Florian Henckel von Donnersmarck Mit dem Debüt in die Königsklasse


Der Stasi-Thriller "Das Leben der Anderen" geht als großer Favorit in das Rennen um den Deutschen Filmpreis 2006. Das Spielfilmdebüt von Florian Henckel von Donnersmarck ist in elf der insgesamt 15 Kategorien nominiert.
Von Annette Maria Rupprecht

XXL in jeder Beziehung. Ein zwei Metermensch, ausgestattet mit jungenhaftem Charme, preußisch-blauen Augen, semmelblondem Haar, besten Manieren, höchstem Feingefühl und ehrgeizigem Arbeitsethos: Florian Henckel von Donnersmarck. Er sagt so Sätze wie: "Ich habe Respekt, vor dem Leben und vor der Kunst." Und verspricht : "Ich werde, egal welche Filme ich mache, nie Amateurhaftes abliefern." Auch blutleere Kritikerfilme interessieren ihn nicht. Sein Ziel ist es, sich selbst so überzeugend zugestalten, dass auch seine Filme gut sind. Er will das Publikum emotional erreichen; schafft er das nicht, sei’s er, der etwas falsch gemacht habe. Anders ausgedrückt: Beim Filmemachen geht’s ihm nicht um Masturbation, sondern um echten Sex.

Ein Debütant, dessen Erstling "Das Leben der Anderen" völlig überraschend für die Kinobranche schon vor dem Start hoch gelobt wurde. Bis dato kannte man ihn nur in der Kurzfilmwelt, wo er allerdings so ziemlich alle Preise kassierte, der man dort habhaft werden kann. Beim diesjährigen Bayerischen Filmpreis heimste sein bewegendes Stasispitzel-Melodram in vier Kategorien Lorbeeren ein. Anfängerglück? Eher Meisterschaft.

Zum Weltenbummler erzogen

Einiges wurde dem Sprössling eines schlesischen Adelsgeschlechts, das sich bis ins 14. Jahrhundert zurückverfolgen lässt, in die Wiege gelegt. 1973 kommt er in Köln zur Welt. Sein Vater, Dr. Leonard Ferdinand Henckel von Donnersmarck ist damals Manager bei der Lufthansa; die Mutter, gebürtig aus Magdeburg, ist Soziologin und ehemaliges Mitglied des Sozialistischen Deutschen Studentenbunds (SDS). Florian ist zwei Jahre alt als die Familie nach New York zieht. Wunderbare sechs Jahre in Manhattan. 1981 geht’s zurück, nach Westberlin. "Krass" für den achtjährigen und seinen ein Jahr älteren Bruder Sebastian. Der Unterschied zwischen USA und BRD war ungefähr so groß, erinnert er sich, wie der zwischen dem Entwicklungsstand von BRD und DDR. Die Trennung Deutschlands ist nicht zuletzt durch häufige Verwandtschaftsbesuche im Osten ein Thema zu Hause.

Bildungssüchtiger Teenager

1984 heißt es wieder Sachen packen, ab nach Frankfurt und drei Jahre später nach Brüssel. In der Frankfurter Zeit befällt ihn die Bildungssucht. Kompensation für mangelnde Coolness während der Pubertät. Den ganzen Literaturkanon verleibt er sich ein, Thomas Mann, Stefan Zweig, Tolstoi, Dostojewski, und kann nachts doch nicht schlafen, weil er von Kleist nur zwei Aufsätze kennt. Die Gesamtausgabe muss her. Marcel Reich Ranicki hat’s imponiert. Dessen Bücher hat er bereits als Zwölfjähriger intus und schreibt ihm gebildete Briefe, wie interessant er doch seine Interpretation der Maria Stuart finde... Er lacht. "Keine Sorge, ich bin nicht mehr besessen." Mit der "Coolness", seiner einnehmend charmanten Art, hat es später auch bestens bei den Frauen geklappt. Der 32-Jährige ist mit einer reizenden, toughen Urheber-Rechtsanwältin verheiratet (ihr, der eigentlichen "Rebellin der Familie" hat er auch den Film gewidmet) und hat zwei kleine Kinder.

Studium in Leningrad und Oxford

Nach dem Abitur (Berufswunsch: Bestsellerautor oder Bundeskanzler) macht er sich auf nach Leningrad, Russisch studieren, um die geliebte Literatur im Original zu goutieren. Die nächste Station: Oxford, wo er Politik, VWL und Philosophie studiert. "Ein Zeitungsleserkombination, danach versteht man alles, außer vielleicht die Wissenschaftsseiten." Eine glückliche Zeit. "Die Professoren, alles Top-Leute, interessieren sich wirklich für dich, während du hier dem System total egal bist." Besonders begeistert hat ihn Oxfords "visuelle Schlüssigkeit, dass man innerhalb einer Ästhetik lebt, wie in einem Film." Ob die Wohnung oder einen Text - schön und durchdachte Gestalten, das liebt er.

Wunsch nach Unterhaltsamkeit kombiniert mit philosophischer Tiefe

Der Wunsch nach Stimmigkeit ist es auch, der ihn als Filmemacher beflügelt: Die Möglichkeit, etwas visuell und dramaturgisch Perfektes, ein eigenes Paradies zu erschaffen. Sir Richard Attenborough, in Oxford damals Professor für Drama, riet dem begabten Geschichtenerzähler Regisseur zu werden. Donnersmarck setzt noch ein Filmstudium an der HFF München obendrauf. Und liest und lernt mit Hingabe alles, was man sich über Filmdramaturgie aneignen kann. Regisseure wie Peter Weir ("Club der toten Dichter") oder Robert Zemeckis ("Forrest Gump") nennt er als Vorbilder; zu seinen Lieblingsfilmen zählt "Und täglich grüßt das Murmeltier" - unterhaltsam und von philosophischer Tiefe. ’Du kannst die Welt nicht verändern, aber du kannst dich verändern - und damit auch die Welt.’ Das stecke da drin. Und spürbar auch in seinem Film.

Hochkarätige Besetzung von "Das Leben der Anderen"

"Das Leben der Anderen" ist hochkarätig besetzt. Die Hauptdarsteller Sebastian Koch, Ulrich Mühe und Ulrich Tukur kommen nicht zufällig von der Grande Dame unter den Schauspielagenten, Erna Baumbauer. Die über 80-Jährige, unbestechlich in ihrem Qualitätsanspruch, ist Florians Schutzpatronin. Als sie das Drehbuch las, weinte sie vor Rührung. Da wusste er: "Jetzt muss ich’s nur noch machen." Sein nächstes Projekt hat bereits ihren Segen. Wir können uns drauf verlassen: Florian Henckel von Donnersmarck macht noch viele, ganz unterschiedliche, bewegende Filme - für uns, fürs Publikum.


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