Umstrittenes Disco-Angebot Per Wettkampf zur Brustvergrößerung


Ein niedersächsischer Club hatte sich für eine PR-Aktion einen ganz speziellen Hauptgewinn ausgedacht: eine Busenoperation in Polen. Sofort regte sich Protest. Die Veranstalter reagierten - allerdings eher kosmetisch.
Von Johannes Gernert

In Argentinien begann alles in der Stadt Córdoba. Die Betreiber einer Diskothek hatten den Eindruck, dass gewöhnliche Tombola-Gewinne wie Autos und Motorräder das gelangweilte Publikum nicht mehr locken. Also boten sie etwas Außergewöhnliches an: eine Brustvergrößerung. Wenig später kopierten andere das fragwürdige Vorbild. Derartige Aktionen schienen in Deutschland schwer vorstellbar, auch wenn sich im Fernsehen erst im Sommer ein abgehalfterter Star öffentlich aufspritzen ließ. Bis der Club "Inkognito" aus Celle sich vornahm, das Tabu zu brechen und einen Wettbewerb namens "Kämpfe um deinen Traum" ausrief. Junge Frauen konnten sich auf der Homepage der Disco für das große Auswahl-Finale empfehlen, bei dem neben Karaoke und Tauziehen auch das Zerbeißen von Luftballonbrüsten auf dem Programm stand. Die Gewinnerin würde dann zur Brustoperation fahren dürfen: ins polnische Posen. Der Termin stand schon fest. Anschließend sollte ein Foto-Shooting stattfinden.

Mit dem Echo, das ihrer Ankündigung folgte, hatten die Veranstalter offenbar nicht gerechnet. Nicht nur örtliche Honoratioren, auch die Deutsche Gesellschaft der Plastischen, Rekonstruktiven und Ästhetischen Chirurgen (DGPRÄC) war entsetzt und kritisierte die Verharmlosung solcher Eingriffe. Von den möglichen Nebenwirkungen sei auf der Internetseite keine Rede, beklagte Christian Gabka, der Vizepräsident der Gesellschaft. Wenig später gab die veranstaltende Agentur "Du bist schön" bekannt, sie habe die Bedingungen für den Wettbewerb geändert.

Wer eine Brust-OP gewinnen will, bekommt sie

Nach wie vor solle die Veranstaltung am 22. November stattfinden. Das "Konzept für die Entscheidungsspiele" werde aber derzeit überdacht. Als Gewinn gebe es nun ein "Beauty Package", einen Gutschein für 3700 Euro, der in einem Schönheitsstudio oder bei der Agentur "Du bist schön" einzulösen ist. Die Agentur vermittelt chirurgische Eingriffe in Polen. Dazu zählen nicht nur Facelifting, Oberlidstraffung und Nasenkorrektur, sondern auch Brustvergrößerungen. Kosten: 3000 Euro. Klinikgebühren, Narkose und Verpflegung sind laut Homepage inklusive. Wer eine Brust-OP möchte, kann sie bei der Aktion also immer noch gewinnen.

Von einem "Scheinrückzieher" spricht deshalb auch Christian Gabka. Ihm gefalle das Angebot vor allem deshalb nicht, weil es die Plastische Chirurgie in ein völlig falsches Licht rücke, sagte er stern.de. Eine derartige Operation sei nichts, was man mal schnell nebenher erledige. Es erscheine so aber in einer breiten Öffentlichkeit als selbstverständlich, moniert die CDU-Bundestagsabgeordnete Gitta Connemann. Sie sieht darin einen "menschenverachtenden und unwürdigen Akt", einen "neuen, unrühmlichen Höhepunkt". Schon vor vier Jahren habe einmal ein Radiosender in Sachsen-Anhalt Operationen bei einem Gewinnspiel ausgelobt. Connemann kämpft für klare gesetzliche Standards in Deutschland, wo sich Schätzungen zufolge über 400.000 Menschen jährlich mit dem Skalpell ästhetisch behandeln lassen. Es herrsche teils "Wildwest pur", stellte sie kürzlich im Bundestag fest. Die Abgeordnete will das per Gesetz ändern lassen, so dass künftig nur noch qualifizierte Fachärzte operieren. Bisher darf theoretisch auch ein Tierarzt Fett absaugen - bei Menschen. Connemanns Antrag durchquert gerade die Bundestagsgremien.

Gegen Aktionen wie die jüngste in Celle, könne man gesetzlich dagegen kaum vorgehen. Das sei eine ethisch-moralische Frage. Die Konservative sorgt sich auch wegen des "enormen" Operations-Tourismus. In bayerischen Grenzgebieten würden mittlerweile ganze Abiturklassen nach Tschechien fahren, um ihren Körper verändern zu lassen.

Schwierige Kommunikation

Die Kosten für das Einsetzen von Implantaten sind in den osteuropäischen Nachbarländern oft nur halb so hoch wie in Deutschland. Chirurg Gabka warnt allerdings: Es fielen dafür auch viele Leistungen weg, Vorgespräche zwischen Patienten und Chirurgen etwa. Bei Agenturen, die Eingriffe im Ausland vermittelten, würden stattdessen bei der Vorbereitung in Deutschland manchmal lediglich Bilder gezeigt. Die Möglichkeit, sich den behandelnden Arzt auszusuchen bestehe praktisch nicht. Er werde einem mehr oder weniger vorgesetzt. Sprachschwierigkeiten könnten dann dazu führen, dass Patienten etwas anderes bekämen, als sie eigentlich wollten. Der Plastische Chirug kennt Fälle, in denen die Brüste den Frauen anschließend viel zu groß waren, weil der ausländische Kollege vorher bei der Absprache nur ein Bild gezeigt hatte. Mehr Kommunikation war nicht möglich.

Spar-Trips können teuer werden

Die größte Gefahr sieht Gabka allerdings in der fehlenden Nachsorge. Eine Pforzheimerin, die sich in Posen Implantate einsetzen lässt, wird bei Schwierigkeiten selten noch einmal dorthin fahren. Die Scheu, zu einem deutschen Arzt zu gehen, kann dagegen groß sein, weshalb manche bei Komplikationen viel zu lange warten. Auf Gabkas OP-Tisch lag erst kürzlich eine junge Frau um die 20, deren ganze linke Brust voller Eiter war. Sie hatte sich in Serbien operieren lassen. Die Wunde war nicht richtig verheilt, Keime hatten sich eingenistet. Die Frau zögerte lange, bis sie in die Münchner Klinik kam. Gabka entfernte das Implantat und ersetzte es durch ein neues. Fünf Tage musste die Patientin auf der Station bleiben. Die Wunde hätte auch schlecht verheilen können, wenn er selbst operiert hätte, sagt Gabka. Nur wäre sie dann wahrscheinlich mit ihren Beschwerden früher gekommen.

Ihr Spar-Trip nach Serbien könnte die Frau nun bis zu 3000 Euro kosten. In Deutschland sind Chirurgen in einem solchen Fall verpflichtet, in ihrer Dokumentation anzugeben, dass es sich um die Folgen einer Schönheitsoperation handelt. Wenn die Kasse aufmerksam wird, stellt sie der Frau diese Behandlung in Rechnung. Denn für Gesundheitsschäden, die durch medizinisch nicht notwendige Schönheitsoperationen, Tätowierungen oder Piercings entstanden sind, übernehmen die Krankenkassen nicht mehr die Kosten. "Hinterher kann es manchmal doppelt so teuer werden", sagt Gabka, der regelmäßig von solchen Fällen hört.

Und die Frauen gefährden ihre Gesundheit. In Argentinien ist vor wenigen Wochen erst eine Frau bei einer Operation gestorben. Sie war aus Spanien angereist und wollte sich billig die Brüste vergrößern lassen. Sie erlag nicht den Folgeschäden, sondern kam während der Operation um. Kurz zuvor war eine 22-Jährige nicht mehr aus der Vollnarkose erwacht. Beides geschah in Córdoba. Ausgerechnet dort, wo die erste seltsame Disco-Verlosung anfing. Erst seitdem gibt es in Argentinien eine öffentliche Diskussion.


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