben diese weitreichende blockierende Wirkung nicht. Denn auf die Reichweite kommt es an, sie bestimmt die Größe der Verteidigungskuppel. Ein Militärreport der "Swedish Defence Research Agency" (FOI) mit dem Titel "Bursting the bubble", legt die Vermutung nahe, dass die russische Bedrohung wohl größer dargestellt wurde, als sie tatsächlich ist.

Keine undurchdringliche Kuppel

Im Baltikum wird befürchtet, dass Russland mit den Waffen, die in der Enklave Kaliningrad stationiert sind, die gesamte östliche Ostsee problemlos absperren könnte. Schweden erörterte die Möglichkeit, Russland könne in einer Krise in einem Handstreich die Insel Gotland besetzten, um dort weitere Flugabwehrsysteme zu stationieren. Die drei baltischen Staaten wären dann komplett isoliert.

"In unserem Bericht stellen wir fest, dass die russische A2AD-Fähigkeit weniger effektiv ist, als vom russischen Militär und von der westlichen Presse behauptet wird. Es ist schwieriger, als viele Leute denken, ein zig Kilometer entferntes Ziel zu erkennen und zu treffen", sagte Robert Dalsjö, stellvertretender Forschungsleiter am FOI. Hinzu käme, dass die Größe der A2AD-Zonen systematisch falsch dargestellt wird. Die theoretische Flugweite der Raketen einer S-400 Batterie soll 400 Kilometer betragen, die effektiv nutzbare Reichweite betrage dagegen je nach Ziel 150 bis 200 Kilometer. Gegenüber tieffliegenden Marschflugkörpern kann sie sogar auf nur 20 Kilometer schrumpfen. Eines der Hauptprobleme ist, dass das startende System ein Ziel auf die große Entfernung nur erfassen kann, wenn es in großer Höhe unterwegs ist. Sonst müssten die Zieldaten während des Fluges durch luftgestützte oder vorwärts verlegte Radaranlagen aktualisiert werden. Dieses Verfahren wurde jüngst durch die US Navy erprobt. Es gilt als unwahrscheinlich, dass Russland es beherrscht.

Kein verlorenen Kampf

Trotz der vorhandenen Fähigkeiten sei es daher keineswegs aussichtslos, diese Regionen zu verteidigen, so Robert Dalsjö. Im Kriegsfall können Abwehrbatterie nicht agieren wie in einer Übung. Sie selbst würden zum Ziel von militärischen Angriffen. Die könnten elektronischer Art sein – etwa per Jamming blockiert werden – oder es könnten auch Teile der Abwehrsysteme direkt angegriffen und ausgeschaltet werden. "Man kann ein ganzes System neutralisieren, indem man nur ein Glied in einer Funktionskette ausschaltet, zum Beispiel eine Datenverbindung oder ein Feuerleitradar. Und da das Erfassen über den Horizont hinaus ein fliegendes Radar benötigt, kann es genügen, dieses Radarflugzeug abzuschießen", so Robert Dalsjö.

Alles in allem zeige der Report, dass die russische A2AD-Glocke weit kleiner ist, als oft angenommen, folgert Dalsjö. Und sie sei nicht undurchdringlich, wahrscheinlich könne man sich sogar zum Platzen bringen. Doch die westlichen Streitkräfte kämpften seit Langem gegen schlecht ausgerüstete Gegner, wie zum Beispiel die Taliban. Um gegen Russland bestehen zu können, seien andere Kapazitäten in der elektronischen Kriegsführung, bei wirksamen Gegenmaßnahmen und den Lenkwaffen erforderlich, so Robert Dalsjö.

In der Studie geht etwas unter, dass eine A2AD-Zone nie bedeutet hat, dass ein Gebiet hundertprozentig gesperrt wird. Oder dass jeder Gegner, der in die Sperrzone gerät, mit absoluter Sicherheit vernichtet wird. A2AD bedeutet, dass es mit einem großen Risiko verbunden ist, in dieser Zone militärisch zu operieren.

Die Militärstrategie der USA baut bisher auf überraschende Schläge aus der Luft auf. Die Taliban oder ein Land wie der Irak besaßen kein Mittel um die Marschflugkörper, Jets und Raketen der USA aufzuhalten. In einer russischen A2AD könnten selbst die USA nicht ungestört agieren. Bevor irgendein anderes Ziel in der Zone angegriffen werden kann, müsste zunächst die Luftverteidigung niedergerungen werden. Der Gegner wäre gewarnt, der Überraschungsmoment dahin. Und man müsste damit rechnen, auch eigene Verluste zu erleiden.

Quellen: KonflikteundSicherheitFOI

Lesen Sie auch:

S-300 - Putins Raketen machen die Mullahs unangreifbar

Russlands S-400 könnte Erdogan auch gegen West-Jets einsetzen

Cruise Missile Tomahawk – der Hammer der US-Marine

 Chinas Raketen verdreifachen ihre Reichweite

Kra

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker