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Corona-Pandemie Der schwedische Sonderweg: Was er bedeutet und warum er nicht unumstritten ist

Menschen sitzen im Stadtzentrum von Stockholm vor einem Eiscafé
Menschen sitzen im Stadtzentrum von Stockholm vor einem Eiscafé
© Ali Lorestani/TT News Agency / DPA
In Schweden ist trotz Corona der Alltag fast wie sonst auch. Schulen und Kindergärten sind geöffnet, in Cafés und Restaurants tummeln sich die Menschen. Doch Schwedens Maßnahmen gegen das Coronavirus haben auch Folgen, die besonders Kritiker auf den Plan rufen.

So manch einer schaut in diesen Wochen vielleicht sehnsüchtig nach Schweden. Nicht unbedingt wegen der vielfältigen Städte wie Stockholm oder der schönen Natur. Sondern vielmehr wegen der dortigen Maßnahmen im Kampf gegen die Ausbreitung des Coronavirus. Während hierzulande und auch in Schwedens Nachbarländern Restaurants, Fitnessstudios oder Einkaufszentren ihre Türen geschlossen halten müssen, sieht es dort ganz anders aus, fast so, als würde es kein Virus geben.

Der schwedische Sonderweg in der Coronakrise hat in mehreren Ländern Verwirrung ausgelöst. Vielerorts und nicht zuletzt bei den Nachbarn in Dänemark und Norwegen fragt man sich, ob die Schweden wissentlich und offenen Auges in die Katastrophe laufen – oder sich ihre Strategie am Ende auszahlen wird.

In den Straßencafés und Parks der Hauptstadt Stockholm tummeln sich die Menschen, besonders bei dem guten Wetter der letzten Tage. Warenhäuser, Friseure und Restaurants sind weiter geöffnet, ebenso wie Kindergärten und Grundschulen. Statt Verboten wird den Schweden ans Herz gelegt, Abstand zu halten und bei Krankheit zu Hause zu bleiben. 

Viele Empfehlungen, wenig Regeln 

Tatsächlich gibt es viele Hinweise, die von der Gesundheitsbehörde Folkhälsomyndigheten veröffentlicht wurden. Zum Beispiel für ausreichend Abstand an Arbeitsplätzen sorgen und mehr digitale Besprechungen abzuhalten, größere Menschenansammlungen oder den öffentlichen Nahverkehr zu vermeiden. Älteren Menschen ab 70 Jahren wird geraten, soziale Kontakte zu begrenzen.

Kristina Lundgren versucht, sich an die Empfehlungen zu halten. Sie ist weit über 80, und ihrer Altersgruppe rät die Regierung ausdrücklich, enge Kontakte zu anderen Menschen meiden. In ihrem Wohnblock in Stockholm lebt sie mit älteren Menschen und Studierenden. Ihr wöchentlicher Kaffeeklatsch und die Kinovorführung wurden abgesagt, und wenn Lundgren im Freien auf Nachbarn trifft, hält sie zwei Meter Abstand. "Wir müssen uns an die Regeln halten", sagt sie. Ihre Cousine sei kürzlich infolge der Lungenkrankheit Covid-19 verstorben. Doch für die jungen Leute im Haus scheint das nicht relevant. "Ich merke, dass die trotz der Empfehlungen der Gesundheitsbehörde noch Freunde einladen."

Doch in Schweden gibt es auch Verbote und Beschränkungen – es ist eben nicht alles nur eine Empfehlung. Diese Maßnahmen hat die Krisen-Informationseite der Behörden im Internet veröffentlicht: Demnach dürfen öffentliche Veranstaltungen und Versammlungen maximal 50 Teilnehmer haben. Dies beziehe sich etwa auf Demonstrationen, Märkte, Konzerte, Messen oder Sportveranstaltungen. Davon ausgenommen seien aber private Feiern, Firmenveranstaltungen, Bibliotheken, Schwimmbäder und Schulen. Das Verbot gelte auch nicht für Personen, die sich in großen Mengen in öffentlichen Verkehrsmitteln, auf Plätzen, in Einkaufszentren und dergleichen aufhalten, heißt es von der Gesundheitsbehörde

Restaurants unterliegen Regeln

Auch untersagt: Das Einreisen nach Schweden aus Ländern außerhalb der EU. Dieses Einreiseverbot gilt noch bis zum 15. Mai. Aber auch hier gibt es einige Ausnahmen. So sind schwedische Staatsbürger und Menschen mit einem Aufenthaltstitel nicht betroffen, genauso wie Bürger aus einem Staat des europäischen Wirtschaftsraums (Großbritannien und die Schweiz eingeschlossen) und deren Familienmitglieder, die nach Hause zurückkehren. Ebenfalls ausgenommen sind Menschen mit einem Gesundheitsberuf oder die im Transportwesen arbeiten. Von Reisen nach Österreich, Italien, China, den Iran und Südkorea wird abgeraten.

Und auch wenn Restaurants und Cafés geöffnet haben dürfen, so müssen auch diese Regeln einhalten. So müsse dafür gesorgt werden, dass es genügend Abstand zwischen den Gästen gibt. Besucher dürfen nur an einem Tisch sitzen und wenn möglich sollten Speisen und Getränke bestellt und abgeholt werden.  

Schwedens vergleichsweise laxe Corona-Maßnahmen könnten vielleicht auch Vorteile haben. Mehr geöffnete Betriebe und Lokale könnten bedeuten, dass die Wirtschaft weniger leidet oder Existenzen bedroht sind. Tatsächlich hat der schwedische Autobauer Volvo Cars am Montag die Produktion in seinem Werk im schwedischen Torslanda wieder aufgenommen. Das Werk war seit dem 26. März geschlossen, um zu vermeiden, dass sich die Angestellten gegenseitig mit dem Corona-Virus anstecken. Auf der anderen Seite berichtet die Nachrichtenagentur Reuters, dass die Arbeitslosigkeit steige. Ein Hilfspaket sei auf den Weg gebracht worden, dennoch rechne man mit einem Rückgang in der Wirtschaft von vier Prozent. Aber für Eltern könnten offene Schulen und Kindergärten möglicherweise zu Hause eine Entlastung sein. Und wahrscheinlich könnte ein weitgehend normales Sozialleben auch gesundheitliche Vorteile für Menschen haben, besonders in psychischer Hinsicht. 

Schweden verzeichnet hohe Todeszahlen

Dass das soziale Leben – zumindest bei den Jungen – aber weiter floriert, hat seinen Preis. In Schweden wurden weitaus mehr Infizierte mit dem Coronavirus registriert als in den anderen nordischen Ländern, bis Mittwochnachmittag starben 1937 Menschen mit einer Covid-19 Erkrankung, mehr als 16.000 sind infiziert. Zum Vergleich: In Dänemark gab es bisher rund 380 Todesfälle, in Norwegen rund 170. Dabei zu beachten: Beide Länder haben jeweils halb so viele Einwohner wie Schweden.

Ungeachtet der hohen Zahlen vertrauen Schwedens Regierung und Gesundheitsbehörde auf den Staatsepidemiologen Anders Tegnell. Er steht symbolhaft für den schwedischen Sonderweg. Von Schul- und Grenzschließungen hält er nichts, auch sonst ist seine Strategie eine andere als die, die fast alle anderen in Europa gewählt haben. "Wir glauben, wir erreichen mit Freiwilligkeit genauso viel wie andere Länder mit Restriktionen", sagte Tegnell am Montag. Es sei wenig wahrscheinlich, dass Schweden die Richtung ändere. 

Die Zahlen der vergangenen Tage scheinen seine Theorie zu bestätigen. Am Freitag sprach Karin Tegmark Wisell von der Gesundheitsbehörde von einem Abwärtstrend bei der Zahl der Toten. "Es gibt immer noch eine große Anzahl von Verstorbenen pro Tag, aber wir sehen keinen Anstieg, sondern eine Verlangsamung."

Massive Kritik von Seiten der Wissenschaft

Diese Sicht teilen andere nicht. Knapp 2000 Wissenschaftler haben die schwedische Regierung zuletzt in einem Brief zum Umdenken aufgefordert. Unter ihnen ist Bo Lundbäck, Professor für klinische Epidemiologie von Lungenerkrankungen in Göteborg. Er hält die hohen Todeszahlen für inakzeptabel und den Preis, den Schweden im Corona-Kampf bezahlt, für zu hoch. "Ich sehe nicht, dass Schweden eine konkrete Strategie verfolgt und ich sehe auch keinen Trend", sagt er im Gespräch mit der Deutsche Presse-Agentur. "Die Richtlinien sind viel zu vage und die Menschen sind verwirrt."

Vergangene Woche hatten 22 Wissenschaftler in der schwedischen Zeitung "Dagens Nyheter" härtere Maßnahmen in Schweden im Kampf gegen die Corona-Ausbreitung in dem Staat gefordert, darunter auch Lundbäck. "Der Ansatz muss radikal und schnell geändert werden", heißt es darin etwa, soziale Distanzierung müsse verstärkt werden. Ebenso sollten nach Auffassung der Autoren Schulen und Restaurants geschlossen werden.

ass die Kneipen und Einkaufszentren in Stockholm am Wochenende voll waren, zeige, dass die Botschaft nicht richtig angekommen sei, meint Lundbäck. "Die Leute scheinen zu glauben, das hier sei ein Eishockeyspiel: Schweden gegen den Rest der Welt." Dabei würden täglich immer noch Hunderte neue Ansteckungen registriert. "Wir in Schweden glauben, wir sind besser als die anderen und müssen nicht auf die WHO hören. Das ist dumm." 

Tegnell spricht schon von Herdenimmunität

An Staatsepidemiologe Tegnell prallt die Kritik ab. Er geht davon aus, dass Schweden sich in einer anderen Phase als seine Nachbarn befinde und deshalb höhere Zahlen habe. Immer wieder spricht er von Herdenimmunität – das heißt, die Verbreitung des Virus wird gestoppt, weil immer mehr Menschen dagegen immun sind, sei es, weil sie die Krankheit überwunden haben oder geimpft wurden. "Unsere mathematischen Modelle deuten darauf hin, dass es im Mai in Stockholm möglicherweise eine Herdenimmunität gibt", sagte der Epidemiologe in einem Interview mit dem norwegischen Rundfunk NRK vergangene Woche. Die Hauptstadt ist mit am härtesten betroffen (stern berichtete). Doch auch Tegnell räumte ein, dass die hohe Sterblichkeitsrate in Alten- und Pflegeheimen ein Problem sei.

"Schwedens Weg muss nicht falsch sein", meint Claus Wendt von der Uni Siegen, der die Hintergründe des schwedischen Sonderwegs analysiert hat. Das Land habe gute Voraussetzungen, der Pandemie zu begegnen. Die Schweden seien allgemein bei guter Gesundheit, es gebe wenig Armut und soziale Ungleichheit und die Gesundheitsdaten der Menschen seien erfasst. "Ein ähnliches Datenniveau, um die Entwicklung und Ausbreitung von Krankheiten im Zeitverlauf zu erfassen, ist für Deutschland nicht erhältlich", so Wendt.

Dass Schweden seine gute Ausgangsposition genutzt hat, ist auf den ersten Blick nicht ersichtlich. In Norwegen und Dänemark hat man die Verbreitung des Virus nicht nur abgebremst, sondern unterdrückt – mit so großem Erfolg, dass die Schulen, Kindergärten, Friseure und Zahnärzte zumindest teils wieder öffnen können. 

Wenn Herdenimmunität das Ziel ist, ist Schweden weiter

Prof. Dr. J. Christian Virchow, Direktor der Abteilung für Pneumologie am Uniklinikum in Rostock, sagte dem sternzu der Sinnhaftigkeit eines Lockdowns, dass es ohne diesen einen wesentlich schlimmeren Verlauf gebe. Auf Schweden bezogen sagte er: "Ich wünsche den Schweden, das ihr Modell gut geht. Basierend auf unseren Modellrechnungen könnte das gelingen, wenn dort Massenansteckungen ausbleiben." Sollte das allerdings nicht der Fall sein, "dann wird die Schlacht gegen die Pandemie nicht von Virologen, Epidemiologen oder Infektiologen, sondern auf ausreichend vorhandenen und ausgerüsteten Intensivstationen gewonnen oder verloren."

Unklar ist jedoch weiter, wohin der Weg der Schweden genau führen soll: Wenn Herdenimmunität das Ziel ist, dann ist das Land ein Stück weiter. Die Schweden könnten einer zweiten Viruswelle entkommen, Norwegen, Dänemark und Deutschland riskieren, ihr Land wieder schließen zu müssen, wenn sie nicht gewappnet sind.

Für den Lungenspezialisten Lundbäck wäre eine solche neue Welle trotz allem aber das bessere Szenario. "Wir wissen nicht genug über eine mögliche Immunität", sagt er. "Aber wir wissen, dass wir im Herbst Medikamente zur Verfügung haben, die gegen das Virus helfen." Das Wichtigste sei, so viele wie möglich zu testen. Immerhin ist er da einig mit Tegnell und der Regierung: Sie hat vor wenigen Tagen das Ziel angegeben, deutlich mehr Menschen testen zu lassen.

Quellen: Nachrichtenagentur DPA, "Dagens Nyheter", Sundhedsstyrelsen, Folkehelsinstitutet, Folkhälsomyndigheten, krisinformation.se, Regierung Schweden, Reuters

rw / Sigrid Harms und Lennart Simonsson

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