"Alexander" Killer im kleinen Weißen


Sand zwischen den Zähnen, Schweißausbrüche und Soldaten-Drill: Der stern ging in die marokkanische Wüste, wo Regie-Extremist Oliver Stone das Leben von Alexander dem Großen verfilmt.
Von Bernd Volland

Es ist nicht einfach, ein Krieger zu sein. Schwing doch mal dein Schwert, ohne dass dir die Kippe aus der Hand fällt! Trag mal dieses kurze Röckchen, ohne dass... Aber Colin Farrell ist ein großer Krieger. Gut, unterm Röckchen trägt er noch was. Aber das Schwert, das reißt er einhändig mit solcher Gewalt über den Kopf, dass sich jeder Babylonier ins Hemd machen würde. In der anderen hält er eine Zigarette, und - das hat kein Babylonier je gesehen - er kann auch während des Säbelns daran ziehen. Ein richtig Großer. Sagt auch Oliver Stone: "Colin ist perfekt für diese Rolle." Stone trägt einen Sonnenhut und ein rotes, nass geschwitztes Poloshirt. Er hat sich einen Traum erfüllt. Und jetzt steht er in der marokkanischen Wüste.

Und schaut seinem Star beim Üben in antikem Totschlag zu. "Ach, wissen Sie", sagt der Regisseur mit langsamer Stimme, die von der Hitze oder von Marihuana kommen könnte, beides gibt es reichlich hier unweit von Marrakesch, "ich glaube, meine Geschichte war damals noch nicht reif." Schon vor zwölf Jahren schrieb Stone an einem Skript, 1996 wollte er seinen Traumstoff dann endlich mit Tom Cruise in der Titelrolle verfilmen. Aber erst vor zwei Jahren hauchte der deutsche Hollywoodproduzent Moritz Borman ("Terminator 3") dem Projekt neues Leben ein. Nun verfilmt Stone endlich "Alexander der Große".

Hinter ihm jagen Pferde,

Röckchenträger hauen sich mit den Schwertern auf die Schilder, irgendjemand hüpft wie ein Irrer aus der Szene, und dann schreit wieder einer "Cut!" Zwischendurch fährt ein Traktor Leichen und Leichenteile spazieren. Pausen gibt es nicht. Es ist ein typischer Stone-Set - großer Zirkus, keine Gnade, oft werden zwei Szenen gleichzeitig gedreht. Vor ein paar Wochen kam ein großer Sandsturm auf, Stone drehte weiter, das spart Zeit, ist authentisch und macht hart. Stone ist ein Perfektionist, ein Besessener. Um es mit den Worten von Jared Leto zu sagen, dem Darsteller des Hephaistion: "Er ist ein Bastard. Aber ein genialer Bastard."

Für den Bastard geht es diesmal um viel. Noch nie hat Stone so lange gedreht, fast ein Jahr - in Marokko, Thailand und den Londoner Pinewood-Studios -, eine unfassbar lange Zeit für den Schnelldreher. Die sich natürlich auch nicht verkürzt, wenn die Aufnahmen aus Thailand in der Röntgenmaschine des Zolls gelöscht werden und der Dreh wiederholt werden muss. Am 18. November soll das Epos in Deutschland starten. Es gibt nicht viele Filme über Alexander den Großen. Was nicht zuletzt an dessen Hauptbeschäftigung liegt: Schlachten schlagen und Städte bauen. Denn das bedeutet für Filmemacher: viel Zeit und viel Geld zu investieren. Bis zu 200 Millionen Dollar soll Stones Historiengemälde verschlingen. Auch der Australier Baz Luhrmann ("Moulin Rouge") wollte den Stoff mit Leonardo DiCaprio verfilmen. Es war ein Wettlauf, Luhrmann hat mittlerweile aufgegeben.

Es soll ein Meisterwerk werden, monumental: der Einmarsch in Babylon, die Massenhochzeit im persischen Susa, die Schlacht von Gaugamela, die Schlacht im indischen Pandschab samt Elefanten - alles dabei. Und alles so historisch genau wie möglich. Darum steht jetzt auch das Tor der Ischtar in einem Gewerbegebiet bei Marrakesch. Gut, es ist aus Holz und hohl, aber die Tierfiguren sind aus dem Pergamon-Museum kopiert. Und neben ein Berberdorf in den Bergen haben sie die Festung von Baktra gesetzt. Die Berber sträubten sich erst, sie hatten schlechte Erfahrungen mit einem marokkanischen Filmteam gemacht, aber jetzt machen sie Catering, besitzen neue Straßenlichter, sollen eine Schule bekommen - und dürfen sich aussuchen, was sie von den Bauten behalten wollen. Allerdings: Was will man als Berber schon mit der Festung von Baktra aus Holz?

Stone riskiert viel.

Der Monumentalmarkt könnte bald satt sein: "Gladiator", "Troja", "King Arthur" und jetzt auch noch Alexander. Der könnte einer der größten Filme aller Zeiten werden oder einer der größten Flops. Es könnte auch ein zweiter "Cleopatra" werden, der 1963 mit Elizabeth Taylor in der Hauptrolle die 20th Century Fox beinah in den Ruin trieb.

Dabei ist der Stoff durchaus filmtauglich. "Alexander war wie ein Rockstar", sagt Oliver Stone, "ein junger Mensch, der seine Vison hatte und sie weiter und immer weiter trieb. Und dann starb er. Mit 32." Der Rockstar ging mit 22 Jahren auf Tour, wollte mit seiner Griechenband bis ans Ende der Welt ziehen, das damals in Indien lag, auf seinem Weg zerrockte er das Perserreich, trat in Babylon und Indien auf - aber nicht nur mit Heavy Metal, nicht nur als kriegerischer Eroberer. "Nein, er war ein Philosoph, ein Wissenschaftler, ein Architekt, baute Städte", schwärmt Stone. "Er gründete ein riesiges Imperium, in dem er die Zivilisation vorantrieb." Alexanders Vision: die Griechen und den dunklen Orient zu einen, eine neue Weltkultur zu schaffen.

Stone will mit seinem Film auch die seelischen Abgründe des Feldherren ausleuchten, und wie der echte soll der Film-Alexander ein bisschen bisexuell sein. "Aber zu viel darfst du dabei nicht zeigen", sagt Colin Farrell später im kurzen Weißen, "dafür ist das breite Publikum noch nicht weit genug." Na, wenn er meint. Natürlich hätte Alexander auch ein hässliches Gesicht gehabt, erkärt Stone. "Er war ein brutaler Killer. Aber nur gegenüber denen, die ihn verrieten." Auf dem Schlachtfeld, da war Alexander "ein Rasender und Verrückter", so schrieb Plutarch in dessen Biografie.

"Colin ist ein Rebell,

aber er arbeitet mit unglaublicher Hingabe", lobt Stone. Und die meisten Stunts, jawohl, die mache er selbst, sagen die PR-Leute, aber so was sagen sie natürlich immer. Das Reiten, man sieht es, hat er jedenfalls gelernt. Gerade hauen sich auf dem Wüstensand Stars, Stuntmen und Soldaten mal wieder auf Schilder und Köpfe, da geht ein Gaul ohne Reiter durch. Farrell, mit rotem Federbusch auf dem Helm, galoppiert dem Pferd hinterher, und zwar aufrecht, streckt ihm die Hand entgegen und beruhigt es. Großer Auftritt, Pferdeflüsterer-mäßig. Den riskantesten Stunt soll Farrell später in Thailand geliefert und mit einem Armbruch bezahlt haben: Er fiel eine Hotelstiege hinunter. Es ist ein gefährlicher Job.

Und einer mit Verantwortung dazu. Denn die Frage ist, ob Colin Farrell einen filmischen 200-Millionen-Brocken stemmen kann, ob die Leute seinetwegen ins Kino strömen, ob er im Hollywood-Slang "bankable" ist wie Tom Cruise oder Brad Pitt. Immerhin hat er zur Unterstützung ausreichend namhafte Kollegen an seiner Seite: Angelina Jolie als Olympias, Val Kilmer als Philipp II. und Anthony Hopkins als weisen Erzähler Ptolemaios.

Colin Farrell scheint keinen Druck zu spüren. Er stapft heran, hat vorher noch ein paarmal geflucht, an der Zigarette gezogen und mit Stones Kindern geflachst. Sein Haar hat er für die Rolle blondiert, antike Sagen hat er durchgeackert. "Was ich vorher von Alexander wusste? Nicht viel", gesteht er. "Nur einige Zeilen aus den Geschichtsbüchern." Und es ist schwer zu glauben, dass Farrell mal ein eifriger Schüler war. "Aber, verdammt", sagt er, "es gibt doch nur ein, zwei Dutzend solch großer Filme." Dafür gehst du natürlich gern in die Wüste. Halb so wild. "Das Schlimmste ist der Sand, der einem in den Zähnen hängt." Von zu kurzen Röckchen wollen wir hier lieber nicht reden.

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