Vogelgrippe Der Seuchenzug von H5N1


Mit der Nähe kam die Angst: Im Oktober wurde das Vogelgrippevirus H5N1 erstmals in Europa nachgewiesen. Sollte das Virus mutieren, befürchten Experten eine Pandemie.

Bis zum 7. Oktober hielten die Europäer die Vogelgrippe für ein Problem der Asiaten - bedauerlich, aber weit weg. Doch dann meldete Rumänien, in drei verendeten Hausenten habe man Antikörper gegen den gefährlichen Virenstamm H5N1 festgestellt, und mit einem Mal war die Gefahr greifbar nah.

Nur einen Tag später wurde bekannt, dass im Nordwesten der Türkei rund 2000 Puten an der Vogelgrippe gestorben waren. In beiden Fällen wurde das H5N1-Virus später zweifelsfrei nachgewiesen. Entwarnung hingegen konnte in Griechenland gegeben werden: Der am 17. Oktober gemeldete Verdachtsfall auf einer Insel in den Ost-Ägäis erwies sich im Nachhinein als ungefährlich.

In den Tagen und Wochen danach häuften sich die Schreckensmeldungen: Mazedonien, Kroatien, Schweden und Russland meldeten immer neue Verdachtsfälle, in Großbritannien starb ein infizierter Papagei auf einer Quarantänestation. Die Vogelgrippe hatte Europa erreicht.

Stallpflicht für deutsches Geflügel

Die Europäische Union reagierte umgehend und verhängte Importverbote für Geflügel aus allen Ländern, in denen das Virus nachgewiesen worden war. Auch die Einfuhr von Ziervögeln in die Europäische Union wurde bis Ende Januar 2006 verboten. Die deutsche Bundesregierung erließ außerdem am 22. Oktober eine bundesweite Stallpflicht für Geflügel, die bis mindestens 15. Dezember gelten soll. Geflügelmärkte und Vogelbörsen sind nur noch in Ausnahmefällen erlaubt.

Als am 24. Oktober in einem See in der Nähe des rheinland-pfälzischen Neuwied 25 tote Gänse und Enten entdeckt wurden, wappnete man sich auch in Deutschland für die Seuche. Wie sich jedoch kurz darauf herausstellte, waren die Tiere vergiftet worden.

Trotz dieses falschen Alarms setzte sich die angst in den Köpfen vieler Deutscher fest. Die Martinsgans wurde in vielen Familien gestrichen, Restaurants nahmen Geflügel von der Speisekarte. Der Hersteller des Grippemedikaments Tamiflu, wirksam gegen die Vogelgrippe, vermeldete Rekordnachfragen, und auch die Nachfrage an Grippe-Impfstoff war kaum zu befriedigen - obwohl es unwahrscheinlich ist, dass eine Grippeimpfung vor der Vogelgrippe schützt.

Bisher 68 Tote

Während jeder neue Verdachtsfall bei Vögeln in Europa von hysterischer Presse begleitet wurde, wütete das Virus in Asien immer verheerender weiter. Ende Oktober berichtete das Wissenschaftsmagazin "Science", inzwischen seien mehr als 100 Millionen Zuchtvögel geschlachtet worden, um die Seuche einzudämmen. Immer wieder infizierten sich in Asien auch Menschen mit der Seuche. Der offiziellen WHO-Statistik zufolge waren bis Ende November insgesamt 68 Menschen an der Krankheit gestorben. Todesfälle sind bisher in Indonesien, Vietnam, Thailand, Kambodscha und China zu erfasst.

Da die Vogelgrippe durch das Blut und den Kot infizierter Tiere auf den Menschen übertragen wird, ist eine Übertragung nur dann wahrscheinlich, wenn Mensch und Tier in engem Kontakt leben. Experten befürchten aber eine genetische Veränderung des Virus, so dass es dann auch leicht von Mensch zu Mensch übertragbar ist. Bei der WHO befürchtet man inzwischen schon in naher Zukunft eine weltweite Pandemie. "Wir wissen nicht, wann es geschehen wird. Wir wissen aber, dass es passieren wird", sagte WHO-Generaldirektor Jong Wook Lee.

Angelika Unger

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