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"Babylon"-Schau in Berlin: Stadt der Sünde und der Lust

Sie gilt heute noch als Hort von Gewalt und Dekadenz, von Machthunger und Ausschweifung: die antike Metropole Babylon an den Ufern des Euphrat. Mit Aufstieg und Fall Babylons und dem Mythos "Babel" beschäftigt sich jetzt eine grandiose Ausstellung im Berliner Pergamonmuseum.

Von Almut F. Kaspar

Die Geschichten aus Tausendundeiner Nacht sind Peanuts gegen den sagenumwobenen Mythos, der sich seit Jahrtausenden um die versunkene Stadt am Euphrat dreht. Babylon - Metropole der Sünde und der Tyrannei, Tatort des Terrors und der Gewalt, Schauplatz von Unfreiheit und Unterdrückung, Metapher für Hybris und Wahn. Diese dunkle Seite der Zivilisation rührte schon immer an menschliche Urängste. Wer war nicht unterschwellig an den Turm zu Babel erinnert, als am 11. September 2001 die Türme des New Yorker World Trade Centers in schwarz-weißen Rauchschwaden vor den Augen der Weltgemeinschaft einstürzten?

Mit dem Motiv der gewaltsamen Zerstörung Babylons, wie sie in der Apokalypse des frühchristlichen Propheten Johannes beschrieben wird, spielten Künstler immer wieder auf neuzeitliche Katastrophen und vernichtende Gräueltaten an. In der Offenbarung des Johannes heißt es: "Danach sah ich einen andern Engel hernieder fahren vom Himmel, der hatte große Macht, und die Erde wurde erleuchtet von seinem Glanz. Und er rief mit mächtiger Stimme: Sie ist gefallen, sie ist gefallen, Babylon, die Große, und ist eine Behausung der Teufel geworden und ein Gefängnis aller unreinen Geister und ein Gefängnis aller unreinen Vögel und ein Gefängnis aller unreinen und verhassten Tiere. Denn von dem Zorneswein ihrer Hurerei haben alle Völker getrunken, und die Könige auf Erden haben mit ihr Hurerei getrieben, und die Kaufleute auf Erden sind reich geworden von ihrer großen Üppigkeit."

Zur Ikone von Lust und Ausschweifung ist dabei Semiramis geworden, jene sagenhafte Gründerin der Stadt Babylon, die als Männer verschlingende femme fatale und mächtige Kriegerin später Kultur-Karriere machte - in Dante Alighieris "Göttlicher Komödie" etwa oder im Roman "Afrikas Semiramis" des österreichischen Autors Leopold von Sacher-Masoch, der sie als wollüstige Exotin darstellte.

Mythos und Wahrheit

"Babylon. Mythos und Wahrheit" ist der Titel einer großen Ausstellung, die jetzt im Berliner Pergamonmuseum gezeigt wird. Die Schau, bestückt aus den Beständen der Staatlichen Museen zu Berlin, des Musée du Louvre und der Réunion des musées nationaux (Paris) sowie des Londoner British Museum, will den Mythos Babel erschließen und gleichzeitig die Wahrheit um das antike Babylon dokumentieren. Zwei Welten also in einer imponierenden Präsentation, die zu den Highlights dieses Kulturjahres gehört.

Babylon, die Stadt der Städte in der Antike, lag am Euphrat, rund 90 Kilometer südlich vom heutigen Bagdad. Dass sie mehr war als nur ein Sündenpfuhl mit zweifelhaftem Ruhm, ist belegt. Babylon war wirtschaftlich und kulturell äußerst erfolgreich und galt nicht umsonst als die erste Welt-Metropole überhaupt. Wenn heute das pulsierende Leben in Großstädten wie Paris, Mumbai, London, Peking oder New York beschrieben wird, mit ihren Bewohnern aus zahlreichen Nationen, bemüht man gern babylonische Verhältnisse. Nach Ansicht des antiken griechischen Historikers Herodot war Babylon "gewaltig und prächtig gebaut wie meines Wissens keine andere Stadt der Welt". Ein riesiger Festungsgürtel, angeblich 86 Kilometer lang und mit 100 Toren, soll die frühe Metropole umschlossen haben. Doch der deutsche Archäologe Robert Koldewey, unter dessen Aufsicht Babylon zwischen 1899 und 1917 ausgegraben und erforscht wurde, hielt Herodots Angaben für etwas übertrieben - 18 Kilometer, immer noch gewaltig, soll die Mauer um die Stadt auf beiden Seiten des Euphrat gemessen haben. Eine Prozessionsstraße führte quer durch Babylon, am Palast des Königs vorbei zum Marduk-Tempel und dem Zikkurat von Etemenanki, bekannt als Turm zu Babel.

Blütezeit unter Nebukadnezar

Architektonisch hatte Babylon unter der Herrschaft des Königs Nebukadnezar (608 bis 562 vor Christus) einiges zu bieten. Nebukadnezar baute die Stadt während seiner Herrschaft zum Zentrum seines Reiches Babylonien aus. Eine eindruckvolle Metropole der vorrömischen Antike mit prächtigen Repräsentationsbauten wie dem berühmten Ischtar-Tor mit seinen farbig glasierten Ziegeln, dem alten Königspalast mit seinem 900 Quadratmeter große Thronsaal oder den "hängenden" Terrassengärten, die Nebukadnezar, der Legende nach, für seine Frau Amyitis errichtet haben soll. Vor allem aber am legendären Turm zu Babel war weiter gebaut worden. 92 Meter hoch, war der Koloss in der mesopotamischen Ebene über 30 Kilometer weit zu sehen. Gekrönt wurde das Bauwerk von einem zweistufigen Hochtempel für den babylonischen Götterkönig Marduk.

Die Gründung des neubabylonischen Reiches muss eine unvorstellbare Leistung gewesen sein. König Nebukadnezar baute seine Machtstellung durch die Eroberungskriege von 587 vor Christus aus, in denen er sich auch Jerusalem untertan machte und 50.000 Juden aus der Oberschicht ins Exil verschleppte. Und doch: Mit der "Babylonischen Gefangenschaft" begann die spätere Entwicklung des Judentums zu einer religiösen Gemeinschaft. König Nebukadnezar, dieser grausam-geniale Tyrann, hatte Babylon zum Schauplatz einer ganzen Epoche gemacht. Unter seiner Herrschaft erstreckte sich Babylonien von den Grenzen Ägyptens über Palästina, dem Libanon, Syrien und dem Irak bis zum Persischen Golf - gigantische Ausmaße mit dem alles beherrschenden Zentrum Babylon, in dem er, Nebukadnezar, unangefochten regierte.

Vorbild größenwahnsinniger Diktatoren

Unvorstellbares Leid, Tyrannei und Elend soll er über die Menschheit gebracht haben. Er war es auch, der den verschleppten Propheten Daniel in die Löwengrube geworfen und die drei Freunde Daniels in den Feuerofen gesteckt haben soll. Nach der Überlieferung bekam er für seine Missetaten, genauso wie sein Vorgänger Nimrod, Gottes Zorn zu spüren: "Sein Haar wuchs wie Adlerfedern und seine Nägel wie Vogelklauen."

Nebukadnezar wurde zum großen Vorbild zweifelhafter Gestalten unserer jüngeren Geschichte, des größenwahnsinnigen Adolf Hitler zum Beispiel oder des irakischen Despoten Saddam Hussein, der zu seinen Lebzeiten ehrgeizige Pläne entwickelte und teilweise umsetzte, um das untergegangene Babylon 1:1 wieder auferstehen zu lassen. Unter dem geduldigen Erdboden lagern immer noch Schätze des alten Mesopotamien, die eine unermessliche kulturell-historische Bedeutung haben. Selbst die Amerikaner sahen sich im Irak-Krieg 2003 genötigt, das ehemalige Mesopotamien zu kartografieren, damit ihre lasergelenkten Bomben nicht die antiken Siedlungsreste oder Tempelanlagen gänzlich in Schutt und Asche legten.

Die babylonische Sprachverwirrung - eine Strafe Gottes

Über 800 Objekte werden in der Berliner Ausstellung gezeigt, darunter zahlreiche Statuen, Reliefs, Architekturteile, Rekonstruktionen und Schriftzeugnisse. Absolute Preziosen sind sicherlich das berühmte Ischtar-Tor und die Prozessionstraße, die zu den sieben Weltwundern der Antike gehören. Auch die andere, die dunkle Seite Babylons wird dem historisch interessierten Besucher präsentiert. In Zeugnissen um den sagenumwobenen Turm zu Babel etwa, der Synonym für eine Kolossalarchitektur wurde, die mit Hochmut und Größenwahn Gott herausforderte - eine Kathedrale des Bösen. Bestraft mit babylonischer Sprachverwirrung - "Wohlauf, lasst uns hernieder fahren und dort ihre Sprache verwirren, dass keiner des anderen Sprache verstehe!" (Mose) - und mit Vernichtung.

So ist Babylon zu einem Sinnbild geworden für die Sucht nach triumphaler Herrschaft über ein Weltreich, für Tyrannei und Unterdrückung - und die Strafe dafür: die absolute Niederlage in der Apokalypse. Wie sagte doch der ehemalige US-Außenminister Henry Kissinger: "Dass moderne Generationen nicht mehr erkennen, wie sich gegenwärtige Ereignisse in den Fluss der Geschichte einfügen - die Leute erkennen einfach nicht mehr den übergeordneten Zusammenhang".

Die Ausstellung:
"Babylon. Mythos und Wahrheit".
26. Juni bis 5. Oktober 2008.
Pergamonmuseum auf der Museumsinsel Berlin
Am Kupfergraben 5, 10117 Berlin.
Internet: www.smb.museum/babylon

Die Kataloge:


"Babylon Mythos", 280 Seiten. Hirmer Verlag. 19,90 Euro.
"Babylon Wahrheit", 648 Seiten. Hirmer Verlag. 29,90 Euro.
Beide Bücher im Set: 39,90 Euro (Museumsausgabe).