Zensur in Myanmar Technik ist die wertvollste Waffe


Anders als bei der blutigen Niederschlagung der Demokratiebewegung vor fast 20 Jahren erfährt die Welt derzeit ausführlich von den Protesten in Myanmar - vor allem dank privater Mobiltelefone und des Internets. Die Militärs versuchen dabei den Informationsfluss zu blockieren.

Auch wenn die Informationen aus Myanmar manchmal nur schleppend langsam übermittelt werden, sind Aktivisten vielfach die einzige Quelle für die dramatischen Ereignisse in dem südostasiatischen Land. Die Militärjunta hat nach Angaben der Organisation Reporter ohne Grenzen daher schon mehrere Handy-Verbindungen kappen lassen.

Von Myanmar gesehen auf der anderen Seite der Welt, in der norwegischen Hauptstadt Oslo, laufen die übermittelten Informationen bei einem kleinen Sender ein: Die 1992 von Exilbirmanern gegründete Demokratische Stimme Birmas gibt die Nachrichten über Satellitenfernsehen und Kurzwellenradio weiter. Bilder und Informationen über die Proteste könnten fast in Echtzeit weitergegeben werden, sagt Chefredakteur Aye Chan Naing. Dadurch könne die Welt, anders als 1988, die Proteste heute über Fernsehberichte und Standbilder verfolgen. Bei Exilbirmanern gingen E-Mails mit dramatischen Bildern ein, und Journalisten erhielten Handy-Anrufe, sagt Naing weiter. Hunderte Bilder würden außerdem einfach ins Internet gestellt, und die Menschen in Birma über Kurzwellenradio informiert. Im Gegensatz zu 1988 gebe es heute jede Menge technischer Möglichkeiten, um Nachrichten aus Myanmar zu übermitteln, sagt Vincent Brossel von Reporter ohne Grenzen. Die Menschen könnten anhand von Fotos und Videos beweisen, was bei den Protesten vor sich gehe.

Geheime Reporter

"Technik ist die wertvollste Waffe, die man bei solchen pazifistischen Kämpfen einsetzen kann", erklärt Brossel. Aung Zaw vom unabhängigen Magazin "Irrawaddy" in Thailand erklärt, 1988 habe es "Tage, manchmal Wochen, sogar Monate" gedauert, um Bilder aus Myanmar zu übermitteln. Heute gehe alles deutlich schneller: "Die Welt weiß nicht, wo Myanmar ist. Jetzt sehen sie Bilder von der Situation dort und wollen mehr wissen. Das ist ein großer Unterschied zu 1988", sagt der Redakteur. Naing von der Demokratischen Stimme Birmas betont, dass die neuen technischen Möglichkeiten äußerst wichtig seien. Wie seine 30 bis 40 "geheimen Reporter" arbeiten, will er aber nicht genau sagen.

Denn wer in Myanmar offen als Journalist arbeitet, könnte festgenommen werden. "Mobiltelefone sind entscheidend. Mobiltelefone sind der Weg, über den unsere Leute von vor Ort berichten können", erklärt der frühere Student der Zahnmedizin. Am Morgen hätten die Streitkräfte einige Mobiltelefone abschalten lassen, sagt Naing. Zuvor hatten Aktivisten von fünf Toten beim gewaltsamen Vorgehen der Sicherheitskräfte gegen die Demonstranten am Mittwoch berichtet - die Regierung sprach von mindestens einem Toten und drei Verletzten. Brossel sagt, die Militärjunta bemühe sich, den Informationsfluss zu stoppen, indem Internetverbindungen verlangsamt und Handy-Verbindungen gekappt würden. Schon am Mittwoch hätten lahme Verbindungen das Verschicken von Fotos und Videos erschwert. Viele Internetcafés - nur wenige Birmaner haben einen Online-Anschluss zuhause - seien geschlossen worden, berichtet der Mitarbeiter von Reporter ohne Grenzen.

Völlige Zensur ist unmöglich

Die Opposition arbeite inzwischen aber mit Satellitentelefonen, mit denen Zensur, Firewalls und andere Restriktionen umgangen werden könnten. Aber nicht nur die Kommunikation ins Ausland, sondern auch die Informationsvermittlung innerhalb Birmas sei wichtig, sagt Aung Din von der Organisation U.S. Campaign for Burma in Washington. Studenten tauschten mit Hilfe von SMS Informationen aus, über Handy würden Demonstrationen organisiert und Mitstreiter über den Standort von Soldaten informiert. Die häufig beschlagnahmten Handys hätten sich als unschätzbarer Wert erwiesen, sagt auch Soe Aung vom National Council of the Union of Burma, einer in Thailand ansässigen Vereinigung von Oppositionsgruppen.

Die Myanmar-Expertin Mary Callahan von der University of Washington erklärt, 1988 hätten die Streitkräfte einfach Bahnverbindungen stilllegen, Straßensperren errichten und Telefonverbindungen kappen und damit die Organisation der Proteste erheblich erschweren können. Heute könnten die Demonstranten mit Hilfe von Internet und Handys "intern und extern Unterstützung mobilisieren". Die Junta könne die technischen Möglichkeiten nicht völlig kontrollieren, ist auch Din überzeugt. "Und es macht einen großen Unterschied, wenn man Information schnell übermitteln kann."

Doug Mellgren/AP

Myanmar, Burma oder Birma?
Liebe Leser, wie Ihnen sicher schon aufgefallen ist, gibt es für das südostasiatische Land verschiedene Begriffe: Birma, Burma, Myanmar. In vielen deutschen Medien wird es Birma genannt, vereinzelt auch Burma, wie im englischen Sprachraum üblich. Seit 1989 heißt es offiziell Union Myanmar. So wird es von den Vereinten Nationen und von der Bundesrepublik Deutschland bezeichnet. Einige Länder sind aus Protest gegen das dort herrschende Militärregime bei Birma/Burma geblieben, wie etwa die USA und Australien. stern.de hat sich entschieden, das Land Myanmar zu nennen.
Die Redaktion


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker