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Rollentausch in der Corona-Krise: "Du bleibst jetzt zu Hause, Mama!": Wenn Kinder ihre Eltern vom Ernst der Lage überzeugen müssen

Unser Autor hat große Probleme, seiner 71-jährigen Mutter dieser Tage die Dringlichkeit sozialer Distanz zu verklickern. Auch in seinem Freundeskreis beschweren sich viele Millennials, dass ihre Eltern kein Bewusstsein für die Gefahr, die vom Coronavirus ausgeht, entwickeln.

Vor einer Woche schrieb mir meiner Mutter bei Whatsapp: "Ich fahre morgen bis Sonntag zu deiner Schwester." Meine Mutter wohnt in Düsseldorf, meine Schwester in der Nähe von Stuttgart. Eine mehrstündige Zugfahrt mit dem Ziel, die vier Enkelkinder zu besuchen. Meine Mutter ist topfit, aber sie ist auch 71 Jahre alt.

Eventuelle Bedenken wegen des grassierenden Coronavirus erwähnte sie mit keinem Wort. Zunächst war ich perplex, aber in den kommenden Tagen wurde ich langsam unruhig. Ich konnte nicht verstehen, dass eine lebenserfahrene Frau, die zwar körperlich und geistig gesund ist, aber trotzdem offiziell zur Risikogruppe eines Pandemie-Virus gilt, die Warnungen aller Wissenschaftler in den Wind schlägt.

Eine neue Spezies: die "Yolo-Großeltern"

Ich sprach darüber mit Freunden, von denen die meisten zwischen 1980 und 1990 geboren sind, und stellte schnell fest: Sie alle befanden sich gerade in Dauerdiskussionen mit der Mutter, die sich das Kaffeekränzchen mit den Freundinnen nicht nehmen ließ, dem Vater, der weiter in die Kneipe gehen wollte, den Eltern, die planten, morgen "endlich mal wieder italienisch essen" zu gehen.

Es findet dieser Tage ein skurriler Rollentausch statt: Bereits erwachsene Kinder müssen ihre Eltern überzeugen, das Coronavirus doch bitte endlich ernst zu nehmen – ausgerechnet jene Menschen also, von denen sie sonst gebetsmühlenartig an die Wichtigkeit finanzieller Rücklagen oder ärztlicher Vorsorgeuntersuchungen erinnert werden.

Das Problem: Diese Gruppe sogenannter Millennials zwischen 30 und 40 Jahren ist nicht unbedingt mit der Situation vertraut, sich um ihre Eltern Sorgen machen zu müssen, weshalb sie in den Mahnungen an ihre Ü-60-Erzeuger auch relativ wenig Geduld an den Tag legen. Die Eltern wiederum zeigen sich beratungsresistenter als 15-jährige Teenager während des ersten Liebeskummers.

Das Phänomen geht offenbar um die Welt: In Amerika tauschen sich die Twitter-User aus über ihre Sorgen und Nöte mit den Eltern der Babyboomer-Generation, die zwischen 1944 und 1964 geboren wurden und sich immer noch so unverwundbar fühlen wie Twentysomethings. Der Autor und Journalist Ben Wallace-Wells spricht in dem Zusammenhang von einer neuen Spezies: den "Yolo-Großeltern".

"Wer hat den besten Rat, wie ich einen diabeteskranken Boomer-Elternteil davon überzeuge, nicht mehr in die Stadt zu fahren?", fragt Twitter-Userin Lucy Carson. "Vor Wut ins Telefon zu sabbern, hilft mir in der Sache irgendwie nicht weiter." Eine Klage, wie ich sie gestern fast wortgleich von einem Kumpel gehört habe, dessen Vater "sich ja wohl nicht einsperren" lassen will – dafür sei das Wetter doch gerade viel zu schön.

Aber woher kommt diese Gelassenheit, die in der aktuellen Situation an Fahrlässigkeit grenzt, wenn man den Einschätzungen der Experten Glauben schenkt? Die Schriftstellerin Robin Wasserman äußert bei Twitter die Theorie, dass diese Elterngeneration mit kaltem Krieg und nuklearer Bedrohung aufgewachsen sei, was ein besonderes Bewusstsein geprägt habe: "Egal, wie schlecht die Dinge scheinen, der Ernstfall tritt niemals wirklich ein." Und offenbar liegt es an uns, den Kindern, ihnen in Zeiten der Pandemie ein wenig von dieser im Grundsatz positiven und irgendwie auch sympathischen Einstellung zu nehmen.

Coronavirus: "Doch, doch, ich nehme es ernst"

Am Sonntag, als meine Mutter in einem ziemlich leeren Zug zurück nach Düsseldorf gefahren war, sprach sie anschließend am Telefon davon, dass sie eigentlich in ein paar Tagen zu meiner Tante nach Holland fahren wolle, beide sich aber kurzfristig doch dagegen entschieden hätten: "zu stressig" angesichts der aktuellen Lage. Zu stressig? Ich versuchte meiner Mutter so deutlich wie möglich zu machen, dass die Entscheidung, auch nur irgendwohin zu fahren, ihr längst von der Politik abgenommen werde. Sie lachte, und als wir aufgelegt hatten, wurde ich nur noch wütender.

Ein paar Stunden später schrieb ich ihr bei Whatsapp: "Ich hab' das Gefühl, dass du das immer noch nicht ernst nimmst." Wie ein Oberlehrer wies ich sie an, sich endlich nicht mehr so leichtfertig zu verhalten und in nächster Zeit verdammt nochmal zu Hause zu bleiben. Anschließend fühlte ich mich zum ersten Mal seit Tagen auf eine seltsame Weise erleichtert. "Doch, doch", schrieb meine Mutter wenig später, "ich nehme es ernst."

Na endlich, dachte ich. Manchmal muss man als Kind eben ein Machtwort sprechen mit den lieben Eltern. Vor allem, wenn sie einfach nicht hören wollen.

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