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Hitzige Diskussion: Satire oder nicht? "Charlie Hebdo" zeigt muslimische Studentin als Affen

Der aktuelle Titel des französischen Satiremagazin "Charlie Hebdo" zeigt das Gesicht einer muslimischen Studentenführerin – dargestellt als Affe. Nun ist – mal wieder – eine Debatte darüber entbrannt, was Satire alles darf und was nicht.

Charlie Hebdo-Cover zeigt eine Muslima mit gelbem Kopftuch - dargestellt als Affe

Wo liegen die Grenze von Satire? Wegen des neuen "Charlie Hebdo"-Covers wird darüber jetzt wieder diskutiert

Dass provokant sein muss, ist klar. Das ist ein wesentlicher Bestandteil von Satire. Doch spätestens seit der Diskussion um das von Jan Böhmermann vorgetragene Schmähgedicht auf Recep Tayyip Erdogan ist auch klar, dass Satire offenbar Grenzen hat. Das hat das Hamburger Oberlandesgericht gerade nochmal bestätigt. Teile des Gedichts dürfen nicht mehr vorgetragen werden. Die aktuelle Diskussion ist allerdings in Frankreich entbrannt – und hat nun auch Deutschland erreicht.

Ist "Charlie Hebdo" einen Schritt zu weit gegangen?

Darum geht's: Die französische Satirezeitschrift "Charlie Hebdo", die im Januar 2015 zu trauriger Berühmt gekommen ist, als Al-Qaida-Terroristen zehn Redakteure der Zeitschrift erschossen, hat auf ihrer aktuellen Ausgabe die muslimische Studentenführerin Maryam Pougetoux karikiert. Pougetoux von der renommierten Pariser Sorbonne-Universität trägt Kopftuch und wurde dafür vielfach kritisiert. Zuletzt, weil sie in einer Dokumentation mit Kopftuch zu sehen war. Nun wird sie auf dem "Charlie Hebdo"-Cover als  präsentiert: mit großen und hervorstehenden Schneidezähnen, langer Zunge, dümmlich guckend und dazu auch noch sabbernd.

Und immer dann, wenn es um Religion geht, wird besonders kontrovers diskutiert. Im Raum steht die große Frage: Ist das Gezeigte überhaupt Satire? Ist die "Charlie Hebdo"-Redaktion mit dem aktuellen Cover einen Schritt zu weit gegangen? Und obwohl die Frage nicht neu ist, wird sie auch in der deutschen Öffentlichkeit wieder debattiert.

Die Meinungen gehen weit auseinander

So schreibt beispielsweise Sawsan Chebli, Staatssekretärin für Bürgerschaftliches Engagement und Internationales, auf Twitter: "Satire?". Dazu hat sie eine Kollage aus dem TV-Bild, das der französischen Satirezeitschrift offenbar als Vorlage gedient hat, und der Karikatur gepostet.

Auch Spiegel-Redakteur Christoph Sydow mischt sich in die Debatte ein und zieht einen Vergleich zu dem nach Antisemitismus-Vorwürfen entlassenen SZ-Karikaturisten Dieter Hanitzsch.

Andere Twitter-User verweisen darauf, dass Muslime als Tiere und Nicht-Muslime als Menschen dargestellt werden.

Journalist und Autor Daniel Bax geht noch einen Schritt weiter und bezeichnet das Satireblatt als "rassistisches Drecksblatt".

 

Ex-Chefin des deutschen "Charlie Hebdo" erklärt die Karikatur

stern hat mit Minka Schneider, ehemalige Chefredakteurin des mittlerweile in Deutschland wieder eingestellten "Charlie Hebdo"-Ablegers gesprochen. Die in lebende Schneider verweist darauf, dass zunächst die Debatte, die hinter dem Bild steckt, betrachtet werden müsse. "Die Debatte, um die es hier geht, hat in Frankreich eine besondere Bedeutung. Normalerweise gilt an Schulen und Universitäten das Prinzip der Laizität, also der Trennung von Staat und Kirche. Dies ist traditionell eines der wichtigsten Themen der Zeitschrift. Wenn eine Studentenvertreterin also mit Kopftuch auftritt, ist das Thema für Charlie von Interesse", so Schneider.


"Der Kontext ist entscheidend"

Ist diese Darstellung also legitime Satire? "Ja, weil Pougetoux auf der Zeichnung beklagt, dass die Hochschulkarriere scheiße sei, gerade weil sie die Studenten vertreten müsse und dies als Folge der Polemik, die es nach dem Auftritt mit dem Kopftuch gab. Eine Polemik, die nicht "Charlie Hebdo" selbst erzeugt hatte, sondern die bereits vor dieser Karikatur existierte und durch die Pougetoux einem enormen Shit-Storm ausgesetzt war. Diese Dimension der Selbstironie kann man nur verstehen, wenn man den ganzen Verlauf der Polemik beachtet", sagt Schneider zu der hitzigen Diskussion und ergänzt: "Aus dem Kontext herausgenommen, ohne die Übersetzung des Textes und dem Verständnis der Bedeutung kann ich die Empörung nachvollziehen."