SARS Leben mit dem Virus


Die Lungenkrankheit SARS hat sich in weiten Teilen Chinas festgesetzt und bereits 30 weitere Länder erreicht. Zu spät brach die Regierung in Peking ihr Schweigen. Ein langes Anhalten der Seuche droht, die Weltkonjunktur gerät schon jetzt aus dem Tritt.

Nachts war die Angst vor dem unsichtbaren Tod so groß geworden, dass Michael Geiger, ein breitschultriger Volkswirt aus Würzburg, beschloss: "Ich muss hier raus." Selbst der Blick aus dem Fenster seiner Wohnung im 18. Stock auf die Silhouette der Stadt, die ihm "zur zweiten Heimat geworden war", konnte ihn nicht zum Bleiben bewegen. Tagsüber hatte der 26-Jährige, der seit September in Peking Chinesisch lernt, mehrere Male Fieber gemessen. 36,8 - normal. Trockenen Husten, ein weiteres Anzeichen der Lungenkrankheit SARS, hatte Geiger auch nicht.

Gesund war er, doch wie Hunderttausende in der 14-Millionen-Metropole infiziert von der Furcht vor dem Virus. Seit Tagen war er in kein Taxi mehr gestiegen, ohne den Fahrer zu fragen, wann er den Wagen zuletzt gesäubert habe. Wenn Geiger sich auf die Straße wagte, dann doppelt vermummt: mit einer Schutzmaske aus Deutschland und dazu einer sechzehnlagigen vom Schwarzmarkt in Peking. Eigentlich ist Geiger kein ängstlicher Mensch. "Aber in der Welthauptstadt der SARS-Epidemie zu leben, darauf habe ich keine Lust", sagt er.

Tatsächlich weckte das Straßenleben in Peking Erinnerungen an den Seuchen-Schocker "Outbreak". Nach mehreren SARS-Todesfällen und 60 Ansteckungen unter Ärzten und Krankenschwestern haben die Behörden das "Krankenhaus des Volkes" im Westen der Stadt unter Quarantäne gestellt. Milizionäre sperrten das Gelände weiträumig ab. In den Seitengassen fingen Geheimpolizisten in Zivil Journalisten ab, die Fotos machen wollten. SARS-Patienten sahen mit stumpfem Blick aus den Fenstern, Krankenschwestern huschten an den Eisengittern vorbei. Polizisten trugen Gasmasken. Auf den Straßen schlug sich eine weiß-graue Masse nieder, die zur Desinfektion versprüht wurde. Sie ließ Passanten die Augen tränen und den Atem stocken.

Noch Anfang April hatte Chinas Gesundheitsminister Zhang Wenkang der Welt versichert, das Virus sei "vollständig unter Kontrolle". Doch dann meldete der stern die ersten unabhängig recherchierten Zahlen aus Peking (stern Nr. 16/2003) und überführte die Regierung der Lüge: Nicht vier Tote gab es, sondern mindestens 15, nicht 19 Ansteckungen, sondern Hunderte. Zwei Wochen später war der Minister gefeuert. Die Führung rang sich zu mehr Offenheit durch. Bis zum Sonntag meldete die Hauptstadt 1050 Ansteckungen und mehr als 50 Tote.

Das Vertrauen der Pekinger in ihre Politiker zerfällt. "Ein Taxifahrer, der fest davon überzeugt ist, dass sie weiter lügen, erzählte mir von 40 Toten in einem einzigen Krankenhaus", sagt Michael Geiger. Dass die staatsgelenkten Medien, die SARS vier Monate lang kaum erwähnt hatten, einander jetzt mit fetten Schlagzeilen überbieten, macht die Sache nicht besser- jahrzehntelang ist jedes Erdbeben vertuscht, jede Opferzahl geschönt, jede Flutkatastrophe zum Heldenepos stilisiert worden. Der Himmel der kommunistischen Propaganda erstrahlte rosarot.

Umso mehr schockiert nun die schlimme Wahrheit: "Ich glaube, jetzt müssen wir alle sterben", seufzte eine Großmutter auf dem Gemüsemarkt. In den Geschäften verschwanden Reis und Nudeln binnen Stunden aus den Regalen. Gerüchte jagten einander mit der Geschwindigkeit niedersausender Schwerter im Kung-Fu-Film: In der Nacht seien Flugzeuge über die Dächer geflogen und hätten eine unbekannte Substanz versprüht, bald werde das Kriegsrecht verhängt, der Flughafen geschlossen, das Kneipenviertel Sanlitun unter Quarantäne gestellt. Vergebens verweisen die Vernünftigeren darauf, dass von zehntausend Pekingern immerhin 9999 nicht an SARS erkrankt sind und die Zahl der Verkehrstoten in China mit jährlich 110 000 ungefähr neunhundertmal höher ist als die der bisher bekannt gewordenen SARS-Opfer.

Vergangenen Samstag packte Michael Geiger seinen Koffer: zwei Hosen, ein Hawaiihemd, Bücher für seine Doktorarbeit über die chinesische Geldpolitik, Vokabelhefte und einen aufblasbaren roten Apfel mit aufgedruckter Digitaluhr. Stand: 00.00. "Stunde null", sagte Geiger, ehe er sich auf den Weg zum Flughafen machte.

Per Flugzeug hat auch SARS China verlassen und sich in der Welt verbreitet. Rasch wieder verschwinden wird es nicht. Selbst im sauberkeitsbesessenen Singapur konnte die Seuche Fuß fassen, obwohl dessen Regierung früh und konsequent reagiert hat. Im Stadtstaat überwachen inzwischen 470 Web-Kameras den Hausarrest der SARS-Infizierten. Am internationalen Flughafen Changi messen Infrarotkameras automatisch die Körpertemperatur der vorübergehenden Fluggäste, um Virusträger aus dem Verkehr ziehen zu können. Seit Montag müssen sämtliche Schüler Singapurs morgens Fieber messen, die Lehrer führen darüber Protokoll. Zur Temperaturkontrolle verpflichtet sind ebenfalls Taxifahrer, Markthändler und das Garküchen-Personal. Bis Sonntag starben 21 Menschen an der Krankheit.

Im 8000 Kilometer entfernten Deutschland fürchtet sich bereits jeder Zehnte vor SARS (siehe Umfrage Seite 27). Hierzulande kontrollieren die Behörden einreisende Flugpassagiere noch "von Hand" (siehe Seite 146) - bislang erfolgreich. "Transmissionsketten", also inländische Ansteckungen von Person zu Person, wurden bis zum Sonntag nicht gemeldet.

Anders in Kanada, dem bislang am härtesten betroffenen westlichen Land. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) erließ vergangene Woche eine Reisewarnung für Toronto, die erste überhaupt für Gegenden außerhalb Chinas. Rund 7000 Menschen im Großraum der Fünfmillionenstadt am Ontariosee wurden vorsorglich unter Quarantäne gestellt und durften ihre Wohnungen zehn Tage lang nicht verlassen.

Bisher sind mehr als 5000 SARS-Fälle in rund 30 Ländern bekannt geworden, die meisten in Asien. Seuchenexperten fürchten vor allem die "Superspreader", Menschen, die Viren versprühen wie ein überkochender Teekessel Wasserdampf. Liu Jianlun, der Professor, der SARS von Kanton nach Hongkong brachte, war so einer. Im Aufzug des Hotels Metropole infizierte er sieben andere Gäste, die wiede-rum für rund 800 Ansteckungen und zahlreiche Tote verantwortlich sind. Mittlerweile ist klar: Auch nach Kanada führte der Weg des Virus über eben jenen Liu Jianlun. Denn im Metropole übernachtete auch Sui-chu Kwan, 78-jährige Hongkong-Emigrantin und wohnhaft in Toronto, wo sie am 5. März starb.

Bis auf eine einzige können alle SARS-Erkrankungen in Toronto auf den "Ur-Fall" Sui-chu Kwan zurückgeführt werden: Ihr Sohn infizierte sich bei ihr, kam ins Krankenhaus und steckte seinen Bettnachbarn Joe Pollack an. Beide Männer starben, doch zuvor hatte das Virus Pollacks Frau befallen, die ihrerseits eine philippinische Immigrantin ansteckte. Von ihr sprang der Erreger auf ihre Söhne über, die am 3. April eine Begräbnisfeier mit 500 Landsleuten besuchten. 29 von ihnen erkrankten. Am schlimmsten traf es die Krankenhäuser. Achtzig Prozent aller Betroffenen infizierten sich dort, sowohl Personal als auch Patienten, und steckten zu Hause Familienmitglieder an. Allein 66 Ärzte, Schwestern, Techniker und andere Angestellte im Gesundheitsbereich entwickelten SARS.

Wie Toronto sind auch Berlin, Tokio und New York nur wenige Flugstunden und einen Superspreader von einer möglichen Ansteckungslawine entfernt. Das lässt vielerorts die Nerven blank liegen: In New York kursierte vergangene Woche die per Internet verbreitete Geschichte, der Besitzer eines vietnamesischen Nudelrestaurants sei erkrankt - purer Unsinn, doch Chinatown glich daraufhin tagelang einer Geisterstadt. Demonstrativ setzte sich deshalb Bürgermeister Michael Bloomberg in ein chinesisches Restaurant und verspeiste Jakobsmuscheln und Mais. "Das Essen ist fabelhaft", erklärte er. "Es ist wunderbar, nach Chinatown zu kommen."

Es war eine Geste, und viel brachte sie nicht. Von der Ost- bis zur Westküste grassiert, wie in Peking, eine andere Seuche als SARS: das Gerücht. Die Geschäftsleute in den asiatisch dominierten Vierteln von New York bis Los Angeles und Seattle klagen über Umsatzeinbußen von bis zu 60 Prozent. Das Gerücht bedroht ihre Existenzen. "Wir versuchen, die Leute zu erziehen", sagt Laurene Masola von der Gesundheitsbehörde in Los Angeles. "Wir müssen die Furcht schnell loswerden, ehe sie in die Gedanken einsickert."

Gewaltige Summen stehen auf dem Spiel. Denn Viren und Bakterien greifen nicht nur die Gesundheit der Menschen an, sondern auch die globalisierte Ökonomie. Schon jetzt rechnet die Weltbank für den asiatischen Raum mit SARS-bedingten Verlusten von mehr als 15 Milliarden Dollar. Damit gerät der letzte Wachstumsmotor der schleppenden Weltwirtschaft ins Stottern - China hatte in den ersten drei Monaten dieses Jahres mit einer Wachstumsrate von zehn Prozent beeindruckt, "kleine Tiger" wie Singapur und Südkorea waren deutlich besser in Form als die USA oder gar Europa. Jetzt herrscht Alarmstimmung - Chinas Wirtschaftswachstum könnte sich, so fürchtet die Weltbank, auf 7,2 Prozent verlangsamen. Selbst in Thailand, das bislang nur sieben Fälle und zwei Tote meldete, sagt die Handelskammer für die Tourismusbranche einen Verlust von 1,5 Milliarden Dollar voraus.

"Im schlimmsten Fall wird die Epidemie zu größeren Unterbrechungen der globalen Lieferketten führen und damit zu einem weiteren Abschwung in der ohnehin schon gebeutelten High-Tech-Industrie", erklärt Russ Craig, Analyst der Unternehmensberatung Aberdeen Group in Taiwan. In Südchina, dem SARS-Ausgangspunkt, werden 40 Prozent aller Mikrowellengeräte und 70 Prozent aller Kopiergeräte für den Weltmarkt gebaut, von hier beziehen Nike und Adidas und andere mehrere hundert Millionen Sportschuhe im Jahr.

Für den Fall, dass Fabriken geschlossen werden müssen, hat Siemens, das in China in 40 Unternehmen rund 21 000 Menschen beschäftigt, seine Führungskräfte angewiesen, innerhalb von drei Tagen einen Notfallplan aufzustellen. Die Dresdner Bank in Shanghai, wo Kunden den Büroturm nicht mehr betreten dürfen und Bankmitarbeiter das Geld vom 39. Stock hinunter auf die Straße tragen, flüchtete derweil in Galgenhumor. Einige Banker arbeiten von zu Hause - "falls das Gebäude ganz unter Quarantäne kommt, haben wir wenigstens genug Filialen", scherzen sie.

Sprachstudent Geiger war nicht der Einzige, der Ende vergangener Woche aus Peking floh. Die meisten deutschen Manager haben ihre Familien längst nach Hause geschickt. Und an den Bahnhöfen versuchten Zehntausende von Chinesen, Fahrscheine für die Züge ins Hinterland zu ergattern. Eine Mutter trug ihren dreijährigen Jungen auf den Armen, die weiße Schutzmaske über sein Gesicht gelegt. "Alles Flüchtlinge. Das ist doch schlimmer als in Bagdad", flüsterte sie. Ausländer, die keinen Mundschutz trugen, wurden angestarrt wie Aussätzige.

Ein wettergegerbter Wanderarbeiter ächzte unter einem riesigen Sack, der seine gesamte Habe enthielt: einen Videorecorder, eine zerschlissene Jacke, einen Holzschemel, Unterhosen, Nudelpakete und zwei Dutzend Seifenstücke. Am Abend nahm er den Zug nach Taiyuan, der Hauptstadt der Kohlegruben-Provinz Shanxi in Zentralchina. Eine Schmuckhändlerin aus dem Süden des Landes, wo das Virus wahrscheinlich vom Tier auf den Menschen übergesprungen ist, hat SARS auch dort eingeschleppt. Fast jede der 104 Kliniken in Taiyuan hat SARS-Opfer zu versorgen, den meisten fehlt es an Beatmungsgeräten. Den Apotheken sind die Schutzmasken ausgegangen.

Achtzig Kilometer südöstlich von Taiyuan wird China endgültig zum Armenhaus. Im 500-Familien-Dorf Mengli abonnieren nur der Dorfchef und der Lehrer eine Zeitung. Viele haben einen Fernseher, aber nicht alle können sich den Strom leisten. Das durchschnittliche Jahreseinkommen der 900 Millionen Chinesen, die auf dem Land leben, beträgt 2250 Yuan, rund 250 Euro - medizinische Versorgung ist davon kaum zu bezahlen. Experten der WHO warnten deshalb schon vor Wochen vor "einem Flächenbrand", falls SARS sich in solchen Regionen ausbreite. Außer China ist auch Indien, das andere Milliardenvolk, bedroht. Bei einer Hochzeit steckte sich dort die Braut bei ihrem Bruder an, der von Indonesien über Singapur zur Feier angereist war.

In seinem Zimmer auf der Pekinger Qinghua-Universität sitzt Holger Schaffer, Elektronikingenieur und Sprachstudent, der trotz grassierender Seuchengefahr ausharren will. Anfang vergangener Woche hat die Univerwaltung die Studenten aufgefordert, das Gelände nicht zu verlassen. Bis auf eines wurden sämtliche Tore geschlossen. Schaffer hat deshalb seine Reise zur Tonkrieger-Armee nach Xian abgesagt. Er erzählt von den Gerüchten, die auch ihm zu schaffen machen: dass es drei Fälle auf dem Campus gebe, dass der gesamte Stadtteil unter Quarantäne gestellt werde.

"Wenn alles wahr wäre, dann müsste die Hälfte der Pekinger schon infiziert sein", beruhigt er sich, und dann fügt er hinzu: "Wir werden alle lernen müssen, mit SARS zu leben."

Mitarbeit: Maria Biel, Frank Ochmann, Joachim Reuter, Michael Streck, Janis Vougioukas

Matthias Schepp print

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