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Die Hysterie um unsere Ernährung: Genießen wir noch oder hyperventilieren wir schon?

Beim Dinner mit Freunden muss man gut aufpassen: Der eine isst keinen Weizen, die andere keinen Zucker. Fettfrei soll es sowieso sein. Aber wo bleibt da eigentlich der Genuss?

Von Denise Wachter

Was hat es eigentlich noch mit Genuss zu tun, wenn wir uns ständig nur mit unserer Ernährung auseinandersetzen?

Was hat es eigentlich noch mit Genuss zu tun, wenn wir uns ständig nur mit unserer Ernährung auseinandersetzen?

Neulich musste ich zum Arzt, meine Oberlippe war auf ihre dreifache Größe angeschwollen. Nein, kein Botox, auch kein Wespenstich, sondern eine allergische Reaktion, wie mir mein Arzt attestierte. Die Vermutung: Kreuzreaktion durch Lebensmittel mit der Empfehlung auf alle histaminhaltigen Lebensmittel zu verzichten. Okay, dachte ich mir, das kriege ich hin. Bis ich die Liste zu sehen bekam: Parmesan, Rotwein, Sekt, Balsamico-Essig, Prosciutto (italienischer Schinken), Tomaten, Nudeln. Sie nahm kein Ende und ich war in Schockstarre.

Wirklich, darauf sollte ich verzichten? Ich, die Pasta-Liebhaberin schlechthin, vor allem in Kombination mit Parmesan und Rotwein, sollte allergisch auf genau diese Produkte reagieren? Das konnte nicht sein. Am Abend vorher jedoch, hatte ich in der Tat eine Pasta mit Tomatensauce und viel Parmesan gekocht, ein Schluck Rotwein war auch mit dabei. Trotzdem, die Empfehlung des Arztes ging mir zu weit, auch die Verdachtsdiagnose, ich hätte eine Lebensmittelunverträglichkeit. Ich begann zu grübeln.

Hysterie ums Essen

Den Ernährungshysterien begegne ich schon seit längerer Zeit - auch in meinem Freundeskreis. Eine gute Freundin klagte seit Wochen über Bauchschmerzen und Übelkeit, ihr Arzt riet ihr daraufhin, auf bestimmte Produkte wie Gluten, Milchprodukte und auch Zucker zu verzichten, um herauszufinden, ob die Beschwerden mit der Ernährung zu tun haben.

So begann sie ihre Ernährung umzustellen, zum Frühstück gab es nur noch Obst, das Mittag- und Abendessen beschränkte sich auf Gemüse oder Salat. Wirklicher Genuss ging dadurch komplett verloren. Die Bauchschmerzen verschwanden nicht, die Übelkeit nur bedingt. Was allerdings passierte: Sie verlor die Leidenschaft am Essen. Bei Einladungen musste nun immer erst erfragt werden, welche Produkte sie eigentlich noch essen dürfe. Pasta mit Parmesan fiel da erstmal aus - zu viel Gluten, zu viel Laktose - und für mich, laut meines Arztes, zu viel Histamin. Der Genuss wurde zur Nebensache.

Sind wir noch ganz dicht?

Eine andere Freundin eröffnete mir vor einiger Zeit, sie würde ab sofort auf Fleisch- sowie Wurstprodukte verzichten. Sie möchte diese tierischen Produkte nicht mehr zu sich nehmen, sie würden ihr nicht gut tun. Kurze Zeit später litt sie an starkem Haarausfall. Ihre Ärztin sah einen Zusammenhang mit dem Verzicht auf Fleisch, obwohl sie vorher auch nur in Maßen Steak oder Schinken gegessen hatte. Bei einem meiner vegetarischen Freunde ist das Fett der Feind: An die Sauce darf ja nicht zu viel Butter oder huch, viel schlimmer, Sahne ran. Auch mit Olivenöl ist bei diesem Freund nicht zu spaßen, obwohl das ja wertvolle Fette enthält.

Ich habe das Gefühl, dass sich die Hysterie um gesunde Ernährung in den letzten Jahren zu einem gewaltigen Hype entwickelt hat - und das nicht unbedingt im positiven Sinne. Früher wurde nur eine Sau durchs Dorf getrieben: Erst war es das Fett, dann das Gluten und der Zucker. Nun sind es nicht mehr nur diese drei Dinge, sondern eine ganze Herde von Produkten wie Fleisch, Laktose, Genfood oder Nüsse. Sind wir noch ganz dicht? Oder ist es einfach Luxus, dass wir uns mit unserer Ernährung so akribisch auseinandersetzen können? Zumindest entspricht es unserem Zeitgeist: um uns selbst zu kreisen und unseren Alltag zu optimieren. Am Ende sind wir dann einfach zu gut informiert über mögliche Lebensmittelunverträglichkeiten und die bösen Seiten des Essens. Das hat denselben Effekt wie Symptome zu googlen: Man fühlt sich plötzlich sehr, sehr krank. Die Industrie macht sich unsere Hysterie derweil zunutze und verdient sich mit Produkten, die glutenarm, laktosefrei oder fleischlos sind, eine goldene Nase.

Heute mal vegan oder doch besser ohne Gluten?

Beim Dinner im Freundeskreis sollte man zukünftig vorab erfragen, ob das Menü vegetarisch, vegan, glutenarm oder laktosefrei zubereitet werden soll, sonst läuft man Gefahr, eine Freundin am Tisch sitzen zu haben, die nur an ihrem Salatblatt knabbert. Natürlich nur, wenn das Dressing keine Milchprodukte enthält. Eigentlich ist es ja richtig, dass wir darüber nachdenken, was wir in uns hineinstopfen. Aber bitte auf eine gesunde Art, und bitte mit einer gehörigen Portion Genuss ohne schlechtes Gewissen. Darauf kommt es letztendlich doch an.

Was die Empfehlung meines Arztes angeht? Die Anweisung auf histaminhaltige Produkte zu verzichten, habe ich schlichtweg ignoriert. Mein Abendessen: Pasta mit Tomatensauce und ein Berg von Parmesan. Dazu gab es ein Glas Rotwein. Die Auswirkungen? Meine Oberlippe schwoll natürlich wieder ab und es passierte auch zukünftig nichts mehr, meine angebliche Unverträglichkeit von Histaminen verflüchtigte sich.

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