ORTHOPÄDIE Knackpunkt Knie


Das schwächliche Beingelenk des Menschen taugt kaum für den aufrechten Gang, geschweige denn zum Joggen, Squashen oder Skifahren. Kein Wunder, dass eine stetig wachsende Schar von Geplagten die Wartezimmer der Orthopäden bevölkert.

Das Drama begann im Sommerurlaub vor zwei Jahren. Reinhold Beckmann stand mit seinem kleinen Sohn Vincent in Portugal am Strand, als ihm von einer Welle ein Jetski entgegengeschleudert wurde. Wie ein Geschoss krachte das Sportgerät gegen das rechte Bein des TV-Moderators. Dessen Fuß war fest im nassen Sand vergraben, und die Wucht des Aufpralls drehte das Knie brutal um die eigene Achse. »Das tat höllisch weh, aber ich bin erst mal weitergelaufen«, sagt Beckmann. »Nach einer halben Stunde wurde das Knie dick und mir war klar, dass da etwas kaputt gegangen sein musste.« Beckmann legte das Bein hoch, packte Eiswürfel aus der Minibar drauf und humpelte hinter der Familie her.

»Mein Seelenglück fällt weg«

Nach schmerzvoller Heimreise bekam Beckmann nach der Kernspin-Untersuchung die Diagnose: Kreuzband- und Meniskusriss. Zwar verlief die Operation im Dezember 2000 gut und Beckmann trainierte danach ein halbes Jahr lang diszipliniert bis zu zwölf Stunden wöchentlich in der ambulanten Rehabilitation. Trotzdem plagt sich der begeisterte Freizeitsportler noch heute regelmäßig mit Schmerzen: beim Treppensteigen und beim Aufstehen vom Stuhl. Er ertappt sich dabei, wie er das rechte Bein schont und das linke mehr belastet. Basketball mit den Kindern fällt flach. Wenn Beckmann in Hamburg an der Alster entlangfährt, beneidet er die Jogger, die dort ihre Runden drehen. »Mein Seelenglück, der sportliche Ausgleich zur Arbeit, fällt weg, weil mein Bein nicht mehr so belastbar ist«, klagt er. Vier Ärzte hat er inzwischen aufgesucht; erst vorige Woche ließ er sich vom Arzt der Fußball-Nationalelf, Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt, therapieren und hofft, in sechs Wochen endlich wieder schmerzfrei laufen zu können.

Orthopäden haben viel zu tun

Müller-Wohlfahrt und seinen Kollegen von der Orthopädenzunft mangelt es nicht an Beschäftigung. Quer durchs Volk registrieren Ärzte immer mehr Kniebeschwerden und -verletzungen. Jedes Jahr reißt rund 80.000 Bundesbürgern ein Kreuzband, werden 300.000 Meniskus-Lädierte in den Operationssaal geschoben. Auch Verschleiß plagt längst nicht mehr nur Greise: Schon jeder fünfte Knieprothesen-Träger ist jünger als 60 Jahre.

Schuld ist paradoxerweise das gewachsene Gesundheitsbewusstsein der Menschen. Wer fit sein will, der joggt, stählt seine Kondition beim Squash, scheut im Winter keine Piste - und setzt seine Knie enormen Belastungen aus. Dabei sind unsere Beingelenke nicht einmal für einen behäbigen aufrechten Gang optimal gebaut: Das rundliche Ende des mächtigen Oberschenkelknochens und das flache Plateau des Schienbeinknochens passen schlecht zueinander, so dass es vieler verletzlicher Bänder und Puffer bedarf, um das Scharnier zusammenzuhalten. Zulasten dieses labilen Apparats krachen Läufer bei manchem Schritt mit dem Dreifachen ihres Körpergewichts auf den Boden. Wer kickt oder wedelt, traktiertseine Knie durchs Springen und Landen, Bremsen und Drehen.

Besonders gefährdet: Fußballer und Skiläufer

Die meisten Knieverletzungen ereilen Fußballer und Skiläufer. Das ergab eine Studie des Stuttgarter Sportmedizin-Professors Klaus Steinbrück, der Daten von 31000 Patienten analysiert hat. Der klassische Bewegungsablauf, der Bänder und Menisken ramponiert, ist das Verdrehtrauma: Fuß und Unterschenkel stehen fest - zum Beispiel in einem schweren Skistiefel oder einem in den Rasen gegrabenen Stollenschuh. Der Oberschenkel aber dreht sich weiter, bis es kracht. So geschah es Sven Hannawald, dem es bei der Skiflug-WM in Tschechien »das Knie bei der Landung nach außen riss«. Eine Operation ließ sich trotz langer Ruhepause nicht vermeiden.

»Runner's knee«

Fast so schmerzhaft wie Verdrehtraumata sind manche Molesten mit der Kniescheibe. Sowohl bei Läufern (»runner's knee«) als auch bei Sportmuffeln, in die plötzlich Bewegung kommt, können sich durch Überlastung Sehnen und Muskeln entzünden. Zudem leiden immer mehr Menschen an einer »muskulären Dysbalance«. Sie wird diagnostiziert, wenn ein Muskelstrang im Oberschenkel deutlich stärker ist als andere, sodass die Kniescheibe über die Sehne einem asymmetrischen Druck ausgesetzt ist und schief über ihr knöchernes Gleitlager schubbert. Der schräge Zug kann Folge einseitiger Sportbelastung sein, findet sich freilich auch bei Untrainierten. »Die muskuläre Dysbalance ist eine Art Volksseuche geworden«, sagt Professor Hans Pässler, Orthopäde an der Atos-Klinik in Heidelberg.

Immerhin lässt sich gegen gezerrte Gelenke, Kniescheibenschmerzen und Dysbalancen oft leicht etwas tun: »Viele Verdrehverletzungen könnten mit speziellen Aufwärm-, Kraft- und Koordinationsübungen vermieden werden«, sagt Thomas Henke, Biomechaniker an der Ruhr-Universität Bochum, der mit der Arag Sportversicherung kostenlose Broschüren für Hand- und Fußballspieler sowie Skifahrer herausgibt. Um dem »runner's knee« vorzubeugen, empfehlen Sportmediziner gedämpfte Schuhe mit flacher Sohle und weiche, ebene Laufuntergründe - zu dick gepufferte Treter und zu hubbelige Waldböden verlagern das Problem nur eine Etage tiefer Richtung Ferse und strapazieren die Achillessehnen. Und gegen muskuläre Dysbalance hilft spezielles Muskeltraining für die Oberschenkel, mit dem das Gleiten der Kniescheibe wieder ausbalanciert wird.

Meist beginnt es mit einem Kreuzbandriss

Wenn das Innenleben des Gelenks nicht nur unrund läuft, sondern demoliert wird, ist es mit Gymnastik und besseren Schuhen nicht mehr getan. Viele Band-, Knorpel- und Meniskus-Patienten landen im OP und laborieren dennoch jahrelang an ihrem geschundenen Scharnier. »Knie heilt nie«, sagen pessimistische Leidgeprüfte. Lange Krankengeschichten beginnen oft mit einem Kreuzbandriss - er ist der Startpunkt von mehr als 70 Prozent aller Sportverletzungen mit dauerhafter Invalidität. Erst ploppt es im Gelenk, dann gehen die Betroffenen zu Boden und haben ihr schmerzendes Bein nicht mehr unter Kontrolle. Später zeigt sich ein Bluterguss, der Gang ist unsicher, im schlimmsten Fall kommt es zur Arthrose, der fortschreitenden Zerstörung der Knorpel- und Knochenflächen.

Vier Monate Sportverbot

Wie bei der 30-jährigen Nicole Schomberg trifft es meist das vordere, dünnere Kreuzband. Die Innenarchitektin stürzte mit verkantetem Ski, musste operiert werden und bekam vier Monate Sportverbot. Auch Jahre nach dem Unfall ist das Knie ihre Schwachstelle geblieben. »Ich jogge wieder, gehe ins Fitnessstudio und tanze«, sagt sie. »Aber ich muss mich sehr konzentrieren, damit sich mein Knie nicht nach außen dreht.«

Ein gerissenes Band lässt sich schlecht flicken. Ein neues muss her. Am besten hat sich dafür Gewebe aus dem eigenen Körper bewährt, etwa ein Stück der Kniescheiben- oder Oberschenkelmuskelsehne. Zuerst wird das Ersatzmaterial per Schlüsselloch-Chirurgie herausgeschnitten, dann bohren die Ärzte dünne Kanäle in den Oberschenkelknochen und das Schienbein und zurren dazwischen das Sehnenstück fest.

Häufig sind die Ärzte schuld

Dabei kommt es auf Millimeter an: Sitzt die neue Sehne nicht perfekt, wird sie dauernd gequetscht und das Bein kann weder richtig gebeugt noch gestreckt werden. »Die scheinbare Einfachheit der Methode führt dazu, dass viele Berufsanfänger oder unzureichend Ausgebildete sich an Kreuzband-Operationen heranwagen«, sagt Hans Pässler, der unter anderem der Weltklasse-Kugelstoßerin Astrid Kumbernuß ein neues Band verpasste. Der schwedische Spezialist Ejnar Eriksson kommt gar zu dem Schluss, dass die hohe Invaliditätsrate nach Kreuzbandrissen vor allem an verpfuschten Operationen liege, bei denen Bohrtunnel im Knochen nicht exakt positioniert wurden.

Meniskustherapie hat sich geändert

Noch verletzungsanfälliger als die Kreuzbänder sind die Menisken, zwei halbmondförmige Puffer aus Knorpel-Fasergeflecht. Weil die Stoßdämpfer nicht von allein heilen, wird auch hier operiert. Früher säbelten die Ärzte häufig den defekten Meniskus ganz aus dem Gelenk. Dadurch wird das Knie instabil, die Stoß-Dämpfung fehlt. Der Knorpelüberzug und der darunter liegende Knochen nutzen sich ab. Eine skandinavische Studie zeigt, dass 15 Jahre nach einer Meniskus-Entfernung 42 Prozent der Betroffenen im Röntgenbild Arthrose-Zeichen aufweisen. Deshalb sind die Ärzte dazu übergegangen, die zerfledderten Gewebeteile nur noch partiell zu entfernen oder - noch besser - wieder festzunähen.

Für junge Patienten, deren Meniskus nicht gerettet werden kann, erproben Wissenschaftler verschiedene Verfahren: Sie implantieren Ersatz-Puffer aus Fett- oder Sehnengewebe, aus Kunststoff oder aber Transplantate von Toten. Der Fußballer Christian Wueck war der erste deutsche Profisportler, der sich den Meniskus eines Verstorbenen einsetzen ließ, und er konnte danach noch drei Jahre kicken. Mit 29 allerdings musste er aufgeben - auf die Dauer war sein Knie doch nicht belastbar genug.

Schwammartiges Kollagengerüst

Der US-Spezialist Richard Steadman erzielt vielversprechende Ergebnisse mit einem Meniskus-Implantat (CMI) aus schwammartigem Kollagengerüst, in das innerhalb einiger Monaten körpereigene Zellen einwachsen. Bill Rodkey, Steadmans rechte Hand, reiste für die Einarbeitung seiner deutschen Kollegen in die neue Technik mehrmals aus den USA an.

Fingerfertigkeit benötigt

Auch kleine Löcher im Knorpelüberzug des Kniegelenks fordern die Fingerfertigkeit der Ärzte. Der bis zu fünf Millimeter dicke Knorpel ermöglicht das reibungslose Aneinandergleiten der Knochen. Wird er durch Unfall oder beginnenden Gelenk-verschleiß beschädigt, bilden sich um den Defekt herum immer neue Einrisse. Die Zerstörung greift auf den Knochen über.

Vorübergehend können Mediziner aufgefaserte Stellen mit Spülungen und Schleifapparaten glätten. Doch erreichen sie so keine echte Gewebe-Regeneration und bremsen die Entwicklung einer Arthrose nur. Besser ist es, Defekte mit neuer Knorpelmasse zu schließen. Entweder mit »Mosaikplastiken«, kleinen Knorpel-Knochen-Zylindern, die aus weniger strapazierten Teilen des Kniegelenks ausgestanzt werden. Oder mittels der von Steadman erfundenen »Mikrofrakturierung«: Ärzte klopfen dabei viele Minilöcher in die Knochenschicht unter dem Knorpelloch und regen so die Bildung von Ersatzgewebe an. Allerdings ist der neu gewachsene Faserknorpel rauer und weicher als das Original - und dämpft nicht genauso gut.

Zellen im Labor vermehrt

Bei Patienten unter 40, die Eurostück-große Krater im Knorpelüberzug des Oberschenkelknochens haben, arbeiten Fachärzte zunehmend mit der so genannten autologen Chondrozytentransplantation. Für dieses teure und aufwendige Verfahren wird dem Patienten per Kniespiegelung etwa ein halbes Gramm gesunde Knorpelzellen aus dem Gelenk entnommen und über Wochen im Labor vermehrt. Danach nähen die Orthopäden ein Stück Knochenhaut über das Knorpelloch und spritzen die Zellen dazwischen. Die Erfinder der Prozedur, die schwedischen Professoren Lars Peterson und Mats Brittberg, können gute Erfolge vorweisen: 92 Prozent ihrer Patienten ging es nach der Behandlung besser.

Kein Wundermittel

Doch hilft die Schweden-Methode nicht bei älteren Knieleidenden - ebenso wenig wie eine in Deutschland entwickelte Variante, bei der die neu gezüchteten Zellen auf einem flachen Schwamm im Knorpelloch eingepasst werden. »Wir testen dieses Verfahren bei jungen Menschen, die frische Knorpelverletzungen haben«, sagt Christoph Erggelet, orthopädischer Oberarzt an der Universitätsklinik Freiburg. »Man muss klarstellen, dass die autologe Chondrozytentransplantation keineswegs das Wundermittel gegen fortgeschrittene Arthrose ist.«

Denn wenn der knorpelige Schutzmantel einmal großflächig abgerieben und der darunter liegende Knochen angegriffen ist, ist guter Rat rar. Mehr als zwei Millionen Menschen leiden in Deutschland unter Gelenkverschleiß - weil das Scharnier durch Übergewicht, X-Beine oder unebene Gelenkflächen überlastet wurde. Weil Verletzungen zu starkem Abrieb geführt haben. Oder weil das Knie sich einfach im Laufe von Jahrzehnten aufgerieben hat.

Anlaufschmerzen

Bei Arthrose-Geplagten reizen Abriebpartikel die Kapselschleimhaut, das Knie schmerzt, schwillt und kann nicht mehr richtig bewegt werden. »Typische Zeichen für eine Arthrose sind Anlaufschmerzen frühmorgens nach dem Aufstehen oder nach längeren Ruhepausen«, sagt Professor Joachim Grifka, Direktor der Orthopädischen Klinik der Uni Regensburg und Verfasser des Buches »Die Knieschule. Selbsthilfe bei Kniebeschwerden«*.

Kunststoff als Knorpelersatz

Im Anfangsstadium setzen viele Orthopäden auf eine Behandlung mit Hyaluronsäure, einem Gel, das regelmäßig in den Gelenkspalt gespritzt wird. Das soll schmerzlindernd wirken, die Gelenkschmiere aufbessern und die Knorpelernährung optimieren. Als Weltpremiere hat im Juni Ulrich Bosch, Unfallchirurgie-Professor in Hannover, bei einer 60-Jährigen mit beginnender Arthrose ein Stück Knorpelersatz aus wasserspeicherndem Kunststoff eingesetzt. Stunden nach der OP konnte die Patientin nahezu ohne Schmerzen aufstehen. Bevor dieses Verfahren medizinische Routine wird, muss es sich aber erst bei Langzeituntersuchungen bewähren.

In schweren Fällen bleibt früher oder später oft nur eine Therapie: die Prothese. Die erste, im Jahre 1890, war aus Elfenbein gefertigt und wurde mit einem Gemisch aus Colophonium und Gips im Knochen verankert, heute implantieren deutsche Operateure jährlich 60000 High-Tech-Knie aus Metall und Kunststoff. Professor Grifka arbeitet mit einem Computer-Navigationssystem, das eine hochpräzise Montage erlaubt. Damit ist er einer der Ersten in Deutschland - die meisten Ersatzknie können nicht so exakt positioniert werden und beginnen nach Jahren, sich zu lockern.

»Am nächsten Tag sitze ich beim Arzt«

Kein Wunder, dass viele Verschleiß-Opfer versuchen, die Einsetzung des Kunstknies so lange wie möglich hinauszuzögern. Dabei helfen Gewichtsreduktion, der Aufbau stützender Muskeln - und ein gewisses Maß an Schonung. Die fällt gerade den sportlichen Knieleidenden nicht leicht. »Die Arthrose muckt immer öfter auf und schmerzt. Trotzdem ist man verrückt genug, ab und zu doch mitzuspielen«, sagt Ex-Nationalkeeper Toni Schumacher. »Guck mal, der Alte ist ja noch gut drauf, denken dann alle. Ich freue mich natürlich auch - aber am nächsten Tag sitze ich beim Arzt.«

Von Anika Geisler

Mitarbeit: Rüdiger Barth/ Guiseppe Di Grazia/Wigbert Löer

* Rowohlt Taschenbuch Verlag, 156 Seiten, 8,90 Euro


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