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Tatsache oder Trugschluss: Kann man über Nacht ergrauen?

Bei Marie Antoinette soll es passiert sein und bei Karl Marx: Durch einen Schock sollen beide über Nacht ergraut sein. Gibt's das? Und hinterlässt Stress in den Haaren Spuren?

Von Lea Wolz

Über Nacht ergrauen - die Literatur kennt einige dieser mysteriösen Vorfälle

Über Nacht ergrauen - die Literatur kennt einige dieser mysteriösen Vorfälle

Macht abends essen dick? Ist es schädlich, den Deckel des Joghurtbechers abzulecken? Gibt es süßes Blut? Der stern nimmt in loser Reihenfolge Alltagsmythen unter die Lupe. Zuerst lassen wir Sie, die Leser, darüber abstimmen. Auf der nächsten Seite finden Sie die Auflösung des Mythen-Checks.

Kann man über Nacht ergrauen?

Lesen Sie auf der nächsten Seite, ob man tatsächlich über Nacht ergrauen kann.

Über Nacht ergrauen - die Literatur kennt einige dieser mysteriösen Vorfälle

Über Nacht ergrauen - die Literatur kennt einige dieser mysteriösen Vorfälle

Dass Marie Antoinette in ihrem Leben immer mal wieder Stress hatte, kann man wohl nicht leugnen: Vor dem Gang aufs Schafott sollen ihre Haare über Nacht ergraut sein - schlagartig soll der Kummer ihre Haarpracht der Farbe beraubt haben. Solche Erzählungen finden sich in der Literatur immer wieder. Auch Karl Marx soll der Tod seines achtjährigen Sohnes Edgar so erschüttert haben, dass er über Nacht weiß wurde. Doch lässt Stress die Haare tatsächlich ergrauen? Und kann dies auch plötzlich über Nacht passieren?

Ulrike Blume-Peytavi, Leiterin des Kompetenzzentrums für Haare und Haarerkrankungen an der Berliner Charité, kennt solche Erzählungen - und weiß, was an ihnen dran ist. "Dass Haare ergrauen, ist ein normaler Alterungsprozess", sagt sie. In jeder Haarwurzel befinden sich pigmentbildende Zellen, die sogenannten Melanozyten. Sie stellen Farbpigmente her, die im Haarschaft in das nachwachsende Haar eingebaut werden. Mit dem Alter geht die Pigmentproduktion zurück, es wird also nicht mehr ausreichend Melanin, ein Farbstoff, gebildet. Statt der Pigmente lagern sich Sauerstoffbläschen ins Haar ein, wird das Licht durch sie gebrochen, erscheint das Haar weiß – nicht grau. "Grau sind die Haare nur, wenn noch Restpigmente vorhanden sind", sagt Blume-Peytavi.

Wann sich die ersten grauen Strähnen zeigen, ist größtenteils genetisch bedingt. Und daher bei jedem unterschiedlich. "Manch einer hat schon mit 20 silberne Strähnen, bei den meisten zeigen sie sich ab Mitte 30, andere bleiben mit über 40 noch verschont", sagt Blume-Peytavi. Doch auch die Umwelt trägt dazu bei, dass unsere Haare erblassen: "Stress kann durchaus ein Co-Faktor sein, der Auswirkungen bis in die Haarwurzeln hat", erklärt die Medizinerin. Um die sogenannten Haarfollikel, die die Haarwurzeln umgeben, findet sich ein Netz an Nervenbündeln, die auf unterschiedliche Weise auf Stresshormone reagieren. Diese Botenstoffe können - das zeigte sich zumindest in Tierversuchen - auch die Pigmentbildung beeinflussen.

Bewegen, gesund ernähren und nicht rauchen

Über Nacht geht das allerdings nicht. "Das Ergrauen ist ein schleichender Prozess", sagt Blume-Peytavi. Die Pigmente verschwinden nicht plötzlich aus den Haaren - sie werden nicht mehr in die nachwachsenden integriert. Da Haare im Monat lediglich etwa einen Zentimeter wachsen, wächst sich somit auch die Farbe langsam aus. Wer am morgen graue Haare im Spiegel entdeckt, sollte also eher einen Blick in die Vergangenheit werfen, akute Stresserlebnisse können jedenfalls nicht die Ursache für die plötzlich auftretenden silbernen Strähnen sein.

Den Eindruck, dass jemand über Nacht ergraut ist, kann allerdings ein anderes Ereignis hervorrufen: Beim kreisrunden Haarausfall - in der Fachsprache als Alopecia areata bezeichnet - fallen alle pigmentierten Haare auf einmal aus. Übrig bleiben die nicht-pigmentierten, grauen Haare, da sie durch die Autoimmunerkrankung nicht angegriffen werden. Der kreisrunde Haarausfall ist vermutlich erblich bedingt. Ob Stress oder auch Infekte das Auftreten der Krankheit auslösen können, wird zwar immer wieder diskutiert - ist aber nicht hinreichend belegt. Bei Marie Antoinette könnte die Erklärung aber auch einfacher sein, meint Blume-Peytavi. "Es ist durchaus vorstellbar, dass sie immer eine Perücke trug. Und dass das Volk sie beim Gang aufs Schafott zum ersten Mal ohne sah."

Angst, dass man sich abends schwarzhaarig ins Bett legt und morgens schlohweiß aufwacht, muss also niemand haben. Allerdings gibt es durchaus Fälle, in denen weiß werdende Haare ein Hinweis auf gesundheitliche Probleme sein können. "Wenn sich bei Kindern oder Jugendlichen frühzeitig schon einzelne oder auch am ganzen Kopf verteilte graue Haare zeigen, kann eine Stoffwechselstörung oder eine Mangelerscheinung dahinterstecken", sagt Blume-Peytavi. So könne etwa eine Schilddrüsenerkrankung oder Eisenmangel das Ergrauen der Haare begünstigen. Zeigen sich solche Veränderungen plötzlich und unerwartet, sei es ratsam, dies beim Hausarzt abklären zu lassen. Gesunde Menschen müssen allerdings in der Regel keinen Nährstoffmangel befürchten: Wer sich abwechslungsreich und hauptsächlich mit frischen, unverarbeiteten Lebensmitteln ernährt, ist mit Vitaminen und Mineralstoffen eigentlich gut versorgt.

Wer dennoch befürchtet, dass auch Stress seine Spuren in der Haarpracht hinterlassen haben könnte, sollte natürlich erst einmal versuchen, diesen zu reduzieren. Neben einer gesunden Ernährung helfen auch Bewegung sowie der Verzicht aufs Rauchen und zu viel Sonne, die Pigmentzellen vor oxidativem Stress zu schützen. "Das ist dann nicht nur gut fürs Haar, sondern auch für die Haut", sagt Blume-Peytavi.

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