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Ebola in Westafrika: Wie der Kampf gegen das Virus gelingen kann

Christoph Lübbert ist Arzt und war im Kongo unterwegs. Im Interview sagt er, was die Helfer in Afrika erwartet und warum es richtig ist, dass Militär im Kampf gegen die Ebola-Epidemie eingesetzt wird.

Von Christoph Koch

Dr. Christoph Lübbert ist Internist und Leiter des Fachbereichs Infektions- und Tropenmedizin in der Klinik für Gastroeneterologie und Rheumatologie am Universitätsklinikum Leipzig.

Dr. Christoph Lübbert ist Internist und Leiter des Fachbereichs Infektions- und Tropenmedizin in der Klinik für Gastroeneterologie und Rheumatologie am Universitätsklinikum Leipzig.

Herr Dr. Lübbert, für die Ebola-Kranken in Westafrika hat wirksame Hilfe auf sich warten lassen, viele sind gestorben, die Lage ist entgleist. Doch nun wollen viele helfen. Kommt die Rettungsaktion für die heimgesuchten Länder jetzt auf Touren?
Ich finde es überwältigend, wie viele Freiwillige sich in Deutschland bereits zum Einsatz in Westafrika gemeldet haben, und ich hoffe, dass es nun auch rasch gelingt, dort die nötigen Strukturen aufzubauen. Nur mit ihnen ist die Epidemie zu bezwingen, hoffentlich bald. Sicher kann man es nicht voraussagen. Was unser kleines Team hier in Leipzig angeht: Kommendes Jahr wäre es eventuell möglich, auch selbst zu helfen - falls es 2015 also noch notwendig sein sollte, können wir uns vorstellen, dort in den Einsatz zu gehen, für vier Wochen, denke ich.

Sie sind Afrika-erfahren - was erwartet die Helfer dort?
Westafrika habe ich nicht selbst bereist, aber einen wirklich gescheiterten Staat, den Kongo, wo einer der Ebola-Stämme entdeckt wurde. Und dort lernen Sie: Die größten Probleme kommen daher, dass Sie kaum staatliche Strukturen haben. Das, was die Bevölkerung überwiegend als Staat kennengelernt hat, bedeutet Korruption, vielerorts Tyrannei - nicht das, was für eine funktionierende Gesundheitsversorgung notwendig ist. Diese sehr schwachen Strukturen sind in kürzester Zeit vollkommen überlastet. Und das heißt, dass die Patienten dort mittlerweile auch an Malaria, Typhus oder Lungenentzündung sterben, weil die knappen Ressourcen von Ebola mehr als überfordert werden. Dass die Millionenstadt Monrovia, Hauptstadt von Liberia, zunächst über wohl nur sechs Krankenwagen verfügte, ist traurig, aber realistisch.

Es hat aber doch viele Hilfsprojekte gegeben, um die gesundheitliche Situation in Afrika zu verbessern.
Wenn es an allem mangelt, haben die aber zum Teil ganz unerwünschte Wirkungen. Nehmen Sie etwa die dringend nötigen Programme gegen HIV/Aids. Es wird investiert, das Programm in einem Land aufgezogen. Natürlich sollen die örtlichen Fachkräfte dann auch angemessen bezahlt werden. Mit einem Mal gibt es gute medizinische Jobs, die Qualifizierten wandern in das HIV-Programm ab, in den übrigen Bereichen fehlen sie dann.

Nun aber soll nicht Geld helfen, sondern Soldaten. Warum schicken die USA und Vereinten Nationen Soldaten, warum übernimmt bei uns die Bundeswehr die Führung?
Der genannte Mangel an Strukturen sagt mir, dass das richtig ist. Sie brauchen jetzt Fachleute, die die Logistik beherrschen, schnell und sicher so ein Feldlazarett im großen Maßstab zu errichten. Das kann das Militär am besten. Es nutzt die Kompetenz seiner eigenen Gesundheitsfachleute, und dann zieht es die notwendigen Kompetenzen von Zivilisten hinzu.

Doch es bleibt immer noch die kulturelle Fremdheit, die zwischen den gelb vermummten Helfern aus dem Westen und der Bevölkerung vor Ort besteht.
Ein ganz entscheidendes Problem! Die örtlichen Kulturen haben neben dem bereits genannten und ja auch verständlichen Misstrauen gegen staatliche Stellen auch eine sehr starke Traditionsverwurzelung. Wenn es geboten ist, dass man die Toten umarmt, dass man sie wäscht, dass man bei dem Leichnam wacht, dann kann man das nicht einfach verbieten und die örtliche Kultur mit Füßen treten. Wenn Sie aber sensibel vorgehen, wenn sie die Ältesten in den Familien und Dörfern gewinnen können, ihnen erläutern, dass der Kontakt mit dem Toten viele weitere Menschen umbringen kann, dann sind Sie in der Lage, Vertrauen zu gewinnen. Darauf kommt es an. Wenn das glückt, kann auch der medizinische Teil des Einsatzes erfolgreich sein.

Wie muss man sich die Arbeit eines Arztes vor Ort vorstellen?
Die Notwendigkeiten, die wir hier bei uns in der Seuchenbekämpfung hätten – Isolation der Kranken, Arbeiten im Schutzanzug, vollständige Dekontamination aller Arbeitsmaterialien oder ihre Verbrennung - , die haben wir auch dort vor Ort. Nur unter ungeheuer schwierigeren Bedingungen. Arbeiten Sie mal bei fast 40 Grad im Schatten in einem Vollschutzanzug am Patienten! Das schaffen Sie vielleicht 45 Minuten oder etwas länger. Dann sind Sie ausgelaugt. Das heißt: Die medizinische Aufgabe ist sehr, sehr personalintensiv. Das ist sie übrigens auch hier bei uns schon. Auf einer normalen Station kommen Sie bei uns in Deutschland mit zwei oder drei Ärzten schon weit, in zwei Schichten am Tag. Bei dieser Art von Versorgung aber werden im Extremfall zwei, vielleicht drei durch einen Kranken gebunden. Das zeigt auch wieder, wie wertvoll unsere dichte medizinische Infrastruktur ist.

Können wir sicher sein, dass sie verlässlich funktioniert, wenn ein Ebola-Infizierter einreist?
Nehmen wir an, Sie kommen am Frankfurter Flughafen an. Sie werden krank, sind dort aber noch nicht aufgefallen. Dann finden Sie auf jeden Fall eine Notaufnahme, die Sie 24 Stunden am Tag anlaufen können oder den Rettungsdienst. Jede Aufnahme-Einrichtung besitzt eine Anleitung des Robert Koch-Institutes, einen Algorithmus, was zu tun ist. Entscheidend ist, dass die richtigen Fragen gestellt werden: "Von wo sind Sie gekommen?", "Hatten Sie Kontakt zu Erkrankten?". Das ergibt einen Verdacht. Wenn er sich bestätigt - und selbstverständlich kann es sich ja stattdessen zum Beispiel auch um eine Malaria handeln oder etwa um Typhus - wird der Kranke isoliert. Das Gesundheitsamt sucht nach Kontaktpersonen und stellt sie unter Quarantäne. In meiner Assistentenzeit in der Infektionsmedizin haben wir das Arbeiten in der Sonder-Isolierstation mit ihrem Schleusensystem monatlich geübt, und analog dazu ist davon auszugehen, dass es von den dafür ausgewiesenen deutschen Zentren zuverlässig beherrscht wird.

Große Besorgnis hat die Ansteckung einer spanischen Krankenschwester ausgelöst, die erste belegte Ebola-Übertragung in Europa. Was könnte angesichts der hohen Sicherheitsanforderungen schiefgegangen sein und die Infektion der Schwester ermöglicht haben?
Diese Frage lässt sich leider nur spekulativ beantworten. Womöglich gab es trotz aller Schutzvorkehrungen doch einen direkten Kontakt mit dem Patienten, zum Beispiel eine flüchtige Umarmung, die für eine Ansteckung ausgereicht hat - menschlich wäre das mehr als nachvollziehbar, bei der Ebolavirus-Erkrankung ist das aber leider mit fatalen Konsequenzen behaftet.

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