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Schwangerschaft mit 65 "Das deutsche Eizellspende-Verbot ist antiquiert"

Während Frauen im europäischen Ausland mithilfe einer fremden Eizelle schwanger werden können, ist die Eizellspende in Deutschland verboten. Der Reproduktionsmediziner Ulrich Hilland hält das für rückständig.
Während Frauen im europäischen Ausland mithilfe einer fremden Eizelle schwanger werden können, ist die Eizellspende in Deutschland verboten. Der Reproduktionsmediziner Ulrich Hilland hält das für rückständig.
© Colourbox.de
Mit 65 Jahren schwanger dank fremder Eizelle. Der Arzt Ulrich Hilland hält den Fall Annegret R. für unverantwortlich. Dennoch plädiert er stark für die Legalisierung von Eizellspenden in Deutschland.

In einem Alter, in dem Kinderkriegen eigentlich gar nicht mehr möglich ist, wird die 65-jährige Annegret R. mit Vierlingen schwanger. Gelungen ist das mithilfe einer Eizellspende im Ausland. Mehrfach ließ sich die Lehrerin in der Ukraine befruchtete Eizellen einsetzen. Während der letzten Behandlung wurden ihr vier solcher Embryonen eingesetzt - alle vier entwickelten sich zu Föten.

Eizellspenden sind in zahlreichen Ländern Europas wie Österreich, Spanien oder der Ukraine bereits erlaubt. In Deutschland ist eine künstliche Befruchtung durch den Samen des Partners oder eines Spenders bislang nur mit den eigenen Eizellen möglich.

Reproduktionsmediziner Ulrich Hilland findet den Fall Annegret R. unverantwortlich. Dem stern erklärte er, warum er eine Aufhebung des Eizellspende-Verbots in Deutschland trotzdem für längst überfällig hält.

Herr Hilland, was genau finden Sie an dem Fall Annegret R. falsch?
Frau R., beziehungsweise ihre Ärzte, haben wissentlich in Kauf genommen, dass die Kinder und die Frau Schäden davon tragen können. Je älter die Frau bei der Schwangerschaft ist, desto wahrscheinlicher nimmt das Kind dauerhaften Schaden. Handelt es sich auch noch um eine Mehrlingsschwangerschaft, potenziert sich dieses Risiko. Annegret R. bügelt die Aufregung mit 'Es geht keinen was an, das ist meine eigene Angelegenheit' ab. Das sehe ich anders, hier geht es auch um das Wohl der Kinder, deren Mutter ihnen - so sie gesund zur Welt kommen - nicht mit solcher Kraft und Dauer zur Verfügung stehen kann, wie ein 40-Jährige.

Wie kam es zu den Vierlingen?
Da scheint es in der Ukraine, wo sie sich hat behandeln lassen, offensichtlich keine Begrenzung zu geben. In Deutschland dürfen maximal drei eigene, künstlich befruchtete Eizellen übertragen werden. In der Regel werden maximal zwei eingesetzt, um höhergradige Mehrlingsschwangerschaften, die besonders riskant sind, zu vermeiden. Nur um die Erfolgschance auf ein Kind zu erhöhen, sollte man eine Vierlingsschwangerschaft nicht in Kauf nehmen.

Dass Annegret R. in die Ukraine gegangen ist, hat einen guten Grund: Eizellspenden sind in Deutschland verboten. Warum eigentlich?


Das geht auf das über 25 Jahre alte Embryonenschutzgesetz zurück. Das Hauptargument ist der Schutz des Kindeswohl. Man befürchtet, dass die doppelte Mutterschaft dem Kind schadet. Doch es ist wissenschaftlich nicht belegt, dass Kinder aus Eizellspenden beeinträchtigt sind. Im Gegenteil: Untersuchungen zeigen, dass es zu keiner Störung in der kindlichen Entwicklung kommt.

Aber über Samenspenderkinder beispielsweise weiß man, dass sie irgendwann fragen, wer ihr biologischer Vater ist und unter dem Nichtwissen leiden.
Umso wichtiger wäre eine Legalisierung in Deutschland. Gehen die Frauen ins Ausland, können die Kinder nichts über ihre biologische Mutter erfahren, weil die Spenden in den meisten Ländern anonymisiert sind. Der deutsche Gesetzgeber verhindert damit indirekt das Recht auf Kenntnis der eigenen Abstammung, indem er kein Gesetz erlässt, das es Frauen ermöglicht, hierzulande eine Eizellspende unter entsprechenden rechtlichen Regelungen zu bekommen.

Ein beliebtes Argument, das auch gegen die Eizellspende spricht, ist die Kommerzialisierung.


Auch das wird doch erst recht gefördert, wenn man Frauen dazu bringt, in Länder wie die Ukraine zu gehen. In Spanien bekommt die Spenderin eine Aufwandentschädigung von 900 Euro. Wenn man bedenkt, was sie dafür über sich ergehen lässt, ist das eine angemessene Summe. Für Spanien wohlgemerkt. Gäbe es denselben Betrag in der Ukraine, wo diese Summe eine Familie monatelang ernähren kann, ist die Gefahr, dass es zu einer Ausbeutung von Frauen kommt, größer.

Welche gesundheitlichen Risiken gibt es denn für die Spenderin?


Die Eizellspenderin geht dieselben Risiken ein, wie jene Frauen, die eine Befruchtung außerhalb ihres Körpers mit ihren eigenen Eizellen vornehmen. Die Eierstöcke werden dazu hormonell stimuliert, um mehr Eizellen zu produzieren. Das kann zum Beispiel mit Wassereinlagerungen in der Bauchhöhle, oder dem Risiko einer Thrombose einhergehen.

Das finde ich ethisch bedenklich: Eine Frau begibt sich für den Kinderwunsch einer anderen in Gefahr…


Genau deswegen darf es ja auch nicht kommerzialisiert werden.

Bei der Eizellspende wird der Frau eine befruchtete Eizelle eingesetzt. Der Samenspender muss nicht der Partner der Frau sein - er kann anonym bleiben. Das macht es auch für alleinstehende Frauen möglich, ein Kind zu bekommen. Halten Sie es auch nicht für ethisch fragwürdig, dass ein Kind ohne Vater geboren wird?


Ich denke, dass das eine Lebensentscheidung ist, die jeder Frau selbst obliegt.

Aber das Kindeswohl wird dadurch berührt.


Wie viele Kinder werden heute ohne Vater geboren? Sei es, weil er unbekannt geblieben ist, oder weil sich die Eltern getrennt haben. Doch Gott sei Dank werden sie deswegen nicht mehr stigmatisiert. Ich halte das für eine gesellschaftliche Entwicklung, die man nicht mehr aufhalten muss. Wir sollten dieser Entwicklungen allerdings Rechnung tragen, damit die Rechte aller Beteiligten gesichert sind: Die des Spenders, der Mutter und des Kindes. Heute verstecken sich Eltern noch, wenn sie eine Eizellspende in Anspruch genommen haben. Aber das wird sich lockern - genau wie bei der Samenspende. Dass eine Frau mit dem Samen eines anderen Mannes, als dem ihres Partners, schwanger werden kann, weiß man seit Anbeginn der Menschheit. Dass sie es auch mit einer fremden Eizelle kann, das ist neu. Daran müssen wir uns erst gewöhnen.

Schafft aber nicht eigentlich etwas ganz anderes die Nachfrage nach Eizellspenden, nämlich die Tatsache, dass Frauen immer später Kinder kriegen, weil sie Karriere machen wollen? Müsste nicht viel mehr da ein gesellschaftliches Umdenken ansetzen?


Da gebe ich Ihnen absolut Recht. Wir müssen schauen, wie wir Mutterschaft ermöglichen können, ohne dass sie mit großen beruflichen Nachteilen verbunden ist. Aber das löst nicht das Problem der Eizellspenden grundsätzlich, denn wir reden nicht nur von 50-Jährigen, die sich ihren späten Kinderwunsch erfüllen wollen, sondern auch von jenen Frauen, die in jungen Jahren durch eine Eierstockentfernung, frühzeitige Wechseljahre oder genetische Veränderungen unfruchtbar sind. Die Paare in meiner Praxis sind mit wenigen Ausnahmen junge Menschen, die keine Kinder bekommen können. Zu glauben, dass Eizellspenden vor allem ein Problem jener Frauen ist, die erstmal Karriere machen und sich zu spät ums Kinderkriegen kümmern, ist eine stark verkürzte Sicht.

Sie sind unbedingt für eine Aufhebung des Eizellspende-Verbots, oder?


So ist es. Es gibt meines Erachtens keine durchgreifenden Argumente mehr. Viele Probleme ließen sich mit einer Legalisierung hierzulande vermeiden. Wir werden nie vermeiden können, dass eine 65-Jährige ins Ausland geht, kein Gesetz kann Straftaten verhindern. Und wir sollten auch nicht da hinkommen, dass wir Frauen bestrafen, die so etwas machen. Natürlich muss man bei den neuen Reproduktions-Möglichkeiten Vor- und Nachteile gut abwägen und etwa Spender und Empfänger über gesundheitliche Risiken und mögliche psychologische Folgen aufklären. Aber die Augen zu verschließen und die Nachfrage zu ignorieren, ist auch keine Lösung.


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