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Flak-Raketen Die Nazis hätten im Luftkrieg siegen können – doch sie stecken die Ressourcen lieber in die V2

Raketen wie die Wasserfall hatten das Potenzial, den Bombenkrieg zu beenden.
Raketen wie die Wasserfall hatten das Potenzial, den Bombenkrieg zu beenden.
© Commons
Den Bombenkrieg über Deutschland hätten Flugabwehrraketen beenden können. Die Nazis verstanden den Wert dieser Raketen nicht, sie steckten die Ressourcen in spektakuläre, aber militärisch sinnlose Terror-Waffen.

Die Nachwelt wie auch die Nazis selbst schauten beim Thema Raketen des Zweiten Weltkriegs gebannt auf die V2-Rakete. Sie war ein technisches Wunderwerk. Die riesige Rakete erreichte den Weltraum, um dann in der Bahn einer Ellipse wieder zur Erde zu stürzen. Auf ihr beruhten die Atomraketen der Nachkriegszeit und der Genius hinter der V2, Wernher von Braun, gewann später das Rennen zum Mond für die USA. Rüstungstechnisch war das Aggregat 4 – so der ursprüngliche Name – der reinste Wahnsinn. 

Die Waffe verschlang unglaubliche Ressourcen und konnte viel zu wenig Sprengstoff ins Ziel bringen, um irgendwie den Krieg zu entscheiden. Der verbrecherische Charakter des Projekts zeigte sich auch darin, dass beim Bau der Rakete mehr Zwangsarbeiter ermordet wurden, als ihren Sprengköpfen zum Opfer fielen. Erst die Vernichtungshaft der Atomsprengköpfe machte derartige Raketen zu gefährlichen Waffen.

Im Schatten der V2

Im Schatten der Star-Rakete verkümmerte ein anderes viel aussichtsreicheres Projekt, denn damals wurden auch die ersten Luftabwehrraketen entwickelt. Nach den alliierten Luftangriffen auf Schweinfurt 1943 war offensichtlich, dass die deutsche Luftwaffe das Reichsgebiet nicht wirksam schützen konnte. Nur eine Stärkung der Luftabwehr hätte den Verlauf des Krieges noch ändern können.

"1943 hätte Deutschland die Situation nur noch herumreißen können, wenn es sich nicht auf die V2 konzentriert hätte, sondern auf die Entwicklung effektiver Luftabwehrraketen", sagte Militärexperte Oberst Walter Boyne in einer TV-Dokumentation. Doch diese vielversprechenden Projekte hatten nur einen geringen Stellenwert im NS-Staat. "Das passte nicht zur ideologischen Linie. Waffen nur für die Verteidigung wären ein Eingeständnis, dass der Krieg verloren geht."

Chaos in der Planung

Entwickelt wurde eine ganze Reihe von sogenannten Flakraketen. Die Projekte hießen Taifun, Feuerlilie, Hecht, Rheintochter, Schmetterling, Enzian und Wasserfall. Schon an der Menge der einzelnen Projekte erkennt man die Unfähigkeit des Führerstaats, derartige Entwicklungen zu koordinieren und zu priorisieren. Wasserfall war die größte und anspruchsvollste Waffe, während Taifun die Lowtech-Variante darstellte. Auch Hitlers Rüstungsminister Albert Speer erkannt später in der Haft, welchen Fehler er gemacht hatte, als er die V2 protegierte, die nur einen Propagandawert besaß. Er gestand ein, dass, wenn alle Raketen-Ressourcen in Projekte wie Taifun und Wasserfall geflossen wären, die Entscheidung einen großen Einfluss auf den Krieg gehabt hätte.

Stalinorgel des Himmels 

Die Taifun ist die simpelste Waffe und gerade darum am interessantesten. Dieses System hätten die Deutschen noch am Ehesten in großen Stückzahlen herstellen können. Die Taifun zeigt ein Umdenken, das gegen Ende des Krieges einsetze. Bei dieser Waffe hatten die Deutschen von der sowjetischen Rüstung gelernt. Anstatt immer kompliziertere, auf den ersten Blick geniale Lösungen anzustreben, die in der Praxis nicht reibungslos funktionierten und die auch nur in kleinen Stückzahlen produziert werden konnten, setzte man darauf, einfache, solide und leicht herzustellende Waffen mit hoher Vernichtungskraft zu bauen.  Die Taifun entsprach einer Stalinorgel für die Luftverteidigung. Anders als Wasserfall und Rheintochter wurden die Raketen nicht ins Ziel gelenkt. Es waren dumme Waffen.

Wasserfall erste modere Luftabwehrrakete

Die Rakete hatte die Form eines schmucklosen Rohres von 193 Zentimetern Länge und zehn Zentimeter Durchmesser. Sie erreichte eine Geschwindigkeit von 2730 km/h und eine Gipfelhöhe von 15.000 Metern. Angetrieben wurde sie von Salpetersäure und einem synthetischen Treibstoff. 10.000 Meter Höhe erreichte sie in nur 14 Sekunden – die schwerfälligen Bomberpulks hätte man leicht auf Sicht angreifen können.

Die Taifun sollte nicht einen einzelnen Bomber gezielt anfliegen, sie wurde auf einem Mehrfachwerfer montiert, der in eine Salve von 48 Raketen in den Himmel schoss.

Eine Batterie hätte auf einen Schlag Hunderte von Raketen auf einen Bomberpulk losgelassen. Die Vielzahl von Explosionen hätte dann eine undurchdringliche Splitterwolke produziert. Zum Einsatz kam die einfache Rakete nicht.

Andere Flakraketen waren weit ambitionierter. Die Wasserfallrakete war fast acht Meter lang und konnte einen Sprengkopf von 300 Kilogramm 48 Kilometer weit transportieren. Aufbau und Technik der Wasserfall waren wegweisend für die Luftabwehrraketen der USA und der UdSSR nach dem Krieg. Auch von der Wasserfall wurden bis Kriegsende nur Prototypen gebaut.

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