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Sprunghafter Anstieg in Deutschland RKI warnt vor "unkontrollierter" Corona-Ausbreitung – mehr als 10.000 Fälle pro Tag möglich

Sehen Sie im Video: RKI-Präsident Lothar Wieler warnt vor einem drastischen Anstieg der Corona-Zahlen.


Lothar Wieler, Präsident des Robert-Koch-Instituts, sagt am 7. Oktober 2020: "Es war uns gelungen, die Fallzahlen über mehrere Monate niedrig zu halten. Auch die Zahl der Todesfälle war deutlich gesunken und ist bis heute niedrig. Und das ist tatsächlich ein sehr großer Erfolg. Aber seit Anfang September steigen die Fallzahlen von Woche zu Woche an. In den letzten Tagen wurden täglich zwischen 1000 und heute sogar über 4000 Fälle an das Robert-Koch-Institut gemeldet. In den letzten sieben Tagen, also Anfang Oktober, sind etwa doppelt so viele Fälle übermittelt worden wie noch Anfang September. Der Bundesdurchschnitt der 7-Tage-Iinzidenz pro 100.000 Einwohner liegt aktuell bei 20,2 Fällen. Anfang Juni lag er bei 3. Fazit: Das Infektionsgeschehen nimmt in fast allen Regionen zu. Und das, meine Damen und Herren, das macht mir große Sorgen. Warum nimmt das Infektionsgeschehen zu? Wir sehen größere Ausbrüche, aber vor allem sehr viele kleineren Geschehen in weiten Teilen Deutschlands. Das Virus verbreitet sich naturgemäß überall dort, wo Menschen zusammenkommen. Bei privaten Feiern und Treffen. Es gibt Ausbrüche am Arbeitsplatz, in Gemeinschaftsunterkünften. Wir sehen leider auch wieder mehr Ausbrüche in Alten- und Pflegeheimen sowie Krankenhäusern. Zum Ende der Sommerferien hatten noch viele Menschen das Virus aus dem Urlaub mitgebracht. Inzwischen macht es aber nur noch acht Prozent aller Fälle aus, die wir in Deutschland zählen. Die meisten Übertragungen finden also in Deutschland statt."
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Bundesgesundheitsminister Spahn und RKI-Präsident Wieler mahnen vor einer "unkontrollierten Verbreitung" des Coronavirus in Deutschland. Der Kanzleramtschef erwartet eine zweite Infektionswelle. 

Nach einem sprunghaften Anstieg bei den Corona-Neuinfektionen hat das Robert-Koch-Institut (RKI) vor einer unkontrollierten Verbreitung des Virus in Deutschland gewarnt. Es sei "möglich, dass wir mehr als zehntausend neue Fälle pro Tag sehen und dass sich das Virus unkontrolliert verbreitet", sagte RKI-Präsident Lothar Wieler am Donnerstag in Berlin. Auch Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) zeigte sich besorgt und rief zur Einhaltung der Abstands- und Hygieneregeln auf.    

Die Zahl der gemeldeten Neuinfektionen ist dem RKI zufolge von Mittwoch auf Donnerstag auf 4058 gestiegen. Am Mittwoch hatte die Zahl noch bei 2828 gelegen. Derzeit sei unklar, "wie sich die Lage in Deutschland in den nächsten Wochen entwickeln wird", sagte Wieler. Er hoffe aber, "dass wir es schaffen, die Infektionen auf einem Level zu halten, mit dem wir umgehen können".     

Bundesgesundheitsminister Spahn: Infektionsgeschehen "besorgniserregend"

Wieler äußerte zugleich die Befürchtung, dass sich wieder mehr ältere Menschen infizieren könnten. Das Durchschnittsalter der Betroffenen sei im Sommer gesunken und steige jetzt wieder an. Die Zahl der Patienten auf den Intensivstationen liege zwar noch bei 470, habe sich damit in den vergangenen Wochen aber wieder verdoppelt.    

Spahn rief eindringlich zur Einhaltung der Hygiene- und Abstandsregeln auf. "Diese Pandemie ist auch ein Charaktertest für uns als Gesellschaft", sagte Spahn auf der  Pressekonferenz. "Wenn 80 Millionen mitmachen, sinken die Chancen des Virus gewaltig."

Den Anstieg der Neuinfektionen bezeichnete Spahn als "besorgniserregend". Er wies aber zugleich darauf hin, dass auch die Zahl der Todesfälle und der intensivmedizinisch behandelten Covid-19-Patienten gesunken sei. Deutschland sei "bislang gut durch die Krise gekommen". Es liege nun "an uns allen selbst, ob wir es schaffen, das Erreichte zu sichern", sagte der Minister.    

Zurückhaltend äußerte sich der Gesundheitsminister zu der Entscheidung der meisten Bundesländer, Menschen aus inländischen Risikogebieten den Zugang zu Hotels zu verwehren. Er habe zwar Verständnis für die Sorgen der Länder. Besser als ein solches "Beherbergungsverbot" sei es aber, bei stärkeren Ausbrüchen "vor Ort" zu agieren, um das Infektionsgeschehen einzudämmen.     

Spahn wandte sich auch gegen die Debatte über einen zweiten Lockdown. Es existiere inzwischen viel mehr Wissen über die Ausbreitung. Es gebe im Einzelhandel oder dem öffentlichen Nahverkehr kaum Ausbrüche. Maßnahmen seien hingegen notwendig bei Feiern und Veranstaltungen.    

Deutschland vor zweiter Corona-Infektionswelle, sagt Kanzleramtschef Braun

Nach Einschätzung von Kanzleramtschef Helge Braun (CDU) steht Deutschland an der Schwelle zu einer zweiten Corona-Infektionswelle. In einigen Großstädten stiegen die Infektionszahlen "sehr sehr schnell" an, sagte Braun den Sendern RTL und n-tv. "Das heißt, dass die Kontaktnachverfolgung in den Gesundheitsämtern möglicherweise an einigen Stellen nicht mehr funktioniert, und das ist der klassische Beginn einer zweiten Welle."    

Der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Andreas Gassen, bezeichnete den Anstieg im jetzigen Herbst als "nicht wirklich überraschend". Er sagte auf der Pressekonferenz mit Spahn und Wieler: "Wahrscheinlich wird uns das Virus dauerhaft begleiten." Das Gesundheitssystem sei aber gut aufgestellt. "Wir sind weit entfernt von einer Überlastung."

     

Gassen wies zudem darauf hin, dass der Anteil der positiven Befunde bei allen Getesteten mit rund 1,5 Prozent deutlich niedriger liege als noch vor einigen Monaten. Nach seinen Worten gibt es derzeit rund eine Million Tests pro Woche.    

Bundesforschungsministerin Anja Karliczek (CDU) sagte, dass ihr die Entwicklung der Infektionszahlen "wirklich Sorge" bereite. Der Anstieg zeige, "dass wir weltweit und in Deutschland die Pandemie noch lange nicht hinter uns haben", sagte die Ministerin. Sie rief dazu auf, die Corona-Schutzregeln einzuhalten: "Es kann ganz einfach sein, wenn alle mitmachen."

fs AFP

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