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Welt-Aids-Tag Mit 26 bei der Urlaubsliebe infiziert: "Ich dachte, HIV zerstört mein Leben – heute weiß ich es besser"

Eine Frau steht vor dem Meer.
Jule Winter will anonym bleiben, weil nicht alle in ihrem Umfeld von ihrer HIV-Infektion wissen. (Symbolbild)
© iprogressman / Getty Images
Jule Winter lernt im Sommer 2011 einen netten Mann in Portugal kennen, sie verlieben sich und haben ungeschützten Sex. Acht Monate später dann der Schock: Sie ist HIV-positiv. Dem stern erzählt sie, wie die Infektion ihr Leben verändert hat. 

"Frauen mit HIV, darüber wird heutzutage doch immer noch viel zu wenig gesprochen. Dadurch denken viele heterosexuelle Menschen gar nicht daran, dass ihnen das auch passieren kann. Bei mir war es genauso. Ich habe mich mit 26 Jahren bei einer Urlaubsliebe in Portugal infiziert. Wir waren verliebt und hatten eine sehr intensive Woche zusammen.

Er wollte irgendwann ohne Kondom Sex haben und weil ich ihm gefallen wollte, habe ich mitgemacht. Ich war damals nicht stark genug, meine Bedürfnisse durchzusetzen. Im Nachhinein ist mir klar geworden, dass ich mich insgesamt wirklich furchtbar behandeln lassen habe. Ich habe Dinge getan, die ich eigentlich nicht wollte – aber ich denke, das kennen sehr viele Frauen, leider.

Ich habe vorher außerhalb einer Beziehung eigentlich immer verhütet, dass es mir genau da passiert, war dann eigentlich so wahrscheinlich wie ein Sechser im Lotto. Und ich habe erst einige Zeit später gemerkt, dass ich HIV habe. Ein paar Wochen nach der Urlaubsliebe ging es mir plötzlich richtig schlecht, ich hatte grippale Symptome.

Mit dem ungeschützten Sex habe ich das aber nicht in Verbindung gebracht. Erst als ich acht Monate später Blut spenden war, kam die Infektion raus. Als die Ärztin mich anrief und sagte, ich müsse nochmal kommen, weil es Auffälligkeiten gebe, habe ich an vieles gedacht, aber nicht an HIV.

Zwischen Todesangst und Dankbarkeit

Für mich war das ein Schock. Beim Gespräch mit der Ärztin habe ich dann mein Leben an mir vorbeilaufen sehen. Es war damals zwar schon bekannt, dass es Medikamente gibt und man ein weitgehend normales Leben führen kann mit der Infektion und auch nicht mehr ansteckend ist, aber das war bei mir bis dahin nicht angekommen. Ich habe zu der Ärztin gesagt, dass ich doch so gerne lebe, vielleicht Kinder möchte und dass ich Angst habe, nicht normal arbeiten zu dürfen. Ich dachte, dass HIV mein Leben zerstört. Das ist mittlerweile elf Jahre her. Heute weiß ich es besser.

Heute finde ich mein Leben mit HIV eigentlich ganz cool. Ich habe sehr viele liebenswerte Menschen durch die Infektion kennenlernen dürfen. Es gibt HIV-Positive, die sehr gut mit ihrem Schicksal umgehen, dadurch hat sich eine regelrechte Community gebildet. Natürlich gibt es auch Menschen mit einer HIV-Infektion, die nicht so gelassen damit umgehen. Es kommt immer darauf an, was man draus macht. Mein Vater hat mal gesagt: 'Wir sterben alle irgendwann. Du hast es jetzt eben nochmal per Mail bestätigt bekommen.'

Mit der eigenen Sterblichkeit konfrontiert zu werden, macht aber klar auch etwas mit einem. Wobei: HIV-Positive haben heutzutage die gleiche Lebenserwartung, wie alle anderen. Manche sagen vielleicht sogar eine höhere, weil wir ja alle drei Monate zum Arzt gehen und dadurch schneller auf Veränderungen reagieren können.

Die Angst vor dem Stigma

Auch, wenn das vielleicht komisch klingt: HIV hat mir auch viel Positives gegeben. Ich habe das Gefühl, meine Beziehungen sind viel intensiver und echter geworden. Ich bin unendlich dankbar für die Zeit mit den Menschen, die mir wichtig sind – und sage ihnen das auch öfter, als vorher. Insgesamt habe ich das Gefühl, durch die Infektion stärker geworden zu sein. Ich gehöre als HIV-Positive auch zu einer Randgruppe und kriege das auch manchmal durch Diskriminierung zu spüren. Das verändert einen. Mich hat es widerstandsfähiger gemacht.

Trotzdem gibt es Bereiche in meinem Leben, in denen ich das Thema nicht anspreche. An meiner Arbeit wissen zum Beispiel nur zwei Kolleginnen von meiner Infektion. Ich traue mich nicht und hätte irgendwie das Gefühl, das Thema größer zu machen, als es sein muss, wenn ich dem ganzen Kollegium erzähle, dass ich HIV habe. Es ändert ja nichts an meiner Persönlichkeit oder meiner Arbeit. 

Im privaten Umfeld ist es mir aber schon wichtig, offen darüber zu sprechen. Viele Menschen sind eben auch heute noch nicht ausreichend aufgeklärt. Auch in Partnerschaften musste ich oft erklären, dass ich durch die Medikamente nicht ansteckend bin und ein normales Leben führe. Selbst beim Sex ohne Kondom kann ich niemanden anstecken. Das wissen viele leider noch nicht. Sogar Kinder wären grundsätzlich möglich. Für meinen Freund war das Thema HIV zum Glück gar kein Problem, ich habe es ihm beim ersten Date direkt erzählt und er wusste bereits über den aktuellen Wissensstand Bescheid. 

Warum viele Leute nicht verhüten

Alles in allem führen die meisten HIV-Positive Menschen ein normales Leben, abgesehen von den dreimonatigen Arztbesuchen und der einen Tablette am Tag. Das wissen nur leider viele Menschen nicht, weshalb sie immer noch eine gewisse Unsicherheit oder sogar Angst mit uns verbinden. Auf der anderen Seite passen teilweise Heterosexuelle nicht genug auf beim Sex mit neuen Sexualpartnern oder -partnerinnen. Die Infektionszahlen bei Heteros stagnieren aktuell an, während sie bei Männern, die Sex mit Männern haben 2021 gesunken sind. Viel zu oft haben Leute noch Sex ohne Kondom, obwohl HIV doch eigentlich jedem ein Begriff sein sollte.

Um das zu ändern, brauchen wir unbedingt mehr Aufklärung, vor allem bei den Kindern und Jugendlichen. Es würde außerdem helfen, wenn mehr Personen mit HIV in der Öffentlichkeit präsent werden. Es gibt uns und wir leben mit der Infektion. Vielleicht würden dann auch mehr Menschen verstehen, dass die Gefahr für jeden Menschen gleich groß ist, sich mit HIV zu infizieren – ganz egal, welche sexuelle Orientierung oder welchen Beziehungsstand dieser hat. Wenn ich mit Menschen über meine HIV-Erkrankung spreche, dann habe ich immer eine Bitte an sie: Erzähl es weiter, mindestens einer Person.

Monogamie schützt nicht vor HIV

Es ist elementar, dass wir das Wissen über HIV in die breite Gesellschaft tragen, damit sich mehr Menschen testen lassen. Selbsttests gibt es heutzutage auch bei Drogerien und Apotheken. Es laufen bestimmt einige Leute rum, die infiziert sind, es aber nicht wissen. Die stecken dann im Zweifel wieder andere an und so weiter. HIV ist heutzutage zwar nicht mehr tödlich und kann gut behandelt werden, aber es kann trotzdem vermieden werden, sich überhaupt mit dem Virus zu infizieren.

Das kann jedem passieren, ich habe sogar monogame Paare kennengelernt, bei denen dann plötzlich einer HIV hatte. So monogam waren die dann wohl auch nicht. Aber das Beispiel zeigt, dass es ohne Verhütung keine Sicherheit gibt. Leider verlassen sich da noch viel zu viele auf ihr Glück. Ich habe es damals ja nicht anders gemacht. Und auch wenn die Infektion oder chronische Krankheit mein Leben heute bereichert, würde ich heute mit neuen Sexualpartnern nicht mehr auf das Kondom verzichten, wenn ich die Zeit zurückdrehen könnte."

Warum gibt einen Impfstoff gegen Covid, aber nicht gegen HIV? Haben Sie Fragen zu aktuellen Themen an die Redaktion? Schreiben Sie an fragen@stern.de

*Hinweis der Redaktion: Der Name der Protagonistin wurde auf ihren Wunsch hin geändert. 

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