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Gefährliche Chemikalien: Dick durch Kunststoff?

Hormonähnlich wirkende Substanzen sind in vielen Produkten enthalten - etwa in Plastik. Nun stehen sie im Verdacht, Übergewicht und Diabetes zu fördern.

Von Lea Wolz

Wer zu dick ist, isst zuviel und bewegt sich zu wenig. Ist klar, oder? Ja, sagen Wissenschaftler. Doch neben falscher Ernährung, Bewegungsmangel und genetischen Ursachen rückt eine weitere mögliche Ursache für Übergewicht ins Blickfeld: Chemikalien wie Weichmacher, Flammschutzmittel, zinnorganische Verbindungen oder Bisphenol A, die in vielen Alltagsprodukten enthalten sind.

"Wir sind den meisten dieser Chemikalien täglich ausgesetzt", sagt Sarah Häuser, Chemikalienexpertin beim "Bund für Umwelt und Naturschutz" (BUND). "Sie sind etwa in Kassenbons enthalten, in Konservendosen, Computern, Lebensmittelverpackungen, Plastikspielzeug oder PVC-Böden und gelangen über die Atmung, die Nahrung oder die Haut in den Körper."

Dass die hormonähnlich wirkenden Substanzen nicht ungefährlich sind, ist bekannt. Bisher wurden sie vor allem damit in Verbindung gebracht, die Fortpflanzung zu stören und die Krebsgefahr zu erhöhen. Einige Weichmacher sind daher mittlerweile in Lebensmittelverpackungen verboten. Babyfläschchen mit Bisphenol A, Hauptbestandteil des Kunststoffes Polycarbonat, dürfen seit vergangenem Jahr nicht mehr verkauft werden. Doch die Substanzen könnten auch noch auf andere Weise die Gesundheit beeinträchtigen: Schon seit einigen Jahren mehren sich die Hinweise, dass sie offenbar auch Übergewicht auslösen und Diabetes begünstigen können.

Die englische Umweltorganisation CHEMTrust hat daher 240 Untersuchungen zusammengefasst, die sich mit dem Thema beschäftigen. Die Ergebnisse hat der BUND heute zeitgleich mit der Veröffentlichung in London und Brüssel vorgestellt.

Dicke Mäuse

"Die bis jetzt bekannten Gründe für Übergewicht - zu viel Essen und zu wenig Bewegung - reichen nicht aus, um die Fettleibigkeitsepidemie des 21. Jahrhunderts zur erklären", heißt es in dem Report. In Deutschland ist mehr als jeder zweite Bundesbürger mittlerweile zu dick, auch bei Jugendlichen und Kindern wächst der Anteil rasant. Übergewicht wiederum gilt als Risikofaktor für Diabetes. Sechs Millionen Menschen leiden hierzulande an der Stoffwechselstörung. Vor allem Diabetes vom Typ 2, auf den sich die Übersichtsarbeit größtenteils bezieht, nimmt zu.

Die englische Literaturstudie zeige deutlich, dass zu den Ursachen von Übergewicht und Diabetes auch hormonelle Schadstoffe gehören, sagt BUND-Expertin Häuser. Es sei bekannt, dass manche dieser Chemikalien zu einer Gewichtszunahme führen. "Wurden etwa Mäuse im Mutterleib einer geringen Dosis an Bisphenol A ausgesetzt, waren sie einige Monate später deutlich schwerer als ihre Altersgenossen, die eine derartige Belastung nicht abbekommen hatten", so Häuser.

Zwar sei noch nicht genau bekannt, wie solche Chemikalien dazu beitragen, dass die Speckringe wachsen. "Es hat sich aber gezeigt, dass sie in den Stoffwechsel eingreifen, die Appetitkontrolle stören oder den Fettstoffwechsel durcheinanderbringen können", sagt Häuser.

Bisphenol A habe zudem bei Versuchstieren zu einer erhöhten Insulinresistenz geführt - ein Faktor, der für Diabetes vom Typ 2 kennzeichnend sei. Vereinfacht gesagt, reagiert der Körper dann nicht mehr so gut auf das , was wiederum den Zuckerhaushalt durcheinanderbringt. Sprich: Die Tiere waren dabei, Diabetes zu entwickeln.

Daten werden neu ausgewertet

Doch so alarmierend die Ergebnisse auch klingen, die Übersichtsarbeit weist selbst auf ein Problem hin: Es gibt zwar viele Tierstudien zu dem Thema. Allerdings sind nur einige wenige aussagekräftige Untersuchungen vorhanden, die auf einen Zusammenhang zwischen der Belastung durch diese Chemikalien und Übergewicht beziehungsweise Diabetes beim Menschen hinweisen.

"Ob die Ergebnisse der Tierstudien eins zu eins auf den Menschen übertragen werden können, ist sicher fraglich", sagt Häuser. "Doch seit einigen Jahren wächst die Anzahl an Studien, die in eine ähnliche Richtung zeigen. Es gibt zumindest Grund zur Besorgnis."

"Das ist ein Thema, das uns momentan stark beschäftigt", sagt auch Marike Kolossa-Gehring, Leiterin des Fachgebiets Toxikologie und gesundheitsbezogene Umweltbeobachtung am Umweltbundesamt. "Wir werten die Daten, die uns vorliegen, aktuell noch einmal auf diese neuen Zusammenhänge aus." In der jüngeren Vergangenheit sei vor allem bei Untersuchungen aus Amerika festgestellt worden, dass stark übergewichtige Menschen viel dieser hormonell wirkenden Schadstoffe im Blut oder im Urin haben. "Ob Chemikalien wie Weichmacher oder Bisphenol A die Ursache für Übergewicht und Diabetes sind, muss allerdings erst noch untersucht werden", betont Kolossa-Gehring.

Denn: Es könnte der Toxikologin zufolge auch sein, dass diese Menschen viel und ungesund essen und daher zu dick werden. Und dabei zufällig über Fette, die solche hormonellen Schadstoffe gut transportieren, viele dieser Umweltchemikalien aufnehmen. Kolossa ist allerdings überzeugt: "Man muss sich das Thema genauer anschauen, da Tierstudien wichtige Hinweise liefern, wie diese Substanzen Diabetes und Übergewicht begünstigen könnten."

In Plastik verpackte Lebensmittel meiden

Auch der Toxikologe Gilbert Schönfelder von der Berliner Charité ist der Meinung: "Die Rolle solcher Umweltchemikalien bei der Entstehung von Diabetes oder Übergewicht hat man bislang unterschätzt." Er fordert mehr Studien, die diesen Zusammenhang beleuchten. Auch die Europäische Union müsse bei der Neubewertung von Chemikalien im Rahmen der REACH-Richtlinie solche Daten berücksichtigen und falls nötig, diese Substanzen verbieten.

BUND-Expertin Häuser sieht auch auf nationaler Ebene Handlungsbedarf: "Die Belastung mit diesen Chemikalien muss vor allem für Schwangere und Kinder minimiert werden", sagt sie. "Weichmacher und Bisphenol A müssen durch sichere Alternativen ersetzt werden." So habe etwa Frankreich bereits Bisphenol A in Materialen verboten, die mit Lebensmitteln in Kontakt kommen.

Doch wie können sich Verbraucher unterdessen schützen? Ganz einfach sei das nicht, sagt Häuser. Immerhin handele es sich um viele verschiedene Chemikalien. Ein paar Tipps hat sie dennoch parat: So sollten Verbraucher etwa Weich-PVC meiden. Zudem gelte: "Wenig Getränke und Essen aus Dosen verwenden und wenn möglich, auf in Plastik eingeschweißte Lebensmittel verzichten."

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