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Suchtjahrbuch 2013: Crystal Meth aufgebauscht, Alkohol verharmlost

Synthetische Drogen wie Crystal Meth flößen vielen Angst ein - doch die akute Gefahr wird laut Suchtexperten teils überschätzt. Legale Drogen wie Nikotin und Alkohol seien weitaus gefährlicher.

Der Drogen-kochende Chemielehrer aus der US-Fernsehserie "Breaking Bad" macht vielen Angst - vor allem wohl Eltern, die sich um ihre heranwachsenden Sprösslinge sorgen. "Das Bild von Crystal Meth ist in den Medien oft sehr skandalisiert dargestellt", sagt Gabriele Bartsch von der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen. "Aber Angst ist ein schlechter Ratgeber." Längst nicht jeder, der einmal "Crystal", sprich Methamphetamin, konsumiere, werde davon süchtig. "Man muss bedenken, dass es ganz unterschiedliche Konsumentengruppen gibt", betont Bartsch. Die einen wollten bloß einmal Party machen, die anderen hätten vielleicht tiefer liegende Probleme und damit ein höheres Suchtrisiko. Die DHS stellte am Mittwoch in Berlin ihr Jahrbuch Sucht vor.

Die Zahl der erfassten Erstkonsumenten ist laut BKA-Statistik von 642 im Jahr 2010 auf knapp 1700 in 2011 gestiegen. Der Zoll Dresden stellte 2012 eine Rekordmenge Crystal an den Grenzübergängen sicher, wie das Amt am Mittwoch mitteilte. In Sachsen und Thüringen fanden die Beamten insgesamt 18,2 Kilogramm - rund 75 Prozent der Menge, die 2012 bundesweit sichergestellt wurde. Repräsentative Studien zum Thema fehlen jedoch.

Thema "Crystal Meth" stark aufgebauscht

Bisher ist die Problematik der steil ansteigenden Sicherstellungsmengen an der Grenze zu Tschechien auf wenige Bundesländer wie Sachsen, Bayern und neuerdings auch das südliche Brandenburg beschränkt - denn vor allem in Tschechien wird das in Deutschland sichergestellte Crystal Meth produziert. "Daraus kann man aber nicht automatisch ableiten, dass sich das Problem in der gleichen Größenordnung auf die anderen Bundesländer überträgt", sagte Bartsch. Auch Crack habe vor einigen Jahren ähnliche Sorgen erweckt - sei aber bis heute auf den Raum Hamburg und Frankfurt am Main beschränkt.

Auch Anke Schmidt von der Fachstelle für Suchtprävention in Berlin glaubt, dass das Thema Crystal Meth durch die starke Berichterstattung tendenziell aufgebauscht sei. "Die Verbreitung ist noch nicht so hoch, allerdings ist Crystal unter Partygängern schon ein Thema." So ergab eine Befragung in den Warteschlangen vor Berliner Clubs im vergangenen Jahr, dass Crystal nach Amphetaminen (Speed) und Ecstasy die angesagteste Droge war. "Allerdings gaben die Leute nicht an, ob sie die Drogen auch selber nehmen - oder sie nur als angesagt kennen", ergänzte Schmidt.

Alkohol sträflich verharmlost

So oder so: In den Zeitgeist passe Crystal Meth gut hinein, betonen die Experten. "Es ist aufputschend und wirkt leistungssteigernd", sagt Schmidt. Und ein Weiteres kommt hinzu: Die Droge ist billig. Aber sie ist auch teils gestreckt oder verunreinigt. "Hier ist Aufklärung nötig für risikoärmeren Konsum, aber keine Panikmache", sagt Bartsch. Gespräch und Beratung seien auch deshalb wichtig, um langfristigen und gefährlichen Konsum zu verhindern. Denn Aggressivität, Verfolgungswahn und auch bleibende Hirnschäden können dann die Folgen sein.

Generell geht die größere Gefahr jedoch nach wie vor von einem nach DHS-Auffassung sträflich verharmlosten Suchtmittel aus: dem Alkohol. Eine Badewanne voll alkoholischer Getränke nehmen Menschen in Deutschland im Schnitt pro Jahr zu sich. "Das Bild ist in der Werbung immer noch positiv geprägt, wird mit Freizeit, Entspannung und Urlaub in Verbindung gebracht", beklagt Suchtexpertin Bartsch. Dass nicht nur Abhängigkeit, sondern auch körperliche Erkrankungen wie Krebs oder Herz-Kreislauf-Leiden die Folge sein könnten, werde kaum wahrgenommen. Risikoarmer Alkoholgenuss bedeute: höchstens ein kleines Glas Wein oder Bier pro Tag für eine Frau, zwei Gläser für einen Mann. Durch alkoholbedingte Erkrankungen, Fehlzeiten oder Frühberentung entsteht laut DHS in Deutschland ein volkswirtschaftlicher Schaden von 26,7 Milliarden Euro pro Jahr.

Andrea Barthélémy, DPA / DPA

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