Darfur Auf Rachefeldzug mit Rebellen


Der sudanische Staatschef ist wegen Völkermords angeklagt. Seine Armee und ihre verbündeten Reitermilizen ziehen seit Jahren marodierend durchs Land. Mohammed steht auf der anderen Seite, Regierungstruppen haben seine Familie abgeschlachtet. Unterwegs mit einem Rebellen auf Rachefeldzug.
Von Carsten Stormer, Darfur

Am liebsten würde er sie alle abknallen. Männer, Frauen, Kinder. So wie sie es getan haben. Egal. Hauptsache Rache nehmen. An den Arabern und deren Reitermilizen, sagt er und fährt sich mit Daumen und Zeigefinger über den Flaum an seiner Oberlippe. Weil sie ihm alles genommen haben, was er einst geliebt hat. Die Eltern ermordet, die Schwester vergewaltigt und sein Dorf niedergebrannt - seine Zukunft. Einige habe er schon erwischt, sagt er. Doch das reicht ihm nicht. "Nie werde ich verzeihen, nie vergessen können", sagt der Mann, dessen Körper mit Hijabs behangen ist, dunklen Lederbeuteln, in die Koranverse eingenäht sind. "Sie schützen mich vor den Kugeln meiner Feinde. Sie machen mich unbesiegbar."

Mohammed erzählt wie jemand, der sein Schicksal angenommen hat. Die Stimme kräftig, die Augen glasig. Seine Hände kneten die Finger, bis die Knöchel weiß unter der dunklen Haut hervortreten. Immer wieder kehrt Mohammed an den Ort zurück, der seinem Gesicht die Farbe und seinen Augen den Glanz nimmt. Er sitzt auf einer Hügelkuppe, um ihn herum ausgebrannte Ruinen. Der Wind rüttelt an ausgefransten Vorhängen. Vor ihm liegen die mumifizierten Überreste von elf Menschen. Zerfallene Körper, an denen die Kleider in Fetzen hängen. Es riecht süßlich nach Tod und Verwesung. Seine Hände streicheln über den Wüstenboden. In seinem Blick liegt etwas Entrücktes, als befände er sich in unerreichbarer Ferne. Unten im Tal liegt das zerstörte Dorf Farawija, sein Dorf. "Wer nicht schnell genug laufen konnte, den haben sie erschossen", sagt Mohammed Idris und fährt sich mit Daumen und Zeigefinger über den Flaum an seiner Oberlippe.

Töten. "Darin bin ich gut"

Er zuckt zusammen, als wäre er gerade aus einem Traum erwacht. Ein junger Mann. Weißer Turban, verspiegelte Sonnenbrille, Plastiksandalen. Gerade neunzehn Jahre alt, beseelt von einem einzigen brennenden Gedanken: Töten. "Darin bin ich gut", sagt er und grinst makellos weiße Zähne frei.

Mohammed Idris gehört zum Stamm der Zhagava. Ein Volk von Nomaden, Bauern und Viehhirten. Schwarzafrikaner. Durch Darfur verläuft die imaginäre Grenze, wo das arabische Afrika an das schwarzafrikanische stößt. Hier prallen verschiedene Kulturen, Traditionen und Rituale aufeinander. Jahrhundertelang hielten Araber Schwarze als Sklaven. So wie Mohammeds Vorfahren. Der Krieg in Darfur ist ein ethnischer. Längst geht es nicht mehr nur um Freiheit und Gleichberechtigung, sondern um Macht und Lebensraum. Auf beiden Seiten. Uralte Kämpfe zwischen den Rassen, bis heute in den Köpfen der Menschen festgebrannt. Ein rechtsfreies Vakuum, in dem Menschenrechte mit Füßen getreten werden und Moslems Moslems umbringen.

Was aus ihm wird, sei ihm gleichgültig, sagt Mohammed als er den Hügel hinunterstolpert. "Sollen sie mich doch töten. Ich habe nichts zu verlieren", sagt er. Denn er habe nichts, wofür es sich zu leben lohne. Keine Zukunft, keine Gegenwart, nur seine Vergangenheit. Mohammed Idris ist Rebell der Sudanese Liberation Army (SLA) in Darfur. Wie die meisten Männer aus seiner Heimat im Nordwesten des Sudan, dem flächenmäßig größten Land Afrikas. Einige haben sich dem Kampf angeschlossen, um für die Freiheit und gegen die Unterdrückung der arabischstämmigen Regierung zu kämpfen. Andere, weil sie die Schmach nicht ertragen wollten aus ihrem eigenen Land vertrieben zu werden, um in den Flüchtlingslagern im benachbarten Tschad zu vegetieren. Und manche wollen nichts weiter als Rache nehmen für das, was ihnen angetan wurde. So wie Mohammed Idris.

Es ist ein ungleicher Kampf, der da in Darfur geführt wird. Die Rebellen wehren sich mit alten Maschinengewehren, rostigen Panzerfäusten und Kamelen gegen Raketenwerfer, Hubschrauber und Jagdbomber der sudanesischen Regierung und ihren Verbündeten. Den Jenjaweed, die gefürchteten arabischen Reitermilizen. Mehr als 300.000 Tote hat der Konflikt bereits gefordert, zwei Millionen befinden sich auf der Flucht. Im Augenblick herrscht ein brüchiger Waffenstillstand, der von beiden Seiten immer wieder gebrochen wird. Eine Tragödie im toten Winkel der Informationsgesellschaft.

"Hier starben meine Freunde. Und meine Seele"

"Hier habe ich meine Familie beerdigt. Hier starben meine Freunde. Und meine Seele", sagt Mohammed als er Farawija erreicht. Er nennt diesen Platz Tatort, als wenn hier ein Verbrechen geschehen wäre, das keiner aufgeklärt hat. Oder aufklären will. Seine Stimme bricht. Hätte ich meine Familie retten können? Habe ich etwas falsch gemacht? Dabei war er doch nur Brennholz suchen, in den umliegenden Hügeln.

Es ist später Nachmittag. Die Sonne kriecht langsam hinter die Mauer der Berge. Ein blutroter Feuerball taucht die Wüste in rosafarbenes Licht. Postkartenidylle, wenn die Nacht an den Tag stößt. Für Mohammed ist dies die schönste Zeit des Tages. "In diesem Licht wird mein Land rein gewaschen", sagt er. Sein Körper erschaudert, als wollte er eine lästige Fliege verscheuchen. Dann beginnt er seine Geschichte.

Die Mörder kamen am Morgen. Mohammed packte gerade Holzscheite auf einen Haufen, irgendwo außerhalb des Dorfes. Dort, wo er immer Holz suchte. Ein unbeschwerter junger Mann, der Jura studieren wollte und davon träumte, einmal ein schönes Mädchen aus seinem Dorf zu heiraten. Er hatte zwar von den Massakern an seinem Volk gehört, doch der Krieg schien weit entfernt. Warum sollte er auch nach Farawija kommen? Sie waren Viehhirten und Bauern. Bei ihnen gab es nichts zu holen, außer ein paar Ziegen und Kamele. Nichts, wofür es sich zu kämpfen lohnen würde. Wenig später hörte er das Brummen der Flugzeuge am Himmel und kurz darauf die Explosionen. Sah Rauch aufsteigen. Dort, wo sich sein Dorf befand. Instinktiv ließ er das Holz fallen und rannte in Richtung der Schüsse und Schreie, die dumpf über die Wüste hallten. Panik schnürte seinen Hals zu. Sein Herz raste wie ein Presslufthammer. Eine Stunde rannte er ohne Pause, bis er das brennende Dorf erreichte. Über Farawija lag Stille und der Rauch brennender Häuser. Das Dorf hatte aufgehört zu existieren. Ausgelöscht. Zwischen den Rundhütten stapelten sich die Leichen. Frauen, Kinder, und Greise. Tote, die nicht mehr wie Menschen aussahen. Selbst das Vieh wurde abgeknallt. Die Hütten niedergebrannt. Zwischen den Ruinen saßen Überlebende und blickten apathisch auf das Ausmaß des Terrors. "Allah, lass sie leben", flehte er in Gedanken, als er auf sein Elternhaus zurannte.

Zuerst fand er seine Schwester. Sie lag auf dem Dorfplatz im Staub, das Kleid zerrissen, der Unterleib blutig geschunden. Sechs Männer musste sie ertragen, erzählte sie ihm. Aber sie lebte, Allah sei dank. Ein paar Meter weiter lag seine Mutter. Man hatte ihr in den Kopf geschossen. In den qualmenden Überresten seiner Hütte fand er zwei verbrannte Körper. Vater und Bruder.

Mohammed begrub das, was von seiner Familie übrig war, in einer Grube neben seiner Hütte. Mehr als 200 Menschen starben an diesem Tag in Farawija. Wer konnte, packte seine Habe auf Kamele und Esel und floh in Richtung tschadische Grenze, zu den Flüchtlingslagern. Drei Tagesreisen entfernt. Ein Nachbar nahm Mohammeds Schwester mit auf die Flucht, versicherte, sie zu beschützen und für sie zu sorgen. Mohammed versprach ihr, sie eines Tages in einem der Lager zu finden. Doch da hatte er seinen Entschluss schon gefasst: Er wird sich den Rebellen anschließen, kämpfen, Rache nehmen. So schnell es geht. Es gab sonst nichts mehr, woran er sich festhalten konnte.

Sold gibt es bei den Rebellen nicht

Jeder kann sich den Rebellen anschließen. Hungrige Männer und halbwüchsige Burschen. Freiwillig, keiner erhält Sold. Waisenkinder kochen für Kommandeure oder sammeln Holz, bis sie stark genug sind, um eine Waffe zu tragen und in den Krieg zu ziehen. Seine Wünsche und Träume hat Mohammed begraben, wie seine Familie. Ein Leben als Anwalt in Khartum? "Worte bringen keine Gerechtigkeit in diesem Land. Nur das hier", sagt er und tippt mit dem Finger auf sein Sturmgewehr. Was ist mit Familie, die im Sudan soviel bedeutet? Kindern? Den hübschen Mädchen, denen er vor dem Krieg hinterher geschaut hat? "Vielleicht nach dem Krieg." Es gibt Wichtigeres zu tun im Augenblick. Kämpfen zum Beispiel. Töten. Oder getötet werden.

Farawija ist heute ein Basislager der SLA-Rebellen. Befreites Gebiet, verbrannte Erde. Die Stämme der Bäume tragen die Narben von den Kugeln. Tiefe Krater im Boden, wo die Raketen der Hubschrauber einschlugen. Hier lagert Nachschub an Waffen, Munition, Benzin und Ersatzteile für die klapprigen Geländewagen, welche die Rebellen für ihre Patrouillen durch die Wüste nutzen. Kisten mit Nahrungsmitteln stapeln sich in einer Rundhütte. USAID oder WFP steht darauf - (United States Agency for International Development) oder WFP (UN-Welternährungsprogramm). Geklaut aus Beständen der Hilfsorganisationen in den Flüchtlingslagern, wo die Rebellen ihre Familien besuchen oder ihre Wunden ausheilen. Fronturlaub machen.

Es ist Nacht. Ein eisiger Wind peitscht Sand und Staub über den Wüstenboden. Mohammed kauert vor einem Lagerfeuer, eine Kamelhaardecke um seine Schultern geschlungen. Er hat den Tod hundertfach gesehen, und dutzendfach gebracht. Manchmal, sagt er, treffen die Rebellen überraschend auf ihre Feinde. "Nahkampf! Da zeigt sich wer Mut hat, wer ein Mann ist", sagt er und zückt sein Messer. Durchschneidet die Luft, fährt sich mit dem Daumen über die Kehle. "Bei den Regierungssoldaten sind keine Männer. Nur Feiglinge. Mit ihren Bomben fühlen sie sich stark." Mohammed, wie viele Menschen hast du getötet? Er weiß es nicht, hat irgendwann aufgehört zu zählen. "Viele", sagt er und zuckt gleichgültig mit den Schultern. Dann erzählt er, davon, wie Regierungstruppen in der Schlacht vor ihm davonliefen, ihre Waffen zurückließen. Sein Heldenepos. Er lacht, streckt seine Kalaschnikow in die Höhe - er legt sie nie aus der Hand. "Die habe ich einem Feind abgenommen, nachdem ich ihn getötet habe." Er sagt dies, ohne Emotion in seinem glatten Gesicht. Kein Hass, kein Bedauern. Als wenn dies normal für einen Jugendlichen wäre. Wie sonntags mit den Kumpels Fußball zu spielen. Seine Erlebnisse haben ihn stumpf werden lassen, sprengen das Leben eines 19-jährigen.

Plötzlich herrscht Aufregung im Lager

An einem Donnerstag, an dem die Farbe des Himmels unentschlossen zwischen Dunkel- und Hellblau schwankt, herrscht plötzlich Aufregung im Lager. Das Trampeln von exerzierenden Soldaten ist zu hören. Über den glühenden Platz schleppen sich Rebellen, betäubt von der Hitze. Gebrüllte Befehle. Saya, eine Rebellenhochburg wurde angegriffen. Es hat Tote gegeben. Das Dorf liegt nur 120 Kilometer von Farawja entfernt. Zu nahe, um einen Angriff auszuschließen. Das Lager befindet sich in Alarmbereitschaft. Die nächsten Tage werden lang - die Routine füllt die Zeit nicht mehr aus. Aufwachen mit den ersten Sonnenstrahlen, Exerzieren um acht, Frühstück um zehn. Gewehr zerlegen, reinigen, wieder zusammenbauen. Teetrinken, Kartenspielen, Ziege schlachten, Kopf ausschalten.

"Weißt du", sagt er. "Man kann durch das ganze Land fahren und mit heiler Haut davonkommen, und man kann auf dem nächsten Meter sein Leben verlieren." Mohammed wischt sich Staub und Schweiß aus dem Gesicht, trinkt braunes, abgestandenes Wasser aus einer Aluminiumschüssel. "Es wird Zeit, dass wir wieder in den Kampf ziehen." Ein Kampfbomber fliegt über das Dorf. Die Rebellen werfen sich flach auf den Boden oder kauern sich unter Bäumen und Sträuchern, um nicht aus der Luft gesehen zu werden. Keiner bewegt sich.

Ein Blindgänger mit kyrillischen Buchstaben

Es ist sieben Uhr morgens. Etwa 100 Soldaten versammeln sich auf dem Dorfplatz von Farawija, in dessen Mitte ein Blindgänger liegt. Eine 500-Kilo-Bombe mit kyrillischen Buchstaben. Tägliche Routinepatrouille durch die Wüste. Die Männer teilen sich in Gruppen auf. Jeweils 15 Männer. Mohammed hat seinen weißen Turban gegen einen mit Tarnfarben eingetauscht und trägt einen grünen Burnus. Zigaretten werden herum gereicht, geteilt, als ob es die letzte sein könnte. Neuigkeiten und Gerüchte aus anderen Teilen des Landes werden ausgetauscht, die über Satellitentelefone die Rebellen erreichen. Wo und wann fand der letzte Angriff statt? Wer wurde verwundet? Starben Freunde oder Verwandte? Wie geht es den Familien in den Flüchtlingslagern? "Allah U Akbar", schreien sie. Gott ist groß. Dann klettern sie auf die Ladefläche des Geländewagens. Die Windschutzscheibe wurde herausgeschlagen. "Damit die Sonne nicht reflektiert und uns verrät", sagt der Fahrer. Als sie aus dem Lager herausfahren verwandelt sich fröhliche Ausgelassenheit in angespannte Nervosität. Farawija verschwindet in einer Wolke aus Staub. Mohammed sitzt, eingeklemmt zwischen Rebellen, Sturmgewehren, Panzerfäusten und Munitionskisten. Die Augen geschlossen, den Mund zu einem schmalen Strich verzogen. Angst? "Nein. Ich bete, dass wir heute auf Feinde treffen."

Die Patrouille rumpelt durch Darfur. Vorbei an ausgebrannten Dörfern und versandeten Brunnen. Massengräbern und Kamelskeletten. Die Luft flirrt in der Mittagssonne. Ein erschöpftes Land, das langsam stirbt. "Halt", brüllt der Mann mit den Rastazöpfen, der an dem schweren Maschinengewehr steht, das auf der Fahrerkabine befestigt ist. Am flimmernden Horizont nähern sich die Umrisse von fünf Kamelreitern. Wie Geister schweben sie über den Wüstenboden. Die Rebellen springen von der Ladefläche. Mohammed geht hinter einem Dornenbusch in Deckung, reglos, abwartend. Kein Laut ist zu hören - nur metallenes Klicken, als Sturmgewehre entsichert werden. Befehle werden geflüstert. Angespanntes Warten, Sekunden werden zu Stunden. Zittrige Finger streicheln die Abzüge der Gewehre. Bereit zu feuern. Die Geister kommen näher, nehmen Konturen an. Weiße Turbane, sonnenverbrannte Gesichter, Patronegurte um die Brust geschlungen.

Worte von bestürzender Fremdheit und Farbe

Plötzlich springt der Anführer aus seiner Deckung hervor, breitet die Arme zum Gruß aus. Statt Schüssen werden Begrüßungsformeln gewechselt. "Bruder", sagt der Anführer zu einem der Männer, die aus dem Flüchtlingslager Oure Cassoni zurückkehren. "Beinahe hätten wir auf euch geschossen. Gepriesen sei Allah." Erleichterung. Einer feuert eine Salve in den Himmel, um die Reiter willkommen zu heißen. Nur Mohammed sieht enttäuscht aus. Schmollt, als hätte ihm jemand seine Geburtstagsfeier verdorben. "Morgen ist ein neuer Tag", sagt er und legt sich in den Schatten eines Baumes. Es gibt nichts Leichtes mehr in Darfur. Nur Opfer.


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