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Streik-PR: Die Milchverkäufer

Der erste Milch-Lieferboykott ist auch der Erfolg einer kleinen PR-Agentur aus Bayreuth. Sie hat aus der zersplitterten Branche der Milchbauern einen schlagkräftigen David geformt, der sich gegen den Einzelhandel-Goliath durchsetzen konnte - und nun beruhigt mit dem nächsten Boykott drohen kann.

Von Doris Schneyink

Seit sie sich um die Bauern kümmern, ist nichts mehr so in ihrem Leben, wie es einmal war: Jutta Weiß und Franz Grosse leiten eine kleine PR-Agentur in Bayreuth, normalerweise schreiben sie Pressetexte für Roger Whittaker oder Metallica, wenn die auf Tournee gehen. Doch jüngst schrieben die beiden Geschichte: Aus einem Büro am Berliner Ku'damm organisierten sie gemeinsam mit dem kleinen Bundesverband der Milchviehhalter den ersten Milch-Lieferstreik Deutschlands. Erfolgreich aus Sicht der Produzenten, vielerorts blieben die Kühlregale leer, der Discounter Lidl brach schließlich aus der Einheitsfront der Handelskonzerne aus und erhöhte den Milchpreis um zehn Cent pro Liter.

Nun ist längst nicht klar, ob die Preise nicht bald wieder fallen könnten und Vertreter von Großmolkereien prophezeien, dass bei den Bauern lediglich 0,3 Cent ankommen könnten. Denn viele Molkereien stellen überwiegend Käse oder Milchpulver her, Produkte also, für die die Preise nicht erhöht werden. Dennoch ist die Agrarbranche beeindruckt: "Es ist absolut neu in Deutschland, das der Handel direkt mit Bauern redet. Das hätte dem Bundesverband der Milchviehhalter (BDM) niemand zugetraut", sagt Holger Thiele vom Bundesforschungsinstitut für Ernährung und Lebensmittel in Kiel: "Die sind unheimlich professionell in den Medien aufgetreten."

"Bauern durften nicht einfach wieder auf ihre Höfe verschwinden"

Ein Kompliment, das Jutta Weiß gerne hört. Denn die Kommunikations-Strategie des BDM hat sie zu verantworten. Es war ihre Idee, gleich nach Beginn des Lieferboykotts am 26. Mai in der Hauptstadt eine Streikzentrale zu organisieren. "Wir ahnten ja, dass es eine riesige Welle der Solidarität geben würde", sagt sie. "Die Bauern durften nicht einfach wieder auf ihre Höfe verschwinden." Zehn Tage lang haben sie und der BDM-Vorstand von acht Uhr morgens bis Mitternacht in der "Kampa" am Kurfürstendamm 30 in Berlin gearbeitet. Unablässig klingelten die Telefone, Bauern wollten wissen, ob sie nun eine Molkerei blockieren sollen oder nicht, die Tagesschau, Reuters, DPA, der WDR brauchten Interviews mit Romuald Schaber, dem Vorsitzenden des Bundesverbandes Deutscher Milchviehhalter (BDM). Es war heiß, ein Ventilator surrte, auf den Tischen stapelten sich Faxe mit Solidaritätserklärungen - die CDU-Landtagsfraktion Niedersachsen gratulierte, die Erzeugergemeinschaft Oder-Spree schloss sich dem Boykott an, der Landmaschinenverleiher Rainer Kunz gewährte streikenden Bauern vier Wochen Zahlungsaufschub. Der spanische Bauernverband rief an und wollte wissen, was denn da los ist in Deutschland. Milch-Lieferboykott war los.

Und der Vorstand des BDM hat diese Aktion gemeinsam mit Jutta Weiß und Franz Grosse generalstabsmäßig vorbereitet.

Seit drei Jahren beraten die beiden PR-Profis aus Bayreuth den BDM. "Die Tatsache, dass die Bauern aufstehen und sich wehren, finde ich persönlich charmant", sagt Jutta Weiß. 800 Euro im Monat brachte ihr der neue Job zunächst. Dafür erklärte sie den Bauern, wie man einen ordentlichen Presseverteiler aufbaut und wie man durchdringt mit seiner Botschaft - nach innen, bei den eigenen Leuten. Und nach außen in den Medien. Denn der Kampf um Aufmerksamkeit ist vor allem ein Kampf um Bilder. "Wir haben den Bauern gesagt, passt auf, wenn ihr Milch wegschüttet ist das ein Riesenproblem, das schafft keine Sympathie", sagt Jutta Weiß. Doch Milch zu verschenken an Kindergärten oder Krankenhäuser ging nicht, weil die Bauern vertraglich an die Molkereien gebunden sind. Also entschied man sich, die Milch zu verfüttern oder mit der Gülle auf die Felder zu gießen.

Bauer, mach Dich nackt

Eine andere Idee der PR-Profis: Die Bauern sollten sich mit nacktem Oberkörper und Schildern präsentieren, auf denen stand ‚Bauern kämpfen um ihre nackte Existenz'. "Das hat viel mehr gezogen, als wenn man immer nur symbolisch den Milchpreis zu Grabe trägt", sagt Jutta Weiß. Und dann war da noch die Sache mit der Kuh "Faironika". Die Idee haben sie geklaut bei österreichischen und französischen Bauern. "Faironika" ist aus Plastik, lebensgroß und schwarz-rot-gold angemalt. "Die faire Milch" steht drauf. Das Rindvieh war in vielen Zeitungen zu sehen.

Der BDM-Vorsitzende Romuald Schaber sagt: "Wir waren absolute Laien in der Medienarbeit und auf Tipps angewiesen. Man darf sich da nicht verweigern und muss pfiffig und möglichst attraktiv sein." Das ist ihnen offenbar gelungen: Nach einer Woche Lieferboykott sagten laut einer Forsa-Umfrage 88 Prozent der Deutschen, sie seien bereit, zehn Cent mehr für die Milch zu zahlen.

BDM wird gefürchtet, gehasst und bewundert

Der jetzt so erfolgreiche BDM wurde erst vor zehn Jahren gegründet. Anders als der große, mächtige Bauernverband mit seinem Präsidenten Gert Sonnleitner vertritt der BDM ausschließlich die Interessen von Milchbauern. Inzwischen hat der Verband 33.000 Mitglieder, ein Drittel aller deutschen Milchbauern. Die Truppe genießt innerhalb der Agrarszene ein ähnliches Ansehen, wie die kleine Lokführergewerkschaft GDL bei der Bahn: Sie wird gehasst, bewundert und gefürchtet. Sie ist kampagnenfähig. Sie ist David und kämpft gegen Goliath. Das ist die beste Story, die einem PR-Profi begegnen kann.

Aber der Weg zum David-Gefühl war langwierig. Jutta Weiß sagt: "Bauern sind Individualisten, sie leben vereinzelt auf ihren Höfen, haben sehr viel Arbeit und wenig Zeit, sich zu informieren." Also hat sie zunächst einmal eine Verbandszeitung aufgebaut. "Das hat der Sache einen enormen Kick gegeben", sagt sie. Die gewaltige Unzufriedenheit mit den niedrigen Milchpreisen mündete schließlich in einer klaren Forderung: Wir wollen einen fairen Milchpreis von mindestens 43 Cent pro Liter. Wir werden ausgebeutet vom Einzelhandel. Und unsere eigenen Funktionäre verraten uns.

Auf einer Großkundgebung griff der Vize-Chef des BDM Walter Peters vor 7000 Bauern frontal an: "Die Ursache für unsere miserable Situation ist in unseren eigenen Verbänden zu suchen. Es ist Zeit, diese von uns gewählten Vertreter von ihren Ämtern zu befreien." Ohrenbetäubendes Gejohle. Clemens Krebbers, 28, ist extra aus Weeze am Niederrhein zur Kundgebung angereist. Auch er ist enttäuscht vom Bauernverband. "Die sagen uns seit Jahren, wir sollen größer werden, unsere Kosten in den Griff kriegen und für den Weltmarkt produzieren." Aber auf dem Weltmarkt werden gerade einmal 6,3 Prozent der Milcherzeugnisse gehandelt. Die Chinesen produzieren ihre Milch selbst. Die Inder auch. Und Bauer Krebbers ist mit 300 Kühen schon ziemlich groß, verdient aber trotzdem kaum Geld. Wir wollen den Systemwechsel", sagt Krebbers. "Die Bauern müssen bei den Preisverhandlungen mitreden können." Bisher verhandeln die Molkereien und der Einzelhandel den Preis für Milch unter sich aus.

Richtiger Zeitpunkt für Boykottende

Am 5. Juni hat Romuald Schaber den Lieferboykott für beendet erklärt. Aus strategischer Sicht der richtige Zeitpunkt: Die Öffentlichkeit war noch nicht genervt von den leeren Milchregalen, die Moral der Bauern ungebrochen und der Einzelhandel bereits eingeknickt. Zwar hat der BDM sein eigentliches Ziel nicht erreicht. Aber er ist stark genug, um glaubwürdig mit einem neuen Boykott drohen zu können. Und das tut er auch: "Wenn man versucht, uns aufs Kreuz zu legen, dann sind wir wieder da. Und beim nächsten Mal sind nicht nur 60 Prozent der Milcherzeuger dabei, sondern unter Umständen 90 Prozent", sagte Romuald Schaber auf der Kundgebung.

Jutta Weiß saß zu dem Zeitpunkt schon wieder in der Streikzentrale am Ku'damm und schickte die Pressemitteilung zu Schabers Rede heraus. Müde, ein bisschen berauscht vom eigenen Erfolg.

Und ärgerlich. Nach dieser Kampagne wird sie die Abkürzung "BDM" wohl nie mehr los. "Das Kürzel steht ja auch für den Bund Deutscher Mädchen", sagt sie. Und der Bezug zur Jugendorganisation der Nazis ist mehr als unglücklich, wenn man in der Öffentlichkeit positiv wahrgenommen werden will. Bei den Bauern hat es trotzdem geklappt.

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  • Doris Schneyink