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Medienkolumne: Sat.1 - ein Sender wird ruiniert

Für viel Geld wurden Oliver Pocher und Johannes B. Kerner als Aushängeschilder zu Sat.1 geholt. Doch die Quoten enttäuschen. Dem hochverschuldeten Sender fehlt jegliche Identität. Mangelnde Führung könnte jetzt auch die anderen Sender des Konzerns mit in die Krise reißen.

Von Bernd Gäbler

Sat.1 kauft Oliver Pocher als programmprägende Persönlichkeit ein, muss schon bald feststellen, dass er kaum in der Lage ist, eine gesamte Show zu tragen. Mit noch mehr Geld, Vorschusslorbeeren und Freiheiten lockt der agile Senderchef Guido Bolten Johannes B. Kerner weg vom ZDF und wundert sich, dass er im Programm von Sat.1 nicht zündet.

Was mögen die Ursachen sein? Es hat mit dem Konzept von Kerners Magazin zu tun, das bisher keine Höhepunkte bot, sondern Allerweltsthemen wie Schnäppchenjagd und Billigtarife bei Kfz-Versicherungen bietet. Es hat aber auch mit dem Programmumfeld zu tun. Beim ZDF konnte Kerner eine Relevanzvermutung ins Bouleverdeske hin ausweiten; bei Sat.1 vermutet keiner Relevanz, Kerner läuft dem vermeintlichen Stammpublikum hinterher.

Was ist Sat1?

Über lange Zeit hinweg hatte Sat.1 den richtigen Riecher für das Nachmittagsprogramm, erfand Telenovelas oder Gerichtsshows, jetzt ist die Marktführerschaft in diesem Programmsegment perdu. Früher gab es immer wieder großartige Fernsehfilme wie "Wambo", "Der Tunnel" oder "Tanz mit dem Teufel" zur Oetker-Entführung, jetzt gibt donnerstags ein paar Schmonzetten. Früher gab es gute Serien wie "Edel & Starck"; jetzt gibt es Billigheimer wie "Lenzen und Partner". Lange ist es her, dass Sat.1 im Polit-Talk durch "Talk im Turm" führend war; jetzt erreichte sogar eine mit Stefan Aust und Sabine Christiansen höchst prominent besetzte "Wahlarena" nur das desaströse Ergebnis von 580.000 Zuschauern. Vor der Bundestagswahl wollte Sat.1 unbedingt zu den "großen Vier" gehören, die das "Kanzler-Duell" ausstrahlten; aber weit mehr Zuschauer schauten sich zeitgleich auf ProSieben die "Simpsons" an. Das von RTL kopierte Show-Format "Yes we can dance" wurde zum Flop; Eierstock-Durchleuchtungen wie in der Reality-Soap "Deutschland wird schwanger" prägen das Image.

Die Perlen am Rand

Natürlich gibt es auch auf Sat.1 noch Kleinode, die Improvisationsshow "Schillerstraße" oder die Kleinoden "Pastewka" oder "Ladykracher". Dies löst aber nicht die Grundfrage, welches Image der Sender ansteuert. Auch der Werbe-Claim "Colour Your Life", der auch eine Farbfilm-Reklame sein könnte, klärt nichts. Und Billigprogramme können andere auch, treffen damit aber eher den Geist der Zeit, als es Sat.1 gelingt.

Mangelnder Mut

Dies hat auch damit zu tun, dass das Top-Management so weit entfernt vom Programm wirkt, wie in den vorherigen Phasen nicht. Egal, wie man ihr Wirken im Detail beurteilen mag, aber die Sat.1-Chefs Roger Schawinski und Martin Hoffmann waren Manager des Programms. Einer der beiden aktuellen Sat.1 -Chefs, der redliche Guido Bolten, der sich einst beim DSF gut geschlagen hat, vermochte zwar mit viel Geld Pocher und Kerner zu überzeugen, aber ob er wirklich die Persönlichkeit hat, einen Sender zu führen, ist damit noch nicht bewiesen. Was einen skeptisch machen darf: Pocher und Kerner weisen übereinstimmend darauf hin, dass sie bei Sat.1 endlich einmal machen dürften, was sie wollen, es werde ihnen weniger als früher bei anderen Sendern hereingeredet. Vielleicht wären etwas mehr Ansprüche des Senders an ihre Protagonisten und mehr redaktionelle Führung doch angeraten?

Thomas Ebeling – kaum dabei und schon zweimal im Fettnapf

Der aktuell oberste Chef der ProSiebenSat.1-Gruppe, Thomas Ebeling, wechselte frisch vom Pharmariesen Novartis in die Medienbranche. Gute Ratgeber hat er offenbar nicht, schon zweimal ist er heftig in den Fettnapf getreten. Zuerst deutete er auf den Münchener Medientagen an, demnächst nicht nur Zusatzdienste, sondern auch bisherige Kernbestandteile des Programms als Bezahlfernsehen anzubieten. Dann trug er seine Einsicht in die Öffentlichkeit, Nachrichten seien zwar für das Image bei Politikern wichtig, aber nicht unbedingt für die Zuschauer. Damit verstieß er nicht nur gegen sämtliche medienpolitischen Auflagen für Vollprogramme, sondern veranschaulichte auch schön, was er unter "Leidenschaft fürs Programm" versteht. Unter inhaltlichen Gesichtspunkten könnte einem sogar das Schicksal des Pseudo-Nachrichtensenders N24 egal sein, stünde dahinter nicht die Idee, dass jeder einzelne Programmbestandteil sich selber refinanzieren müsse und "Zuschussgeschäfte" abgeschafft gehören. Nach dieser betriebswirtschaftlichen Maßgabe kann man aber kein Programm gestalten.

Besorgniserregend ist auch, dass die Führung jedes Identitätsproblem von Sat.1 schlankweg leugnet. Ebeling verweist auf den Oktober-Marktanteil von 11,4 Prozent, spricht schon von der "Umschichtung" der bei den Nachrichten freiwerdenden Gelder, sehr "effizienten Investitionen" und gibt sich überaus zufrieden. Der Sender laufe gut. Eine Aussage, die allenfalls für die bedeutend schärfer profilierten Begleitboote ProSieben und Kabel 1 gelten kann; keineswegs für das dahin dümpelnde "Dickschiff" der Flotte. Wenn dies die tatsächliche Analyse der Führung sein sollte, darf man nur hoffen, dass sie jetzt nicht auch noch ProSieben - mit "Raab", "Galileo" und vielen Ideen; mit dem Schmuckstück "Stromberg" und dem Quotenknüller "Germanys Next Top Model" - mit in den Sat.1-Strudel reißt.