HOME

Stern Logo Rauchen - Wege aus der Nikotinsucht

Jugendliche und Rauchen: "Affig, von 'nem Stängel abhängig zu sein"

Zum Weltnichtrauchertag eine erfreuliche Nachricht: Zwar raucht jeder fünfte Jugendliche, aber die Tendenz ist fallend. Während Rauchen seinen Coolness-Bonus einbüßt, gefährden vor allem rauchende Eltern die Gesundheit der Minderjährigen: 8,4 Millionen rauchen passiv mit.

Von Angelika Unger

Liebe auf den ersten Blick war es nicht, damals, mit Max und dem Nikotin. "Ein Zigarillo, ich war 15", erinnert er sich. "Kam nicht ganz so gut - der Nikotinflash hat mich ziemlich umgehauen." Heute ist Max 19 Jahre alt - und bezeichnet sich selbst als "Raucher aus Leidenschaft". Fast eine Schachtel raucht er am Tag, Lucky Strike oder West. Oder er dreht selbst, "das ist billiger".

Eine Schachtel am Tag, soviel schafft Jana auch manchmal - wenn sie Stress hat: "Dann rauche ich mehr als sonst." Jana ist 17 und raucht seit drei Jahren. Damit ist sie ein ziemlich typischer Fall: Mit 13,6 Jahren raucht ein durchschnittlicher deutscher Jugendlicher seine erste Zigarette.

Wer mit 18 nicht raucht, fängt meist nicht mehr an

Insgesamt rauchen heute jedoch deutlich weniger Jugendliche als noch vor einigen Jahren, wie eine Langzeitstudie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzgA) zeigt. Hatten 2001 noch 28 Prozent der 12- bis 17-Jährigen gesagt, dass sie mindestens gelegentlich zur Zigarette greifen, war dieser Wert vier Jahre später auf 20 Prozent gesunken.

Im gleichen Zeitraum stieg die Zahl der Jugendlichen, die noch nie geraucht haben, von 36 auf 45 Prozent. Das freut die Direktorin der Bundeszentrale, Elisabeth Pott: "Wer bis zum 18. Geburtstag nicht angefangen hat zu rauchen, hat eine gute Chance, Nichtraucher zu bleiben, das wissen wir aus statistischen Untersuchungen." "Ich finde Rauchen total blöd", sagt auch Janas beste Freundin Alicia (17). "Es kostet Geld, es stinkt, es macht krank. Außerdem ist es doch affig, von so einem Stängel abhängig zu sein."

Erwachsene Raucher als schlechtes Vorbild

So erfreulich dieser Trend sein mag - noch immer qualmen die deutschen Jugendlichen mehr als ihre Altersgenossen in anderen Industrienationen. Zu diesem Ergebnis kam der internationale Unicef-Bericht zur Situation der Kinder in Industrieländern im Februar 2007. Elisabeth Pott erklärt das vor allem mit dem schlechten Vorbild, das die Erwachsenen für Kinder und Jugendliche abgeben. "Wir haben eine fast unveränderte Rauchersituation bei den Erwachsenen. Die aber haben eine Vorbildfunktion für Kinder und Jugendliche."

Wenigstens manchmal wirken die Vorbilder aber auch abschreckend - beispielsweise für den 13-jährigen Timo: "Mein Vater hat geraucht und hustet jetzt immer noch manchmal, obwohl er schon vor drei, vier Jahren aufgehört hat."

Wie Rauchereltern Kinder krank machen

Qualmende Eltern sind jedoch nicht nur schlechte Vorbilder - sie machen ihre Kinder auch krank. "Wir wissen, dass unfreiwilliges Mitrauchen für Kinder besonders schädlich ist. Daher ist Nichtraucherschutz in der Familie sehr wichtig", sagt Elisabeth Pott.

Die Liste der Risiken für den Nachwuchs ist lang - und die Gefahr für das Kind beginnt schon im Mutterleib. Studien deuten darauf hin, dass Raucherinnen häufiger eine Frühgeburt erleiden. Öfter als die Kinder von Nichtraucherinnen kommen Raucherkinder zudem unterentwickelt oder mit der gefürchteten Lippen-Kiefer-Gaumenspalte zur Welt. Kinder rauchender Mütter sterben häufiger am plötzlichen Säuglingstod; sie haben ein höheres Risiko, an Asthma zu erkranken, und leiden häufiger an Mittelohrentzündungen.

Trotz dieser unbestrittenen Gefährdungen sind viele Eltern offenbar unbelehrbar: 8,4 Millionen Kinder und Jugendliche bis 17 Jahre leben in Haushalten mit mindestens einem Raucher. Einer davon ist der achtjährige Diogo. "Ich habe meiner Mama schon so oft gesagt, dass sie nicht rauchen soll", sagt er, "aber sie kann es einfach nicht lassen."

Die Grenzen der rauchfreien Schule

Um Kinder und Jugendliche zumindest in der Schule vor Tabakrauch zu schützen, sind viele deutsche Schulen inzwischen rauchfreie Zonen: In zehn der 16 Bundesländer gilt ein absolutes Rauchverbot - für die Schüler, aber auch für Lehrer, Hausmeister und das Putzpersonal. Und nachdem der Bundestag am vergangenen Freitag das Rauchverbot in öffentlichen Räumen beschlossen hat, müssen die übrigen Länder nun nachziehen.

Doch wer rauchen will, lässt sich davon nicht abhalten. An Schulen mit Rauchverbot versammeln sich die jugendlichen Raucher oft an der Grenze zum Schulgelände, um ihrer Sucht zu frönen. Max etwa erzählt, dass er manchmal sogar während einer Klausur das Schulgelände verlässt, um zu rauchen - auch wenn er es "echt ätzend" findet, dass er durch die langen Wege wertvolle Klausurzeit verliert.

Mit einem Rauchverbot ist es eben nicht getan, meint Elisabeth Pott: "Verbote, die nicht verstanden werden, werden oft unterlaufen. Deshalb sollten Schulen konkrete Hilfen für Schüler anbieten, die mit dem Rauchen aufhören wollen."

Je früher, desto länger

In Sachen Aufklärung zum Thema Tabak wird an deutschen Schulen schon viel getan - offenbar mit Erfolg. "Wir stellen fest, dass ein Wissenszuwachs da ist über Schädlichkeit des Rauchens", sagt Pott. Doch noch immer gibt es Raucher, die nicht um die Risiken wissen - oder es nicht wissen wollen. Etwa Max, der "Raucher aus Leidenschaft": Dass Rauchen so schädlich sei wie immer behauptet, sei doch gar nicht wirklich erwiesen, meint er. Und Jana ergänzt: "Manche Leute rauchen und werden trotzdem hundert Jahre alt." Elisabeth Pott widerspricht: "Rauchen ist der wohl am besten untersuchte Risikofaktor für die Gesundheit."

In der Tat haben Mediziner heute keinen Zweifel mehr daran, dass Tabakkonsum das Risiko für Krebserkrankungen, aber auch Herz-Kreislauf-Erkrankungen deutlich steigert. "Und je früher man anfängt, desto länger raucht man für gewöhnlich - und desto größer das Krankheitsrisiko", so Pott. Studien deuten zudem darauf hin, dass Jugendliche besonders schnell von Tabak abhängig werden und dass Nikotin im noch nicht vollständig entwickelten jugendlichen Gehirn bleibende Schäden hinterlassen kann.

Rauchen wird uncool

Warum also raucht trotzdem noch jeder fünfte Jugendliche? "Viele rauchen, weil sie es cool finden und kommunikativ", sagt Pott. An diesem positiven Image versuchen die Gesundheits-Aufklärer zu kratzen. "Wer nicht raucht, gilt als kontaktfreudiger, cooler, attraktiver, erfolgreicher", heißt es in den "Stop smoking"-Broschüren der Behörde.

Was in den Ohren mancher klingen mag wie eine bemühte Beschwörung, beginnt unter deutschen Jugendlichen langsam Realität zu werden: Rauchen büßt seinen Coolness-Bonus ein. Das hat auch Timo festgestellt: "In meiner Klasse ist man fast schon uncool, wenn man raucht."

Wissenscommunity