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Entschärfung des Konflikts? Plötzlich diplomatisch: Darum sucht Trump keine weitere Eskalation mit dem Iran


In einer ersten Reaktion auf den iranischen Vergeltungsschlag spricht Donald Trump nicht von Krieg, sondern von Verhandlungen und sogar von Frieden. Kein Wunder: Aus Sicht der USA spricht so ziemlich alles gegen eine weitere Eskalation.

Der US-Präsident präsentiert sich gerne im Kreis von Männern und Frauen mit ordenbeschwerten Uniformen und patriotisch-stolzem Blick. Auch die Veteranen zahlloser Kriege und Einsätze preist er bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Sowohl der Oberbefehlshaber als auch der Politiker Donald Trump weiß: Der Schulterschluss mit den bewaffneten Staatsdienern ist Pflicht. Noch häufiger verweist der mächtigste Mann der Welt darauf, die "endlosen Kriege" zu beenden und die verdienten Soldaten zurück nach Hause zu holen. Nicht nur seine treusten Fans hören das gerne.

Die USA sind kriegsmüder denn je

Die USA sind kriegsmüde, vielleicht mehr als je zuvor. Der Einsatz in Afghanistan geht ins 19. Jahr, im Irak sind die US-Truppen seit 2003, dazu kommen noch die vielen kleineren Operationen wie in Libyen und Syrien. Trumps Wahlkampfversprechen, mit der scheinbar fruchtlosen Kämpferei endlich Schluss zu machen, hat viele Amerikaner 2016 überzeugt, für ihn zu stimmen. Auch beim nächsten Wahlgang im November werden die Anhänger Donald Trump an seinen Worten messen. Und er braucht seine Basis.

So zynisch es klingt, aber oft sind Kriege in Wahlkampfzeiten Gold wert. Für US-Staatsoberhäupter gibt es kaum eine bessere Gelegenheit, sich als starke Führer zu präsentieren, als wenn der Präsident zum Oberbefehlshaber wird. Theoretisch dürfte das auch für den Amtsinhaber gelten – doch der gibt sich lieber als "Dealmaker" denn als Kriegsherr. Einer, dem man über alles verhandeln kann. Dem Erzfeind Iran gegenüber versucht es Trump mit wenig Zuckerbrot und sehr viel Peitsche, sogar direkte Gespräche hatte er Teheran angeboten. Doch die Mullahs triezen die USA lieber mit militärischen Nadelstichen. Solange, bis der US-Präsident reagierte und ihren Top-General Ghassem Soleimani per Drohne töten ließ.

Das spricht gegen eine Eskalation im Konflikt mit dem Iran

Wie vom Regime angekündigt, rächten sich die Iraner mit einer Attacke auf zwei Militärbasen im Irak. Washington hätte nun die Option, den Vergeltungsschlag zu vergelten oder die Sache auf sich beruhen zu lassen. Eigentlich spricht sehr viel für letzteres:

  • Die Stimmung. Keine Regierung kann einen Krieg ohne die (grundsätzliche) Unterstützung der Bevölkerung führen. Umfragen aber zeigen nicht nur, dass die allermeisten US-Bürger keine weiteren militärischen Abenteuer wünschen, sondern sie zweifeln nach dem Angriff auf Soleimani zudem an Trumps grundsätzlichem Iran-Kurs. 53 Prozent lehnen den aktuellen Umgang mit dem Erzfeind ab, 39 Prozent sogar "entschieden", wie aktuelle Zahlen von Reuters/Ipsos zeigen.
  • Die Strategie - beziehungsweise dass, was das Weiße Haus dafür hält. Obwohl sich der Iran an das Atomabkommen gehalten hatte, war Donald Trump aus der Abmachung ausgestiegen. Um das Land an den Verhandlungstisch zurückzuzwingen, verschärfte der US-Präsident nochmals die Sanktionen. Davon unbeeindruckt, piesackte das Regime in Teheran die USA über Monate hinweg. Als das US-Militär im Sommer einen Angriff einleitet, bricht ihn Trump in letzter Minute ab. Respekt hat er sich damit nicht unbedingt verschafft.Einschätzung USA-Iran-Irak 11.05
  • Die Gegenwehr. Militärisch ist der Iran den Amerikanern unterlegen. Doch die Mullahs haben andere Fähigkeiten. Über ihre zahlreichen verbündeten Milizen in der Region (vom Irak über Syrien bis in den Libanon) sind sie in der Lage, asymmetrisch Anschläge und Angriffe gegen US-Soldaten zu führen. Und auch wenn die iranische Cyberarmee nicht mit der Russlands oder Chinas zu vergleichen ist, ist das Regime durchaus in der Lage, virtuell gegen den Erzfeind zu kämpfen.
  • Die Iraner. Bis vor kurzem waren bei Unruhen in dem Land noch unzählige Menschen ums Leben gekommen. Grund für die Unzufriedenheit: die Sanktionen und die schlechten Lebensbedingungen. Iran-Gegner freuten sich schon auf einen Umsturz der Regierung. Doch dann töteten die USA mit Soleimani einen der wenigen Volkshelden, auf den sich auch oppositionelle Iraner verständigen können und schon steht das Land wieder vereint beieinander. Jede weitere, ähnliche Eskalation dürfte das 80-Millionen-Volk noch weiter zusammenschweißen.

Nun ist Donald Trump, der Verhandler, gefragt

Der US-Präsident wäre mit dem Klammerbeutel gepudert, wenn er den Konflikt mit den Iran weiter forcieren würde. Doch Donald Trump ist eben auch der Staatschef mit dem unberechenbaren Temperament, einer der gerne die Ratschläge seiner Generäle und Berater ignoriert. Was der Nahe Osten aber derzeit braucht, ist ein Verhandler und kein Kriegsherr. Und vielleicht jemanden, der schon einmal die Rechnung vorbereitet. Denn Militäreinsätze kosten sehr viel Geld  — und die Sprache von Rechnungen versteht der US-Präsident.


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