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PCB- und Dioxin-Fund in Eiern: Was Verbraucher jetzt wissen müssen

Verbraucher sind verunsichert: Erneut haben Behörden in Eiern Dioxin und dioxinähnliche Stoffe gefunden. stern.de beantwortet die wichtigsten Fragen.

Von Lea Wolz

Dioxin in Eiern - bei vielen läuten da die Alarmglocken. Vor mehr als einem Jahr sorgten solche Schlagzeilen bei Verbrauchern für Verunsicherung. Über hundert Bauernhöfe wurden damals gesperrt, Verbraucherschützer rieten beim Verzehr von Eiern zu Zurückhaltung.

Droht nun ein neuer Lebensmittelskandal? Nach dem Fund belasteter Eier in Nordrhein-Westfalen sind jetzt auch in Niedersachsen zwei Höfe gesperrt worden. Hängen die beiden Fälle zusammen? Und wie sollten sich Verbraucher verhalten? Die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick.

Um was geht es?

"Dioxin in Bio-Eiern festgestellt", hieß es Anfang April in einer Pressemitteilung des nordrhein-westfälischen Verbraucherschutzministeriums. Tatsächlich wurden in den Eiern eines ostwestfälischen Biohofes keine Dioxine, sondern polychlorierte Biphenyle (PCB) gefunden, die allerdings ähnlich wie Dioxine aufgebaut sind. "Sie sind auch ähnlich gesundheitsschädlich", sagt Armin Valet von der Verbraucherzentrale Hamburg (VZH). "Beides sind Umweltgifte, die nichts in unseren Lebensmitteln zu suchen haben." Woher die Substanz stammt, ist noch unbekannt. Futtermittelproben wiesen keine Verschmutzung auf, auch über das Wasser haben sich die PCB wohl nicht verbreitet. Denn der Betrieb verkauft auch konventionelle Eier, die nach jetzigem Stand nicht belastet sind. Wahrscheinlich ist daher, dass der Boden der Freiland-Hühnerhaltung durch Industriealtlasten verseucht ist. Die Hühner könnten die Gifte aufnehmen, wenn sie vom Boden picken. Neben dem Fund von mit PCB belasteten Eiern auf dem Biohof in Ostwestfalen entdeckten Behörden auch bei zwei kleineren Betrieben in Duisburg Eier, die den Dioxin-Höchstwert überschritten. Dabei handelt es sich um Direktvermarkter, die ihre Eier selbst verkaufen. Einen Zusammenhang zwischen den Fällen in Ostwestfalen und in Duisburg gibt es vermutlich nicht. Der dritte Fund stammt aus Niedersachsen. Dort haben die Behörden nun ebenfalls auf zwei Höfen Eier mit PCB-Belastung gefunden. Hier handelt es sich wie in Ostwestfalen um Freiland-, nicht aber um Bio-Eier. Beide Betriebe sind dem Landwirtschaftsministerium in Hannover zufolge gesperrt, die ausgelieferten Eier zurückgerufen. Auch hier ist noch unbekannt, wie es zur der PCB-Belastung kam - und ob es einen Zusammenhang mit NRW gibt. Schuld an dem Dioxin-Skandal vor mehr als einem Jahr waren bei der Herstellung von Biodiesel anfallende Fettsäuren. Diese waren unerlaubt dem Futter beigemischt worden.

Wie gefährlich ist das dioxinähnliche PCB?

"Dioxin oder dioxinähnliche PCB gelten schon in geringen Mengen als krebserregend", sagt Valet. Eine akute Gefahr durch den Verzehr bestehe zwar nicht. Wer ein solches Ei isst, merkt erst einmal nichts. Doch die Verbindungen reichern sich im Fettgewebe des Körpers an und werden nur schwer abgebaut. Bereits geringe Konzentrationen können daher gefährlich sein, da sich dadurch die Gesamtbelastung im Laufe des Lebens erhöht. Als Langzeitwirkungen wurden laut Bundesinstitut für Risikobewertung in Tierversuchen Störungen der Reproduktionsfunktion, des Immunsystems, des Nervensystems und des Hormonhaushaltes beobachtet. Inwieweit diese Effekte auch beim Menschen eine Rolle spielen, sei noch nicht geklärt. Auch schwere entzündliche Erkrankungen der Haut und Schädigungen der Leber seien möglich, schreibt die Verbraucherzentrale Hamburg. "Die Grundbelastung sollte daher so gering wie möglich gehalten werden", sagt Valet.

Wie viele Eier sind betroffen?

Der in Ostwestfalen gesperrte Betrieb ist einer der größten Erzeuger von Bio-Eiern mit einer Tagesproduktion von 23.000 Eiern. Vermutlich seien daher in den vergangenen Wochen mehrere Hunderttausend der Schaleneier in den Handel gelangt, sagt Valet. "Ob sie alle belastet waren, ist nicht klar." Die zugelassenen Höchstwerte wurden in den getesteten Eiern um das Drei - bis Sechsfache überschritten. Zunächst hieß es, dass nur verseuchte Eier mit dem Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD) 31. März 2012 bundesweit an Supermarktketten ausgeliefert wurden. Doch einem Verpackungsbetrieb ist offenbar ein Etikettierungsfehler unterlaufen, sodass verseuchte Eier mit einem MHD bis zum 8. April in Umlauf gelangten. Angesichts des Haltbarkeitsdatums dürften sie sich aktuell allerdings nicht mehr in den Supermarktregalen befinden. Wie viele Eier in Niedersachsen betroffen sind und wie hoch die Belastung ist, ist noch nicht bekannt. Laut Verbraucherschutzministerium in Hannover wurden zwar alle belasteten Eier zurückgerufen. Es sei aber nicht auszuschließen, dass sich noch einige beim Verbraucher befinden.

Woran erkenne ich die belasteten Eier?

Ob eines der belasteten Eier im Kühlschrank liegt, erkennen Verbraucher an der Stempelnummer. Eier, die aus dem in Ostwestfalen gesperrten Betrieb stammen, sind mit dem Code 0-DE-0521041 gekennzeichnet. Bioeier aus Duisburg tragen die Stempelnummer 0-DE-0521991. Die konventionellen Eier seien lediglich am Namen des Betriebs, "AWO Ingenhammshof", zu erkennen, teilte das Landesverbraucherschutzministerium mit. Die Erzeugercodes der Eier aus den niedersächsischen Betrieben lauten 1-DE-0354451, 1-DE-0354452, 1-DE-0354453 und 1-DE-0352691. "Eier mit diesen Stempelaufdrucken sollten entsorgt werden", sagt Valet. Keine Bedenken müssen Verbrauchern bei Nahrungsmitteln wie Nudeln haben, in denen Eier verarbeitet wurden. "Da ist der Eianteil meist so gering, dass von ihnen keine große Gefahr mehr ausgeht", sagt der Verbraucherschützer.

Wie kann ich Dioxine meiden?

90 bis 95 Prozent der Dioxine nimmt der Mensch über die Nahrung auf. Nahezu zwei Drittel stammen aus Fleisch- und Milchprodukten. Auch fettreiche Fische sind eine Quelle. Vegetarier seien daher klar im Vorteil, sagt Valet. "Wer weniger tierische Produkte ist, hat eine geringere Belastung."

Wurde die Öffentlichkeit im aktuellen Fall zu spät informiert?

Getestet wurden die Eier aus dem Betrieb in Ostwestfalen wohl schon am 15. Februar - auf Initiative eines Verpackungsbetriebes. Das Labor teilte seinem Auftraggeber aber erst einen Monat später die Ergebnisse mit. Den zuständigen Landkreis erreichten die Informationen erst zehn Tage danach. Dieser nahm daraufhin eigene Proben, das Ministerium und die Verbraucher erfuhren schließlich erst kurz vor Ostern von der Gefahr. "Das muss schneller gehen", kritisiert Valet. "Die nach dem letzten Skandal beschlossenen Vorsorgemaßnahmen funktionieren offenbar noch nicht."

Könnten noch mehr Höfe betroffen sein?

Ob sich der Skandal um die verseuchten Bio-Eier noch ausweitet, hängt Verbraucherschützer Valet zufolge vor allem von der Kontaminationsquelle ab. "Wenn es doch am Futtermittel liegen sollte, kann es noch mehr Höfe treffen. Wenn es ein lokales Problem, etwa ein verseuchter Boden ist, wird es sich in Grenzen halten", sagt er.

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