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Medizin: Warum SARS-Masken sexy sind

Peking war nahezu sandfrei dieses Jahr, die Fahrradfahrer banden sich keine Taschentücher, Masken und Schals um die Münder - zu meinem Bedauern: Denn Masken finde ich sexy. Vor einem Monat dann brachte SARS die Erotik auf die Straße zurück.

Der Frühling in Peking versprach ein Frühling ohne Masken zu werden. Die Sandstürme aus der nahen Wüste blieben aus. Das war im Prinzip eine gute Nachricht. In den Garküchen am Straßenrand würde ich mein geliebtes Yu Xiang Rousi (wörtlich übersetzt "Der Fisch, der an Fleisch erinnert"), geschnetzeltes Schweinefleisch mit gehackten Schilischoten, essen können, ohne dass sich dabei der Sand als unwillkommene Beilage zwischen Reis und Gemüse mischt. In den Jahren zuvor hatte es der feine Sand selbst durch die Doppelfenster unserer Wohnung geschafft. An schlimmen Tagen konnte ich ihn unter den Ledersohlen meiner Schuhe knirschen hören.

Masken üben auf mich einen Bikini-Effekt aus

In diesem Jahr aber war Peking nahezu sandfrei. Die Fahrradfahrer banden sich keine Taschentücher, Masken und Schals um die Münder - zu meinem Bedauern: Denn Masken finde ich sexy. Sie üben auf mich einen Bikini-Effekt aus. Ich will wissen, was drunter ist. Verhüllung kann erotischer sein als Nacktheit, das gilt auch für das Gesicht.

Vor einem Monat dann brachte SARS die Erotik auf die Straße zurück. Von einem auf den anderen Tag hatte die Regierung einräumen müssen, dass in Peking Hunderte mit SARS infiziert waren. Es kam zu Panikkäufen. An einem Nachmittag streifte ich mit meinem Auto durch die Stadt, jeder vierte Pekinger trug nun Maske. Ein Fest für meine Augen. Dabei gehöre ich nicht zu den europäischen Männern, die Chinesinnen so verfallen sind, dass die Ausländer-Gemeinde hier, außer SARS schon seit langem von einer anderen, ebenfalls nicht ungefährlichen Krankheit spricht: dem Gelben Fieber. Der Spott zielt auf die weißen Männer, die ihre Finger nicht von asiatischen Frauen lassen können und sich deshalb neben ihren europäischen oder amerikanischen Ehefrauen gerne noch eine chinesische Geliebte halten.

Nie waren Chinesinnen sexier

Ich für meinen Teil finde Chinesinnen etwas dünn. Wenn man sie von hinten anschaut, kann man viele von Männern nicht unterscheiden - von ihren meist lang-getragenen Haaren einmal abgesehen. Die SARS-Masken aber ließen sie mir auf einmal verführerisch erscheinen. Nie waren sie sexier. Einmal fuhr ich an einer jungen Frau vorbei, die sich "Küss mich" auf die Maske geschrieben hatte. Wahrscheinlich hätte eine Vollbremsung den ein oder anderen Radfahrer aus dem Sattel geworfen. Ich fuhr also weiter.

Die Zahl der SARS-Ansteckungen in Peking kletterte auf über hundert pro Tag, und mit ihr stieg die Zahl derer, die sich nicht mehr ohne Gesichtsschutz auf die Straße wagten. Masken wurden für mich zu einem Gradmesser dafür, wie ihre Träger mit der SARS-Seuche umgingen. Anders gesagt, es galt der Satz: Zeige mir Deine Maske, ich sage Dir, wer Du bist. Unwillkürlich teilte ich Freunde, Bekannte, Passanten, aber auch Wildfremde in Kategorien ein:

1. Die Verzweifelten

Weil sie keine Maske auftreiben konnten, benutzten sie, was sie kriegen konnten, als Maskenersatz. In einem Dorf unweit der südtaiwanesischen Stadt Tainan schnallte sich ein alter Mann gar eine Tasse über den Mund. "Ich habe alle Apotheken im Umkreis abgeklappert. Masken sind ausverkauft. Dann hatte ich die Tassenidee", zitierte ihn die Nachrichtenagentur Reuters. In Taiwan banden sich Bauern Büstenhalter um den Mund, um sich vor SARS zu schützen.

2. Die Zyniker

Sie trugen entweder eine schwarze Maske mit einem Totenkopf. Oder sie liefen selbst "oben ohne" umher, also ohne Gesichtsschutz. Sie machten sich über alle Maskenträger lustig und hüstelten bei Bedarf gekonnt, um sich in der U-Bahn etwas mehr Platz zu verschaffen. Sie witzelten, dass nun wenigstens niemand dabei zuschauen könne, wenn jemandem die Gesichtszüge entgleiten. Die Redewendung "Das Gesicht verlieren", in den Augen vieler Ausländer die Metapher für den chinesischen oder asiatischen Verhaltenskodex schlechthin, hatte plötzlich einen anderen, komischen Klang: Das Gesicht konnte nicht mehr verloren werden, es blieb ja hinter der Maske versteckt (Lesen Sie dazu den Tagebucheintrag vom 15. Mai: "SARS und der Kanzler ohne Maske"). Die Zyniker auch konnten sich vor Lachen nicht einkriegen über die Zeitungsanzeige, mit der Hongkong, eine der am schlimmsten von SARS betroffenen Städte, in diesem Jahr Touristen anlocken wollte: Hongkong - it takes your breath away - Hongkong nimmt Dir den Atem. Ja, in keiner anderen SARS-Stadt trugen so viele Einwohner Masken.

3. Die Tierfreunde

Sie gönnten auch ihrem Hund eine Maske und gingen fortan im Partnerlook Gassi. Dies war in Hongkong zu beobachten. Weniger in Peking. In der chinesischen Hauptstadt setzten einige ihre Katzen aus oder schlugen streundende Hunde einfach tot. Die staatlich gelenkte Presse, die in China immer noch mehr der Propaganda als der Aufklärung verpflichtet ist, hatte Tiere als mögliche SARS-Quelle ausgemacht und die Leser aufgefordert, sich von Vierbeinern fernzuhalten. Einige Pekinger entschieden sich für eine radikale Interpretation dieses Ratschlags. Kein Tier, kein Problem, dachten sie sich und griffen zum Messer oder Knüppel.

4. Die Realisten

Sie verzichteten darauf, im Freien eine Maske zu tragen, hatten aber eine in der Tasche für den Fall, dass sie sich einer großen Menschenansammlung aussetzen mussten. Die Wahrscheinlichkeit, sich auf der Straße oder in einem Park mit SARS zu infizieren, war verschwindend gering. In der 13-Millionen-Stadt Peking sind bis heute nur etwas mehr als 2500 Menschen als SARS-Kranke registriert. Diese Fälle konzentrieren sich auf Krankenhäuser. Dazu kam, dass die sonst so quirlige Stadt für zwei lange Woche geradezu menschenleer schien (Lesen Sie dazu den Tagebucheintrag vom 2. Mai: "Einsam in Peking").

Die Kindergärtnerin meines Sohnes - während der von der Stadtregierung verordneten Schließung aller Kindergärten, Schulen und Unis dazu verdonnert, per Telefon über die Gesundheit ihrer Klasse zu wachen, ruft jeden Morgen bei uns an. Sie tut dies nicht nur um die Körpertemperatur von Moritz abzufragen (Lesen Sie den Eintrag vom 13. Mai: "SARS, mein Sohn und eine Stadt voller Bankräuber"), sondern auch um uns zu ermahnen, mit Moritz bloß nicht die Wohnung zu verlassen. Das ist Blödsinn und hat viel damit zu tun, dass die chinesischen Behörden nach monatelanger "Unter-Reaktion" (Verschweigen der Seuche), nun überreagieren (Lesen Sie den Tagebucheintrag vom 28. April: "Warum SARS gut für meine Gesundheit ist").

Die Realisten leben deshalb so weiter wie vorher. Ich kann an dieser Stelle auch eine Frage beantworten, die Leser meines SARS-Tagebuches oft stellen: Ob ich denn selbst eine Maske trage? In den zwei Monaten, seit der SARS-Ausbruch in Peking bekannt wurde, habe ich mir nur zweimal eine Maske übergestreift: Einmal, als ich im Menschengetümmel eines Kaufhauses nach einem Geburtsgeschenk für einen Freund suchte, das andere Mal, als ich nach einer rotweinschweren Party mein Auto stehen ließ und mit dem Taxi nach Hause fuhr.

5. Die Superängstlichen

Sie trugen selbst in ihren eigenen Autos drei Masken übereinander (Lesen Sie bitte meinen Tagebucheintrag vom 9. Mai: "Die Kunst an SARS zu sterben, ohne SARS zu haben"). Sie wussten alles über Masken, genauer gesagt, sie gaben vor, alles über Masken zu wissen: dass sie eng anliegen müssen, dass ihre Oberfläche keinesfalls mit Fingern berührt werden darf, dass dreilagige wenig helfen und gegen Superspreader, SARS-Kranke die mehrere Dutzend andere Menschen anstecken können, auch die sechzehnlagigen Stoffmasken wirkungslos bleiben.

6. Die Kühnen

Sie würden nur beim Besuch eines SARS-Patienten oder in einem SARS-Krankenhaus eine Maske tragen. Hätte die Regierung nicht die Austragung von Fußballspielen und Konzerten verboten, würden sie dort breit grinsend und ohne Gesichtschutz auftauchen. Ich sympathisiere mit ihnen. Denn sie tragen dazu bei, die SARS-Hysterie zurückzudrängen.

7. Die Satiriker

"Read", die beste Bücherzeitschrift Chinas erschien kürzlich mit einer Karikatur auf dem Titelbild, die zwei Unterwäschemodells auf dem Laufsteg zeigte. Dreifach verhüllt, denn neben den beiden Bikiniteilen trugen sie einen Gesichtsschutz. Dies veralberte die Theorie der sogenannten "Drei Vertretungen", mit welcher der ehemalige Präsident Jiang Zemin, die Kommuistische Partei für Kapitalisten öffnete.

8. Die Kreativen

Sie malten sich Mickey Mouse, Superman oder flotte Sprüche auf die Masken. Mitunter musste der Gesichtsschutz auch als Propagandafläche herhalten. Auf dem weißen Stoff stand dann geschrieben: "Durchhalten bedeutet Sieg" oder die Aufforderung "Sich selbst konsequent schützen".

9. Die Modebewussten

Sie kauften auf den Hongkonger Märkten kunterbunte, aber gefälschte Masken von Gucci und Burberry. Sie bestellten sich bei dem Designer Doran Ho ihre Abendkleider inklusive mit passendem Gesichtsschutz.

10. Die Clowns

Sie übten sich in Augengymnastik. Das menschliche Gesicht kann mehr als 10.000 verschiedene Gesichtsausdrücke produzieren, haben Wissenschaftler für die Hongkonger Zeitung "South China Morning Post" aufgeschrieben. Ein Großteil davon, ein Lächeln, ein Zähneknirschen, ging nun unter der Maske verloren. Es blieben die Augen. Niemals war Flirten spannender.

Seit ein paar Tagen sinken die offiziell gemeldeten SARS-Zahlen, die Pekinger gewöhnen sich daran, mit dem Virus zu leben, langsam füllen sich Straßen und Restaurants. Die Maskenträger werden weniger und damit auch die jungen Maskenträgerinnen. Der Autor diese Tagebuchs ist ein wenig traurig. Sie wissen warum.

Matthias Schepp

Wissenscommunity