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Nachruf auf Joe Cocker: Das Genie mit dem Handwerkerblick

Keine Künstlichkeit, alles authentisch: Joe Cocker war ein echter Rockstar. Seine Lieder haben ihn unsterblich gemacht. Den Durchbruch schaffte er allerdings mit einem fremden Song.

Von Jochen Siemens

Wer in seinem eigenen Haus schon mal Handwerker hatte, Klempner oder Maler oder sowas, und auf das schief verlegte Rohr oder die schlecht verputzte Wand zeigte, kennt diesen Blick: mürrisch, skeptisch und in den Mund- und Augenwinkeln eine Spur amüsiert über die Taugenichtse, die das wieder angerichtet hatten. Dieser Handwerkerblick.

Joe Cocker blickte immer so, noch bis in sein nicht so wirklich hohes Alter, und der Blick verriet, wer er war und wo er herkam. Handwerker, Gasleitungsverleger aus dem graunassen, englischen Sheffield. Handwerker wie der Leitungsleger Cocker kennen nur anderthalb Gesichtsausdrücke, Ausgelassenheit oder Euphorie gehören nicht dazu.

Schaut man sich in diesen Tagen noch einmal Bilder von Joe Cocker an, kann man die, auf denen er lacht, also wirklich lacht, an einer halben Hand abzählen. Und die, auf denen er wenigstens etwas schmunzelt, sind die Cover seiner Platten, und man stellt sich vor, wie ein Fotograf ihn zum "cheese" überreden musste.

Rock-Sänger mit einer Abwesenheit von Künstlichkeit

Nein, Joe Cocker gehörte in der Musik nicht zum Personal der Ausgeflippten, Pop-Hysterischen oder mit sich selbst Spielenden. Der ständig inszenierte Identitätswechsel eines David Bowie war ihm genauso fremd wie die karnevaleske Verkleidungsmanie eines frühen Elton John oder die slackerhafte Faulheit des jungen Rod Stewart.

Man könnte auch sagen, alles, was den Pop ausmachte, war nicht seines, er war ein Rock-Sänger mit einer konsequenten Abwesenheit von Künstlichkeit. Und das machte ihn aus, das war seine Qualität und seine Alleinstellung, so alleine wie er nur mit sich selbst auf der Bühne stand und seine Lieder nicht sang, sondern mit rudernden und zappelnden Armen herausquälte, weil sie herausmussten.

Das mit den Armen habe er sich Ray Charles abgeguckt, sagte Cocker einmal. Virtuos oder verspielt war das nicht, im Gegenteil, es war verstörend echt, so wie es eben nur die Maurer oder Klempner können, die nach Feierabend mit Kumpels in einem Keller Musik machen wie sie handwerken.

Krächzend, röchelnd, wie ein flehendes Gebet

Und genauso fing er auch an, der junge Joe Cocker, geboren in Sheffield im letzten Kriegsjahr 1944, ein Jahr jünger als Mick Jagger oder Keith Richards. Noch während seiner Lehre zum Installateur gründete er eine Band, nannte sich Vance Arnold und trat in den verrauchten Clubs von Sheffield auf. Eigene Songs schrieb damals kaum jemand, man spielte die Musik nach, die man von den Platten kannte, die amerikanische Soldaten aus der Heimat mitbrachten.

Blues und Soul, Hauptsache schwarz, einer wie Elvis war schon verdächtig. Cocker schaffte es sogar mit seiner Band im Vorprogramm der damals sehr heiß werdenden Rolling Stones zu spielen, aber während Jagger & Co im Extrovertierten davoneilten, blieb Cocker immer der etwas grübelnde introvertierte nicht tanzende Mann, der fremde Lieder so sang, als habe er sie geboren. Zum Rock'n'Roll fehlte ihm das Roll, was eine Qualität bleiben sollte, aber später auch ein Gefängnis.

1968 dann seine Durchbruch mit einem fremden Lied, "With a little help from my friends" von den Beatles. Was Cocker daraus machte war sagenhaft, er dekonstruierte die Beatles-Version komplett und setzte sie krächzend, röchelnd und wie ein flehendes Gebet wieder zusammen. Man kann sagen, dass "With a little help from my friends" von Lennon/McCartney wie ein Fruchtdrops geschrieben war, von Joe Cocker aber erst beseelt wurde.

Er trat damit als fast unbekannter Brite 1969 beim legendären Woodstock-Festival auf und lieferte keinen Auftritt, sondern im Kunstsinne eine Performance ab, von der mache behaupten, seine damals zittrigen Arme wären die Geburt des Luftgitarrenspiels gewesen.

Ohne jegliche Erinnerung an die 70er

Von da ab war er da. In der Rock-Welt. Platten und die große Tournee, Joe Cocker, der mit der Reibeisen-, rostigen Nagel- oder Geröll-Stimme, der einzig Echte oder der noch "handgemachte" Musik spielte, wie ihn Thomas Gottschalk später immer wieder bei "Wetten dass..?" vorstellte.

Ja, er war da, "Mad dogs and Englishmen" nannte der den Band-Zirkus, mit dem er auftrat, die Konzerte waren ausverkauft, aber Cocker war auch schon wieder weg. Das Online-Lexikon Wikipedia formuliert es zurückhaltend so: "Anfang der 1970er Jahre bekam Cocker Probleme mit verschiedenen Suchtmitteln, was sich negativ auf die Qualität und den Verkauf seiner Musik auswirkte." Verschiedene Suchtmittel ist gut, Cocker ließ sich bis zum Rand des Kopfes volllaufen, kiffte und schluckte, was so da war.

Konzerte einer Tournee mussten abgesagt werden, Cocker selbst landete ein paar Tage im Knast und meinte einmal, dass er sich an fast nichts der 70er Jahre erinnern könnte, er sei einfach zu voll und zu gewesen. Später sagte er dem stern: "Ich habe über vierzig Jahre lang getrunken, ein Wunder, dass ich überhaupt aufhören konnte."

Tief- oder Höhepunkt mit "Sail away"

Die Cocker-70er also abgehakt, Neu-start in den 80ern mit Alkoholentzug, innerer Reinigung und zwei Songs, die später auch zu seinen Gassenhauern werden sollten, die von vielen geliebt, von anderen aber auch gehasst werden: "Up where we belong" und "Unchain My Heart". Man muss nur den Titel sagen und hat es im Ohr.

Es waren Songs von Joe Cocker, aber keine Cocker-Songs. Keine Dekonstruktion mehr, kein offenes Herz und keine Neumontage. Es waren, um mit dem Handwerker zu sprechen, Fertighäuser. Aber verdammt erfolgreiche, Soundtracks eben, die zu vielen Szenen des Lebens passten, genauso wie das spätere "You can leave your hat on" zum Film "9 ½ Wochen". Folgerichtig wurde daraus ein Strip- und Tabledance-Hit.

Tief- oder Höhepunkt, wie man will, kam dann aber noch mit einem Song der nur eine Zeile hatte und die maritime Werbung von Beck's-Bier begleitete: "Sail away", kennt auch jeder bis heute. Cocker selbst sagte einmal, dass er Beck's Bier nicht mehr sehen könne, weil sein Körper früher damit randvoll war, dass ihm das Honorar für "Sail away" aber auch seine Ranch in Colorado finanziert habe. Die, auf der am Montag an den Folgen von Lungenkrebs verstarb.

"Ach, der gute alte Cocker"

Was bleibt? Sicher die Stimme. Sie wird noch in zehn Jahren aus dem Radio kommen, "Unchain my heart" und so. Und Moderatoren werden sagen, "ach, der gute alte Cocker" und "Gänsehaut" und so. Und man wird immer an ihn denken, wenn der nächste Klempner in der Wohnung steht. Notdienst am Sonntag, mürrischer Blick auf das Rohr, der "das muss weg" sagen wird. Ehrlich eben.