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Andrzej Stasiuk: Deutschland? Nur im Suff!

Bisher hat der polnische Bestsellerautor Andrzej Stasiuk in seinen Büchern vor allem den "wilden Osten" beschrieben. In seinem neuen Werk "Dojczland. Ein Reisebericht" knöpft er sich den westlichen Nachbarn vor. Herausgekommen ist ein vorurteilsbeladenes Machwerk, das man getrost als fremdenfeindlich bezeichnen darf.

Von Aleksandra Zawislak

Andrzej Stasiuk ist der wohl berühmteste polnische Gegenwartsschriftsteller. Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" vergleicht ihn mit Robert Musil ("Die Verwirrungen des Zöglings Törleß"). Nun hat der Autor sein vierzehntes Buch in deutscher Sprache veröffentlicht. War Stasiuk bisher für seine "rauhbeinigen Geschichten aus dem Wilden Osten" (FAZ) bekannt, wagt er sich nun zum westlichen Nachbarn, nach Deutschland. Doch diesmal werden seine Leser enttäuscht. "Dojczland. Ein Reisebericht" ist ein von Vorurteilen durchsetzter Bericht, den man getrost als fremdenfeindlich bezeichnen darf.

In Polen ein Bestsellerautor...

Stasiuk, der in Deutschland vor acht Jahren mit dem Roman "Die Welt hinter Dukla" bekannt wurde und dessen Bücher "Der weiße Rabe" und "Galizische Geschichten" sogar verfilmt wurden, gehört zu den wenigen polnischen Bestsellerautoren. 2002 bekam er den deutsch-polnischen Samuel-Bogumil-Linde-Preis, mit dem vorher Wislawa Szymborska, Ryszard Kapuscinski, Marcel Reich-Ranicki und Günter Grass ausgezeichnet wurden.

Nun schreibt er also über eine Reise nach Deutschland. Doch der Schriftsteller nimmt dieses Land und seine Menschen nur im Rausch wahr. Ob auf dem Bahnhof, im Zug oder im Hotel - Andrzej Stasiuk ist in Deutschland permanent betrunken. Daraus macht Stasiuk keinen Hehl: "Ich war betrunken in Berlin, in Hamburg, in München, in Frankfurt am Main, in Dresden, in Leipzig, in Nürnberg, in Köln, in Bonn, in Aachen, in Düsseldorf, in Heidelberg, in Koblenz, in Mainz, in Bremen und in Wilhelmshaven oder Bremerhaven, in Kassel und Göttingen - um nur die größten Städte aufzuzählen." Im Rausch, der ihm die Sinne vernebelt, sieht Stasiuk in Deutschland nur "das Rot des Kommunismus und den schwarzen Rauch der Krematorien".

...und in Deutschland ständig betrunken

Vor diesem Hintergrund werden die Treffen mit seinen deutschen Lesern zur Nebensächlichkeit. Der Schriftsteller unterhält sich mit ihnen zwar über Literatur, nicht aber über Deutschland. Er hat eigentlich nur ein Ziel: Er möchte so schnell wie möglich in sein Hotelzimmer kommen, damit er sich dort wieder in Ruhe betrinken kann. Denn nur wenn er betrunken ist, wagt er sich, das "germanische Phänomen" zu ergründen. Ohne seinen Reisebegleiter Jim Beam hält Stasiuk Deutschland nicht aus: "Nüchtern kann man aus Polen nicht nach Deutschland kommen."

Abgesehen von seinen Lesern trifft Stasiuk nur auf Bahnhöfen, Flughäfen und gelegentlich in der S-Bahn andere Menschen. Er spricht mit niemandem, stellt keine Fragen. Trotzdem erlaubt er sich ein Urteil über die Deutschen. Stasiuk kann sich einfach nicht von seinen Vorurteilen lösen. Freunde lässt er sagen, was er sich nicht nur so zu schreiben traut, nämlich dass "Deutschland ein viel angenehmeres Land wäre, wenn es dort keine Deutschen gäbe". Stasiuk nährt solche Äußerungen mit dem Traum von einem Deutschland, in dem nur Immigranten leben.

"Niemand wartete auf mich"

Andrzej Stasiuks Abneigung gegen Deutschland ist stark geprägt von seiner ersten, misslungenen Reise nach Leipzig vor etwa acht Jahren: "Niemand wartete auf mich, und davon kommt bestimmt meine deutsche Einsamkeit." Als wenn er damals nicht selbst hätte ins Taxi steigen können, lässt er die Deutschen noch Jahre später dafür büßen. "Das war mein deutscher Anfang. Einsamkeit, DDR, Skins, Suff, Literatur und Holocaust. Nach Deutschland fährt man nicht ungestraft."

Damit hatte sich das Thema Deutschland für ihn erledigt: "Ich hatte Deutschland gesehen, mein Gewissen war rein. Ich hatte meine Pflicht getan. Jeder Mensch sollte Deutschland gesehen haben, und sei es nur aus der Ferne und im Dunkeln."

Alles nur Ironie?

Ab und zu beschleicht einen das Gefühl, Stasiuk meine das alles nur ironisch. Zum Beispiel, wenn er feststellt, dass die Polen, "wenn wir uns hier irgendeine Psychopathoideologie ausgedacht und sie realisiert hätten, es doch leichter hätten. Wenn wir selbst fünfzehn Prozent der Bevölkerung in die Öfen geschickt und weitere fünfzehn durch Hunger ausgerottet hätten, dann sähen unsere Nachbarschaftsbeziehungen erheblich besser aus". Wenn das ironisch sein soll, dann hat Stasiuk ein äußerst merkwürdiges Verständnis von Ironie.

Nur der Osten bringt ihn zum Schwärmen. "Denn die DDR ist dieser verlorene Stamm - germanisch oder slawisch - niemand wird das je entscheiden." Ausgerechnet dort, wo die meisten rechtsradikalen Übergriffe geschehen, fühlt sich der Schriftsteller am wohlsten. Dort, wo die Vergangenheit, die Stasiuk den Deutschen unterschwellig permanent vorhält, am lebendigsten zu sein scheint, fühlt er sich heimisch. "Das Slawische, der Kommunismus, ein bisschen schlechteres Essen und billigere Kosmetika, das sind doch Elemente, die das Menschensein befördern."

Die deutsche Fassung wurde entschärft

Wie empörend das Buch ist, offenbart sich vor allem, wenn man es auch auf Polnisch liest. Immer wieder stößt man auf Wörter und Ausdrücke, die auf Deutsch vergleichsweise harmlos, in Stasiuks Muttersprache jedoch beängstigend klingen. Der Übersetzer Olaf Kühl hat ganze Arbeit geleistet, um das Buch zu entschärfen. Auch die Notiz auf der Rückseite des Originals wurde weggelassen. Statt: "Diese Geschichte erzählt das nicht ganz einfache Schicksal eines literarischen Gastarbeiters. Sie ist voll von gezielten Beobachtungen, geistreichen Reflexionen und schlichtem Humor", bekommen die Deutschen nur Lob für den Humor und Stasiuks "selbstironisches Spiel" zu lesen. Dabei ist das Buch weder geistreich noch amüsant.

Stasiuk spricht mit einer Verachtung, die sich ein deutscher Schriftsteller niemals gegenüber einem anderen Volk erlauben dürfte - weil sie ihm mindestens den Vorwurf der Fremdenfeindlichkeit einbrocken würde. Und Andrzej Stasiuk? Ihm wird applaudiert: von Polen, weil sie es lieben, über die Deutschen zu lästern, und von den Deutschen, weil sie sich nicht trauen, sich dagegen zu wehren.

Der Autor beschreibt sich selbst als einen "literarischen Gastarbeiter". Aber was für ein Gastarbeiter ist das, der stinkfaul und ständig betrunken ist - und sich nicht um seine Arbeit schert? Ein wandelndes Klischee höchstens.

Die Autorin Aleksandra Zawislak lebt in Warschau, wo sie als freie Journalistin arbeitet.