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GAU-Folgen: Greenpeace rechnet mit 90.000 Toten

Wie viele Menschen werden an den Folgen der atomaren Katastrophe von Tschernobyl sterben? Über diese Frage gibt es unter Wissenschaftlern heftigen Streit. Jetzt hat die Umweltorganisation Greenpeace neue, erschreckende Zahlen vorgelegt.

Die Atomkatastrophe von Tschernobyl vor 20 Jahren ist laut Greenpeace vermutlich für den Krebstod von mehr als 90.000 Menschen verantwortlich. Die Umweltschutzorganisation übte harsche Kritik am Tschernobyl-Forum, das mit insgesamt nur 4000 Menschen rechnet, die wegen des Unfalls bislang gestorben sind oder noch sterben könnten. Bislang seien lediglich 56 Todesfälle mit der Katastrophe vom 26. April 1986 in Zusammenhang zu bringen, hatte das Tschernobyl-Forum erklärt, dem unter anderem die Internationale Atomenergieorganisation (IAEO) angehört.

"Es ist empörend, dass die IAEO die Folgen des schwersten nuklearen Unfalls in der Geschichte der Menschheit schönfärbt", sagte Iwan Blokow vom Greenpeace-Büro in Russland. Damit würden "tausende Opfer beleidigt".

Auch andere Quellen schätzen zehntausende Opfer

Auch der von der Europaabgeordneten Rebecca Harms in Auftrag gegebene Torch-Report kommt auf erheblich mehr Krebstodesfälle als das Tschernobyl-Forum. 30.000 bis 60.000 Opfer werden in dem Report geschätzt - ein Großteil davon in Europa außerhalb der Risikogebiete in der Sowjetunion. Die Organisation Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges geht sogar von noch weit höheren Zahlen aus, insbesondere für die Aufräumarbeiter.

Albrecht Kellerer, ehemaliger Direktor des Instituts für Strahlenbiologie am GSF-Forschungszentrum für Umwelt und Gesundheit in Neuherberg, nennt den Bericht "vernünftig und objektiv". Die Menschen in Deutschland haben laut Kellerer durch Tschernobyl im Durchschnitt insgesamt eine halbe Jahresdosis der natürlichen Strahlung erhalten. Von 40.000 Menschen, so schätzt Kellerer, könnte daher einer zusätzlich an Krebs sterben.

Dies sei zwar im Vergleich zu den in dieser Gruppe ohnehin zu erwartenden 10.000 Krebstodesfällen verschwindend gering. "Andererseits entspräche die so errechnete Erhöhung unter den 82,5 Millionen Deutschen insgesamt immerhin mehr als 2000 zusätzlichen Krebstodesfällen", berichtet Kellerer und kritisiert die WHO: "Geringe Dosen unter ein Millisievert wurden im WHO-Bericht weggelassen."

Wirkung geringer Strahlenmengen umstritten

Einig sind sich die meisten Forscher darin, dass mehrere Dutzend Aufräumarbeiter direkt an akuter Strahlenerkrankung gestorben sind und weitere an Leukämie. Zudem gibt es Hinweise auf vermehrte Brustkrebsfälle in einigen stark betroffenen Gebieten der Sowjetunion. Unstrittig ist ein Anstieg der Erkrankungen an Schilddrüsenkrebs insbesondere bei damaligen Kindern in dieser Region. Ursache war vor allem radioaktives Jod aus der Milch belasteter Kühe. Dies zerfällt zwar relativ rasch, der Krebs aber kann Jahre und Jahrzehnte später ausbrechen. Kellerer verweist auf den erheblichen Verlust an Lebensqualität dieser Patienten: Nötig seien meist eine Operation und die lebenslange Einnahme von Hormonen.

Wissenschaftlich umstritten ist dagegen die Wirkung sehr geringer Strahlenmengen. Die meisten Forscher gehen davon aus, dass jede noch so kleine Strahlendosis eine Auswirkung haben kann. Andererseits sind etwaige geringe Erhöhungen der Krebszahlen statistisch kaum zu erfassen, auch weil es lange dauern kann, bis die Krankheit ausbricht. Ärzte können nicht erkennen, ob ein Krebs durch Strahlen ausgelöst wurde.

Kellerer gibt zudem zu bedenken, dass nach Tschernobyl neu eingerichtete oder verbesserte Krebsregister mehr Fälle entdecken als frühere Systeme. Er geht davon aus, dass dies wenigstens teilweise die um 23 Prozent erhöhten Raten der gesamten Krebsfälle in besonders belasteten Gebieten von Weißrussland bedingt.

Sterblichkeit erhöht

Greenpeace kritisiert außerdem, die niedrigen IAEA-Zahlen hätten zur Folge, dass wieder mehr Menschen in den kontaminierten Regionen angesiedelt würden. Zahlen aus Weißrussland deuteten darauf hin, dass es in der Umgebung des Reaktors 270.000 Fälle von strahlenbedingten Krebserkrankungen gebe, erklärte Greenpeace. Etwa 93.000 davon dürften tödlich verlaufen.

Einem Bericht des Zentrums für unabhängige Umwelt-Bewertung der russischen Akademie der Wissenschaften zufolge ist außerdem im Westen Russlands eine deutlich erhöhte Sterblichkeitsrate zu beobachten. In den vergangenen 15 Jahren seien 60.000 Menschen mehr gestorben, als laut den demographischen Daten zu erwarten gewesen wäre, heißt es in einer Erklärung des internationalen Büros von Greenpeace. Ursache sei die radioaktive Strahlung, die bei dem GAU ausgetreten sei. In der Ukraine und Weißrussland sei mit weiteren 140.000 Todesfällen zu rechnen.

"Weitaus gravierender als offizielle Schätzungen"

Neben Krebserkrankungen habe der Unfall bei den Menschen in der Umgebung des Unglücksreaktors weitere dramatische Gesundheitsschäden zur Folge gehabt, darunter Schädigungen des Immun- und endokrinen Systems, erklärten die Umweltschützer. Sie hätten unter anderem zu Herz-, Gefäß- und Bluterkrankungen geführt, zu Veränderungen des Erbguts und vermehrten Fehlbildungen bei Föten und Kindern.

Auch der Torch-Bericht stellt einen Anstieg bei Grauem Star und Herz-Kreislauf-Erkrankungen fest. "Die gesamten Folgen des Unfalls von Tschernobyl wird man niemals feststellen können. Jedoch ist 20 Jahre nach der Katastrophe klar, dass sie weitaus gravierender sind, als offizielle Schätzungen vorgeben", schreiben die Autoren.

Nach Angaben des Tschernobyl-Forums gehen viele Gesundheitsprobleme der Überlebenden auf einen ungesunden Lebensstil und ein Gefühl der Ohnmacht und des Opfer-Seins zurück.

Lesen Sie im neuen stern die Rekonstruktion der Katstrophe von Tschernobyl: Die Fehler, die Explosion, die Aufräumarbeiten, die Schicksale. Große Infografiken veranschaulichen die Kette fataler Fehlentscheidungen in der Nacht zum 26. April 1986, durch die mehr Radioaktivität freigesetzt wurde als durch 100 Hiroshima-Bomben.

DPA/AP / AP / DPA

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