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Charlotte Roche: Die Zotenkönigin von Muschiland

Provokation oder neues Selbstbewusstsein - was steckt hinter dem Erfolg des Bestsellers von Charlotte Roche? Eine Expedition in die "Feuchtgebiete" des Feminismus.

Von Andrea Ritter

Oldenburg, Festsaal "Harmonie", ausgerechnet. Vor der Tür stehen Jungs in Jeans und Parka, Mädchen mit Haarspangen und bunten Taschen. Die meisten von ihnen zwischen 20 und 30 Jahre alt. Schnell noch eine rauchen. Die Abendkasse ist dicht. Ausverkauft, alle 550 Plätze, schon seit zwei Wochen. So wie überall, wo Charlotte Roche mit ihrem Roman "Feuchtgebiete" anreist. Andere Schriftsteller haben Leser. Charlotte Roche hat Fans.

Seit Erscheinen ihres Buches im Februar ist Charlotte Roche ununterbrochen auf Tour. Berlin, Hamburg, Bremen. Menden, Witten, Bünde - Frau Roche liest überall. Die 30-jährige gebürtige Engländerin, die mit ihrem Mann und der fünfjährigen Tochter in Köln lebt, hat den Überraschungserfolg des Frühjahrs geschrieben: ein schmales Büchlein, 219 Seiten nur, mit relativ großen Buchstaben. Veröffentlicht bei Dumont, nachdem der Verlag Kiepenheuer & Witsch das Manuskript als "pornografisch" abgelehnt hatte. Ein Buch, das von den Hämorrhoiden eines 18-jährigen Mädchens handelt: Nach einer verunglückten Anus-Rasur hat Helen Memel eine riesige Wundblase aus dem Po hängen. Und alle wollen mehr darüber wissen.

Wenn Charlotte Roche nicht gerade liest, sitzt sie in der NDR-Talkshow, bei Stefan Raab oder Johannes B. Kerner. Mittlerweile dürfte es in Deutschland kaum ein Medium geben, das sie noch nicht zum Interview getroffen hat (siehe stern Nr. 12/2008). Es dürfte eigentlich auch kaum noch jemanden geben, dem ihre Ansichten über Intimrasur, Hygienezwang und Selbstbefriedigung unbekannt wären - denn darum geht es, wenn Charlotte Roche auftritt. "Mir ist irgendwann klar geworden, dass Mädchen und Jungs unterschiedlich beigebracht kriegen, ihren Intimbereich sauber zu halten", heißt es im Roman. "Meine Mutter hat auf meine Muschihygiene immer großen Wert gelegt, auf die Penishygiene meines Bruders gar nicht. Der darf sogar pinkeln ohne abwischen."

Mädchen waschen und parfümieren

Kindlicher Tonfall, klare Worte: Das Verhältnis zu ihrem Geschlechtsorgan ist bei Frauen - vor allem von Mädchen - immer noch weitaus unentspannter als bei Männern. Jungs geben ihren Penissen Namen und protzen mit ihrer vermeintlichen Länge. Mädchen waschen und parfümieren. So geht's nicht, meint Roche. Denn wer seinen Körper immer unter Kontrolle hält, hat weniger Spaß am Sex. Thesen, die von ihrem Publikum begeistert aufgenommen werden. "Man weiß das ja, aber endlich sagt's mal jemand", sagt Sabrina, 21. "Charlotte Roche rockt."

Gerockt und vor laufender Kamera mit ihrem Körper gespielt hat die ehemalige Viva-Zwei-Moderatorin schon immer gern: Sie holt sich bei Harald Schmidt ihren künstlichen Schneidezahn raus oder pinkelt neben Roger Willemsen in die Badewanne. Auch Oldenburg hat sie in rockiger Erinnerung. "Charlotte war schon mal hier", erinnert sich ein sehr breit grinsender Endzwanziger. "Da hat sie was über gehäckselte Penisse vorgelesen."

Verunfallte Penisse, genau genommen. Vor drei Jahren zog Roche durchs Land und las aus einer Doktorarbeit über "Penisverletzungen bei Masturbation mit dem Staubsauger". Sex, aua, Doktor: Darum geht es auch in den "Feuchtgebieten".

Die "Stellen" im Buch kennt jeder

Fast keiner der Oldenburger Roche-Fans kennt das Buch, aber alle kennen die "Stellen". Stellen wie diese: "Wenn einer mich liebt oder auch nur geil auf mich ist, dann sollte doch so ein Blumenkohl (= Hämorrhoiden, Anm. d. Red.) keine Rolle spielen. Außerdem habe ich schon viele Jahre, von fünfzehn bis heute, mit achtzehn, trotz eines wuchernden Blumenkohls sehr erfolgreich Analverkehr. Sehr erfolgreich heißt für mich: kommen, obwohl der Schwanz nur in meinem Arsch steckt und sonst nix berührt wird." Na? Wie liest sich das?

Offenbar sehr gut. Binnen neun Wochen hat sich das Buch über 450.000-mal verkauft. Das ist neunmal so viel wie Joschka Fischers "Rot-grüne Jahre" und 4,5-mal so viel wie der neue Martin Walser. Die Lizenzverkäufe ins Ausland laufen: Mit Italien, den Niederlanden und zwei skandinavischen Ländern habe man sich bereits geeinigt, heißt es aus dem Verlag. Die Verhandlungen mit den USA und England laufen noch. Im März führten Charlotte Roches "Feuchtgebiete" die internationale Amazon-Bestsellerliste an. Das gab es noch nie. "Der weltweit meistverkaufte Roman im vergangenen Monat kommt aus Deutschland", wundert sich der britische "Economist". Und kann sich den Erfolg auch nicht erklären: "Natürlich verkauft sich Sex", schreibt das Magazin, "aber auch, wenn er auf Deutsch ist?"

Warum ist das Buch so erfolgreich? Das fragt sich nicht nur der Literaturbetrieb, sondern auch Charlotte Roche selbst. An der Aufmerksamkeit der Medien kann es nicht allein liegen - die hatte Joschka Fischer auch. Die Rezensionen des Feuilletons lassen sich mit "phänomenologisch gelungen, literarisch schlecht" zusammenfassen. Zu schlicht sei die Prosa, zu eintönig das Geplapper der Erzählerin. Und was denken die großen Damen der Literaturkritik? "Ich habe es nicht gelesen und kann dazu nichts sagen", sagt Elke Heidenreich. Bei Sigrid Löffler gehört "Feuchtgebiete" ebenfalls nicht zum Literatur-Pensum. Daran ließe sich aber nichts ablesen, fügt sie hinzu. Nicht? Da schreibt endlich mal eine Frau den Bestseller der Saison - noch dazu mit einem deutschen Debütroman -, und die Großkritikerinnen lesen es noch nicht mal? Ignorante Schwestern. Oder altfeministische Prüderie?

Weit entfernt von Seidenbettwäsche-Erotik

Dass Sex Bücher verkauft, erleben wir jedes Jahr, wenn der Sommer uns "erotische Urlaubsschmöker" beschert. Meistens kommen sie aus Italien oder Frankreich und haben Titel wie "Hure", "Zähme mich" oder "Tagebuch einer Nymphomanin". Charlotte Roches Roman ist von dieser Seidenbettwäsche-Erotik jedoch so weit entfernt wie Schiessers Feinripp von Victoria's Secret. Auch mit brachialen Sexbestsellern wie "Baise-moi" ("Fick mic") von Virginie Despentes oder Catherine Millets Bekenntnisroman "Das sexuelle Leben der Catherine M." hat Roches hämorrhoidenkranke Helen nicht viel zu tun. Ihr Sex ist nie brutal. "Ich möchte ja nicht vom Sex abstoßen, sondern dazu einladen", erklärt die Autorin bei ihrer Lesung. Und darum schreibt sie auch nicht "Möse" oder "Fotze". Sondern immer nur "Muschi".

Vielleicht ist sie auch deshalb so erfolgreich, weil sie so authentisch wirkt. Da ist keine Fassade, die auf der Bühne plötzlich einstürzt. Keine Bemerkung, die sie aus dem Tritt bringen könnte. Sie reagiert schlagfertig, witzig und charmant. "Ich hoffe, meine Tochter liest dieses Buch nie", sagt sie. "Die wird bestimmt irgendwann wahnsinnig sauer auf mich sein. Deswegen spare ich das ganze Geld von dem Buch für sie auf." Ihren Eltern habe sie verboten, das Buch zu lesen. Mit Mama und Papa über Sex reden - das geht gar nicht, macht Roche klar. Über Biologie, ja, aber bitte nicht über Fantasien und Techniken! Und wieder spricht sie ihren Zuhörern aus der Seele.

Roches Romanfigur leistet Aufklärungsarbeit: Jugend erforscht. Den Körper, mit all seinen Gerüchen, Öffnungen und Sekreten. Ja, das ist bisweilen pathologisch - nicht ohne Grund spielt das Buch im Krankenhaus - und phasenweise eklig. So wie an dieser Stelle: "Ich mache schon lange Experimente mit nicht gewaschener Muschi. Mein Ziel ist, dass es leicht und betörend aus der Hose riecht, auch durch dicke Jeans oder Skihosen."

Die Frauen lachen am lautesten

Ein Satz, der vor allem Männer erfreut - könnte man denken. Aber auf der Lesung lachen die Frauen am lautesten. Die Männer staunen. Und wundern sich. Kann es sein, dass Frauen unter sich ganz anders über Sex reden? Dass da ausgesprochen wird, was Männer sich noch nicht mal an der Pinkelrinne zuraunen? Und nun endlich mal eine den Vorhang lüftet? "Mein Mitbewohner musste das Buch nach 30 Seiten weglegen", sagt Benjamin, 29. "Er meinte, er sei wohl zu prüde." Stephanie, 21, findet es gerade gut, dass eine Frau so "drastisch" über Sex schreibt.

Offenbar ist es im Jahr 2008 immer noch so aufregend, so provokant, so "Rock'n'Roll", dass eine Frau die Dinge beim Namen nennt. Dass sie über Analsex schreibt, über "Muschigeruch" und Achselhaare. Wenn dem Publikum der Atem stockt, legt Charlotte Roche erst richtig los. Mit hochgeschlossener Bluse und wippendem Pferdeschwanz sitzt sie am Pult, grinst, klimpert mit den Augen und lässt ihre Protagonistin fröhlich über "untenrum" und "hintenrum" plaudern. Helen, so viel ist klar, hat eine Menge Spaß mit ihrem Körper. Und Roche möchte diesen Spaß weitergeben. Ihre Protagonistin probiert alles aus, was allgemein als "unweiblich" gilt: Sie duscht nicht nach dem Sex. Sie schneidet sich Löcher in die Unterhose, damit die Jungs gleich wissen, wo's lang geht. Und sie tupft sich lieber Körpersekrete statt Parfüm hinters Ohr.

Wenn sie das vorliest, muss Roche selber lachen - "o Mann, ich möchte echt nicht bei mir im Publikum sitzen! Wir haltet ihr das eigentlich aus?" -, aber wenn es um technische Tipps zur Selbstbefriedigung geht ("Der Duschkopf ist mein bester Freund"), werden einige Jungs im Publikum plötzlich sehr aufmerksam. Man kann ja immer noch was lernen.

"Es verschlägt dem Mann die Sprache"

"Für mich ist Charlotte Roche eine moderne Feministin im besten Sinne", sagt Andreas Kraß, Professor für Literatur und Queer Studies. "Der heterosexuelle Mann wird mal ordentlich erschreckt. Da ergreift eine junge Frau das Wort, und zwar so, dass es ihm die Sprache verschlägt. Gut so!"

Offenbar entdecken Frauen gerade jenen offensiven, sexuellen Feminismus wieder, der sonst in der Subkultur zu finden ist. Bands wie "Peaches" oder "Chicks on Speed" arbeiten seit Jahren mit Umschnall- Dildos und harter Sprache, um Sexis- mus und Geschlechterklischees zu karikieren. Ganz ähnlich also wie Reyhan S¸ ahin, alias Lady Bitch Ray (siehe Kasten "Mehr zum Thema"): Das rappende Gesamtkunstwerk aus Bremen ging vergangene Woche mit "Schmidt und Pocher" auf Kollisionskurs - und gab ihnen eine Kostprobe ihres "Vagina-Styles". Ihre Strategie: die Bedeutung von Schimpfwörtern ins Positive wenden. "Bitch" - also Hure - ist für sie die höchste Auszeichnung. Und "Fotze" etwas, worauf man stolz sein sollte.

Laut, selbstbewusst, herausfordernd. So offensiv geben sich nur wenige der jungen Autorinnen. Sie veröffentlichen lieber Sachbücher wie "Neue deutsche Mädchen" (Rowohlt), "Wir Alpha-Mädchen" (Hoffmann und Campe) und "Weißbuch Frauen, Schwarzbuch Männer" (Deuticke). Oder die Textsammlung "Hot Topic" von Sonja Eismann (Ventil Verlag), die sich vor allem mit feministischen Strömungen in der Popkultur beschäftigt. Neu sind allerdings weniger die Themen dieser Bücher. Neu ist auch hier die Sprache: direkt, unakademisch, subjektiv, manchmal kindlich.

In den Köpfen der Frauen arbeitet es gewaltig

Genervt von "Herdprämien", wütend über ungerechte Einkommensverteilung oder schlicht empört darüber, dass Frauen Kinderunterbringung und Familie offenbar auch bis auf Weiteres allein organisieren sollen, arbeitet es gewaltig in den Köpfen der Frauen um die 30.

Meredith Haaf, Susanne Klingner und Barbara Streidl nennen ihre Generation "Alpha-Mädchen". Aber wie verhindert man es als topausgebildetes Alpha- Mädchen, später im Beruf dann doch als Delta-Weibchen zu enden? Tja. Das Buch konzentriert sich auf die Analyse des Status quo. Und die fällt schlecht aus. Aber Jammern ist nicht. Munter und betont positiv werden Frauen dazu aufgefordert, zusammenzuhalten, Netzwerke zu bilden und sich gegenseitig zu unterstützen. Bloß keine Stutenbissigkeit und keinen Zickenkrieg! Und bloß nicht bequem werden - nur weil wir jetzt eine Kanzlerin haben.

Die "Neuen deutschen Mädchen" Jana Hensel und Elisabeth Raether schreiben sehr persönlich und gefühlsbetont. Sie wollen herausfinden, "wie es ist, heute eine Frau zu sein". Das hat Simone de Beauvoir - um einiges scharfsinniger - auch schon versucht. Kann man aber mal aktualisieren. Wer ihnen dabei folgen möchte, möge das tun, sollte aber wissen: Es geht eher um Selbstfindung als um gesellschaftspolitische Veränderungen.

"Protestnote gegen das Frauenbild"

"Die Grundfragen dieser Frauen sind die gleichen, die wir uns damals gestellt haben", sagt die Journalistin und Autorin Ingrid Kolb, Jahrgang 1941. "Ich verfolge die Diskussion mit großem Vergnügen. Und freue mich über jede Protestnote gegen ein Frauenbild, das kein Härchen, kein Fältchen und kein Tröpfchen zulässt."

"Feminismus", ein Wort, das lange Zeit neben der "Emanze" in der Schmuddelecke stand, groovt plötzlich wieder mit dem Zeitgeist. Fast so, als seien die Frauen aus ihrem Dornröschen-Traum aufgewacht und stellten nun fest: Es stimmt gar nicht, dass wir alles erreichen können. Dass wir Kinder und gute Jobs haben können. Dass uns alle Wege offenstehen. Die Autorinnen wollen die jungen Frauen wachrütteln und zusammenschweißen: Ungerechtigkeit gegenüber Frauen ist kein individuelles Problem. Und auch keine Randerscheinung.

Und genau hier trifft sich der offensive Sex-Positivismus einer Charlotte Roche mit den eher theoretisch orientierten "Alpha- Frauen" und "Schwarzbuch"-Autorinnen. Fragt man die Frauen um die 30, bezeichnet sich kaum eine als "neue" Feministin. Ihre Themen sind dieselben wie früher und fest in der gesellschaftlichen Gegenwart verankert: Gleichberechtigung, Gehaltsunterschiede, Arbeitsfelder, Geschlechterrollen. Sexualität. Ein Unterschied: Viele der jüngeren Feministinnen sind, anders als beispielsweise Alice Schwarzer, nicht grundsätzlich gegen Pornografie.

Körper als Schlachtfeld

Das ist jedoch keine Frage der Generation, sondern des Standpunkts. Frauen wie Annie Sprinkle, die gern offene Blicke in ihre Gebärmutter gewährt, haben schon Anfang der 80er Jahre einen Feminismus proklamiert, der die Pornografie als Medium nutzt. In der Kunst war der Körper schon in den 60er Jahren das Schlachtfeld, auf dem gesellschaftliche Normen neu ausgefochten wurden. Und immer ging es direkt zur Sache: 1968 steht Valie Export mit ihrem "Tapp- und Tastkino" auf dem Münchner Stachus. Durch einen Kasten, den sie sich um den Leib geschnallt hat, dürfen Männer ihre blanken Brüste anfassen. Fotos von ihrer Aktion bezeugen, dass die Künstlerin damit weit besser umgehen konnte als die Fummler.

Anfang der Siebziger zeichnet Dorothy Iannone fröhliche Fick-Figuren zwischen Blumen und frauenbewegten Sprüchen. Bei einer Ausstellung in Bern bestehen ihre männlichen Kollegen darauf, die Penisse und Schamlippen mit Klebeband zu überkleben. Das ging den Männern dann doch zu weit.

Frauen und Sex, der nicht "sexy" und im gängigen Sinn ästhetisch ist, provo- ziert. Immer noch. Und doch ist es eine Strategie, mit der sich feministische Inhalte im wahrsten Sinne des Wortes an den Mann bringen lassen. Der beste Beweis dafür ist Charlotte Roches Buch.

Käufer sind Männer ab 50

Klein, pink und mit einem 18-jährigen Mädchen als Hauptfigur, hätte "Feuchtgebiete" normalerweise direkt in der Schublade "Frauenliteratur" landen müssen. Buchhändler berichten jedoch, dass neben jungen Frauen vor allem Männer ab 50 das Buch kaufen (siehe: "Wer kauft den pinkfarbenen Porno?"). "Die meisten Kunden habe ich vorher noch nie in meinem Laden gesehen", sagt eine Buchhändlerin. Namentlich zitiert werden möchte sie nicht, denn: "Ich finde das ein wenig pikant. Die Herren kaufen das Buch sicherlich nicht für ihre Töchter. Und auch nicht zur Information über den weiblichen Körper."

Pikant? "Mein Buch eignet sich als Wichsvorlage" - das hat Charlotte Roche von Anfang an klargestellt. Und sie fände es "super", wenn es auch Frauen "dafür benutzen würden".

Aber, mal ehrlich: Der Sex-Appeal ihres Werks fällt eher in die Kategorie Spezialvorlieben. Sonst wäre der "Pschyrembel" kein Fachbuchklassiker der Medizin, sondern ein erotischer Dauerseller. Und wenn Männer bei Themen wie Analfissur, Hämorrhoiden und Wundwasserblasen zu Tausenden heiß liefen, hätte Hugh Hefner längst "Prokto-Boy" an den Kiosk gebracht.

"Die traut sich so viel"

Das allein kann es also nicht sein. "Das Buch ist eine Brücke", sagt Jan, 24. Er hat es mit seiner Freundin gelesen - "also nacheinander, nicht gemeinsam" -, und anschließend haben sie das erste Mal über Sex geredet. "Also, so richtig." Was heißt das? "Also, darüber, wie Frauen masturbieren. Und was sie für Fantasien haben. Also ..." - "Vieles in dem Buch ist total übertrieben", hilft seine Freundin aus. "Ich würde zum Beispiel nicht versuchen, mir einen Duschkopf einzuführen." Jan sieht erleichtert aus. "Aber so wie Charlotte das beschreibt, hat es auch was Befreiendes", sagt seine Freundin. "Man kann drüber lachen. Sie hängt die Latte so hoch, dass die Sachen, über die man sonst nicht sprechen würde, einem plötzlich ganz harmlos vorkommen. Die traut sich so viel. Da kann man sich selber auch mal was trauen."

Tatsächlich hat Charlotte Roche mit ihrem Roman nicht einfach nur ein Schamhaar in die Diät-Suppe der Schönheitsindustrie gestreut. Sie hat eine Sprache gefunden, die da ist, wo viele Politiker gern wären: nah am Menschen. Sie ist "Charlotte", eine junge Frau, keine Überfrau. Eine, die sich was traut, und gleichzeitig auf der Bühne gesteht, dass es sie viel Überwindung kostet. "Ich bin selbst längst nicht so cool und selbstbewusst wie Helen", sagt sie. "Aber ich wäre es gern."

Das geht vielen Mädchen - und Frauen - so. Sie trauen sich nicht, sie geben es nicht gern zu - aber eigentlich würden sie sich gern ein bisschen so benehmen wie Helen. Mal einen Porno ausleihen. Oder sich nackte Jungs ansehen. Sagt Elke Kuhlen, und die muss es wissen: Gemeinsam mit Nicole Rüdiger gibt die 29-Jährige seit August 2005 halbjährlich das "Jungsheft" heraus. Das Magazin mit dem Untertitel "Porno für Mädchen" zeigt Nacktfotos von ganz normalen Jungs. Jungs, die so aussehen, als würden sie die Musik von Franz Ferdinand hören und gern Flaschenbier trinken. Keine Bodybuilder oder "Chippendales". Das Heft muss als "Porno" deklariert werden, "weil wir Erektionen über 45 Grad abbilden", sagt Kuhlen. Gesetz ist Gesetz. Feminismus oder die Lust an Tabubrüchen hätten jedoch nicht den Impuls gegeben, das "Jungsheft" zu machen. "Es gab einfach den Bedarf. Bei uns. Bei Freundinnen. Mädchen wollen normale Jungs. Keine muskelbepackten Typen am Bergsee. Und wo sonst kann man schon Schwänze betrachten, außer wenn sie schon neben einem liegen." Charlotte Roches Buch, hofft sie, wird weiter dazu beitragen, dass Mädchen ihre Scheu verlieren.

Ein neues Bewusstsein

Mädchen, Frauen, Pornos und Sex - das Thema ist auf dem Tisch. Und weil darüber gerade so viel geredet wird, scheint sich tatsächlich so etwas wie ein neues Bewusstsein zu entwickeln. Charlotte Roche hat eine Kunstfigur geschaffen - eine Heldin der Schamlosigkeit, ein Super-Girl im Pipi-Kaka-Land. Eine Frau, die sich nicht drum kümmert, ob sie furzt oder stinkt. Die sich an Pornos aufgeilt und Wert darauf legt, der "Fickurheber" zu sein. Eine irreale Figur, ja sicher, aber auch nicht unwirklicher als Heidi Klum.

"Es ist den Männern eigen, den Körper einer Frau überzubewerten und zu sublimieren", schreibt die französische Feministin Virginie Despentes in ihrem Buch "King Kong Theorie", ein hartes und wütendes Pamphlet gegen den Männlichkeitswahn und für die Liberalisierung der Pornografie. Die "neuen" Feministinnen sind vielleicht noch weniger wütend und radikal. Aber sie werden lauter. Und seitdem sie auch über Sex sprechen, hören plötzlich alle zu. Und dann kann man ja auch bald mal wieder über was anderes reden. Über "Herdprämien", "Gebärmaschinen", Einkommensunterschiede und Berufsaussichten zum Beispiel. Bleibt eigentlich nur noch eine Frage an die Männer: Wann fangt ihr an, euch von euren Rollenklischees zu emanzipieren?

Mitarbeit: Silke Müller, Ulrike Schäfer

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