HOME
stern-Reportage

Syrien: Rebellen in Raqqa - Das Leben nach dem Sterben

Haus um Haus erobern Rebellen Raqqa, die Hochburg des "Islamischen Staats". In den Ruinen treffen sie auf Familien, in deren Geschichte sich das ganze Leid Syriens spiegelt. Wie die von Abu Ahmed.

Von Raphael Geiger

Krieg in Syrien: Ein Blick in die IS-Hauptstadt: Leeres Rakka

Raqqa war geisterhaft leer in dieser Nacht, die auch sie zu Flüchtlingen macht, das Leben hatte die Stadt verlassen, hier lärmte nur noch der Krieg.

Abu Ahmed schrie an gegen die einschlagenden Granaten und Bomben, das Summen der Drohnen und die Kugeln der Scharfschützen, er schrie hinaus aus dem Fenster seines Hauses, irgendwo zwischen den Fronten, zwischen IS und Kurden, zwischen Wahnsinn und Befreiung. "Wir sind hier!", rief Abu Ahmed. "Nicht schießen!"

So erzählt er es, gerade einmal zwei Stunden sind vergangen. Noch immer ist Nacht, doch hier in einem verlassenen Wohnhaus am Rand Raqqas, einem Quartier der kurdischen Kämpfer, ist er sicher, einigermaßen zumindest. Auch hierher lässt der IS noch die Drohnen fliegen mit ihren Sprengsätzen und manchmal unterbrechen Granaten das Gespräch. Abu Ahmed ist ein leiser Mann, der alles gesehen hat, den nichts mehr erschrecken kann. Und der jetzt, mit 66, seine Stunde null erlebt.

Rebellen in Raqqa: Das Leben nach dem Sterben

Neben sich die Waffe, vor sich Trümmer: Kurdische Rebellen durchfahren das Gebiet östlich von Raqqa

Projektile flogen über ihr Haus hinweg, alle paar Minuten bebte die Erde

Er war zurückgeblieben mit seiner Frau und einem seiner Söhne, sie waren die Letzten in ihrem Viertel. Als sich der IS in die Hochhäuser ein paar Straßen weiter zurückzog, verriegelte Abu Ahmed die Tür. Sie kauerten unter der Treppe, dann warteten sie, stundenlang, tagelang.

Aßen alte Brotreste und tranken Flusswasser aus dem Euphrat, sie hatten sich vorbereitet. Da saßen sie und hörten dem Krieg zu. Stellten sich vor, was gerade geschah mit ihrer Straße, ihrem Viertel, ihrer Stadt. Die Projektile flogen über ihr Haus hinweg, alle paar Minuten bebte die Erde, immer dann, wenn eine amerikanische Rakete ein Haus in der Nähe traf. Sie waren gefangen im Krieg.

Abu Ahmed ist jemand, der ruhig wird, wenn um ihn herum alle aufgeregt sind. Er ist nicht frommer geworden über die Jahre wie so viele andere, er hat sich herausgehalten, wenn gestritten wurde. Er hat gesehen, wie Tote in der Innenstadt an Kreuzen hingen, er hat in Abgründe geblickt. Hier in Raqqa, seiner Stadt, die der IS zu seiner Kommandozentrale aufgebaut hatte. Abu Ahmed wollte einfach überleben.

Nur noch Schutt und Beton: Ein Mädchen läuft über die Reste eines Wohnhauses, das bei einem Luftangriff zerstört wurde

Nur noch Schutt und Beton: Ein Mädchen läuft über die Reste eines Wohnhauses, das bei einem Luftangriff zerstört wurde

In dieser Nacht musste er weg, das konnte er spüren, der Beschuss kam zu nah. Er wusste auch, dass die Befreier eher zu viel als zu wenig bombardieren. Er ahnte, dass viele Zivilisten gestorben sein mussten. Die Zahl kennt er nicht, es sollen mindestens 300 sein seit Beginn der Offensive auf Raqqa, und noch ist die Front nicht mal im Zentrum angekommen.

"Helft uns!", schrie Abu Ahmed, winkte aus dem Fenster, seine Frau und den Sohn neben sich, und als die Kurden ihnen das Signal gaben, liefen sie los. Nur in der Nacht konnten sie fliehen, tagsüber wäre es wegen der Scharfschützen zu gefährlich. Aber auch in der Dunkelheit liefen sie, als sie eine Straße überquerten, die im Schussfeld liegt. Ihre Flucht war nicht weit, nach kaum hundert Metern erreichten sie die erste Stellung der kurdisch-geführten Allianz, der Befreier.

Vielleicht wird ihr Haus schon Stunden später bombardiert

Jetzt haben sie nichts mehr bei sich, keine Tasche, keine Ersatzkleidung, kein Portemonnaie, kein Handy. Vielleicht wird ihr Haus schon Stunden später bombardiert, dieses Haus, in dem sie seit einem halben Jahrhundert leben, sie wissen es nicht, sie haben sich nicht noch einmal umgesehen.

"Aber wir sind aus dem Gefängnis freigekommen", sagt Abu Ahmed. "Wir haben alles aufgegeben, damit wir überleben."

Raus hier, bloß weg.

Aufs Land, hofft er, wo die meisten seiner Kinder bei Verwandten untergekommen sind. Wenn sie noch leben, sie haben seit Wochen nichts mehr voneinander gehört. Abu Ahmed ist der Vater einer großen syrischen Familie, sieben Söhne, eine Tochter, und alle haben eine eigene Kriegsgeschichte.

Einen Sohn hatte der IS eingesperrt und gefoltert, danach gelang ihm die Flucht in die Türkei.

Kämpfer der demokratischen Kräfte Syriens (SDF) auf einem Laster vor der Front. Die von kurdischen Verbänden geführte Rebellenallianz soll Raqqa erobern

Kämpfer der demokratischen Kräfte Syriens (SDF) auf einem Laster vor der Front. Die von kurdischen Verbänden geführte Rebellenallianz soll Raqqa erobern

Einen anderen hatte das Assad-Regime als Soldaten eingezogen.

Zwei Onkel starben, als das Regime, wie so oft, Fassbomben auf die Wohnviertel von Raqqa warf.

Und wo der Neffe ist, der mit 14 zum IS ging, weiß Abu Ahmed nicht. Es heißt, er habe aussteigen wollen und danach für den IS Gräber ausheben müssen.

Der Krieg hat sich eingegraben in die Familie, er hat sie verstört, getrennt, hat Verwandte getötet und die Überlebenden zu anderen Menschen gemacht. Und was mit ihnen geschah, passierte mit ihrem Land. Die syrische Katastrophe spiegelt sich in ihrer Geschichte, in dieser Familie. Sie sind gefangen im Krieg, sie sind es seit sechs Jahren.

Die Kämpfe haben ganze Straßenzüge ausgelöscht. Die Straßen sind leer, kein Mensch mehr, nirgendwo

Flüchtlinge sind sie, wie insgesamt knapp zwölf Millionen Syrer, die in einem der Kriegsjahre ihr Zuhause verließen und nun irgendwo ausharren, in einer schwäbischen Kleinstadt, einem Vorort von Istanbul oder, wie die meisten, noch immer in Syrien. Man sieht sie überall, wenn man in der Nähe von Raqqa übers Land fährt. Da stehen oft einige Zelte neben der Landstraße, mit ein paar Familien, die schon lange unterwegs, die immer wieder weitergezogen sind, weil eine neue Front sie vertrieben hat; irgendwie kommen sie durch, irgendwie schaffen sie es, auch jetzt in der Hitze mit über 45 Grad. Sie bleiben dort, wo gerade Platz ist und Frieden.

Eine kurdische Einheit bringt Abu Ahmed aus der Stadt, er sitzt im Geländewagen eines Kommandeurs, neben ihm seine Frau Um Ahmed, 61, seit vier Jahrzehnten verheiratet. Sie ist überwältigt, will ständig etwas sagen, einen umarmen, aber dann lächelt sie nur. Und legt ihre Hand auf den Oberschenkel ihres Sohns, Ibrahim, dessen Wangen eingefallen sind und die Augen glasig. Er ist 33 und sieht alt aus.

Ein getöteter Kämpfer. Sein Sarg ist in den Farben der Rebellen gestaltet

Ein getöteter Kämpfer. Sein Sarg ist in den Farben der Rebellen gestaltet

Es ist der Morgen nach ihrer Flucht, das erste Mal seit Jahren verlassen sie Raqqa. Aus dem Auto sieht Abu Ahmed, was er die Tage zuvor nur gehört hat: Die Kämpfe haben ganze Straßenzüge ausgelöscht. Die Straßen sind leer, kein Mensch mehr, nirgendwo. Es riecht nach nichts mehr in Raqqa außer nach Benzin und Staub, und man hört nichts außer den Motoren der Wagen, den amerikanischen Kampfjets, den wiederholten Schüssen und den Einschlägen der Artillerie. Es ist, als hätten die Menschen ihre Stadt aufgegeben für die Zeit des Krieges oder für vielleicht viel länger.

Sie kämpfen nachts, meistens zu Fuß, ohne Helme und schusssichere Westen

Sie kommen an den sterblichen Überresten eines IS-Kämpfers vorbei, nur noch Knochen und Gewebe in seiner Dschalabija, dem arabischen Gewand. Danach passieren sie eines der beiden Lazarette, das es für Kämpfer und Zivilisten in Raqqa gibt: eine verlassene Werkstatt, offen zur Straße hin, ein Arzt, eine Liege. Man sieht, wie der Arzt gerade eine Schusswunde versorgt. Die nächste Klinik liegt in Kobani an der türkischen Grenze, drei Stunden entfernt.

Die Kämpfer gehören zu den SDF, den demokratischen Kräften Syriens, eine Allianz aus Kurden und einigen Arabern, die mit amerikanischer Hilfe den IS in Raqqa umzingelt hat. Vor allem Kurden befreien jetzt die mehrheitlich arabische Stadt. Sie kämpfen nachts, meistens zu Fuß, ohne Helme und schusssichere Westen. Viele von ihnen sterben durch Minen, die der IS zurückgelassen hat.

Sie sind dem Grauen entronnen; was aus ihrem Haus und ihrer Heimat wurde, wissen sie nicht: Abu Ahmed mit seiner Frau, seinen Söhnen Tariq (links) und Ibrahim (rechts), drei weiteren Kindern und einem Enkel

Sie sind dem Grauen entronnen; was aus ihrem Haus und ihrer Heimat wurde, wissen sie nicht: Abu Ahmed mit seiner Frau, seinen Söhnen Tariq (links) und Ibrahim (rechts), drei weiteren Kindern und einem Enkel

In der Gegend um Raqqa müssen sie Umwege fahren, weil die Löcher in den Straßen zu groß oder Brücken zerstört sind. Jeden Morgen sucht eine Patrouille die Strecke nach Minen ab, die Islamisten in der Nacht versteckt haben könnten. Der IS ist hier lange vertrieben, aber überall hat er Schläferzellen hinterlassen.

Abu Ahmed will nach Kalta, dem Dorf eines Schwagers, wo er seine Kinder vermutet. Auch dort sind Häuser zu Schutt geworden, Fassaden durchsiebt, kein Wasser fließt mehr durch die Kanäle, die Erde ist vertrocknet. Wenn die Front weiterzog, hinterließ sie ein kaputtes Land. In Kalta gibt es Strom nur aus Generatoren, die nach einer Stunde meistens wieder ausfallen, und Benzin fast nur auf dem Schwarzmarkt; die Verkäufer schöpfen es mit einer Gießkanne aus dem Kanister. Kioske sind offen, sie verkaufen Pepsi, Schokoriegel, aber das syrische Pfund ist nur noch ein Zehntel so viel wert, wie vor dem Krieg, so haben sich auch die Preise vervielfacht.

Und wer verdient hier noch Geld?

Tränen stehen in den Augen der Mutter, als sie ins Dorf einbiegen, und Abu Ahmed schluchzt. Die Kinder stürmen auf sie zu. Sie haben es geschafft. Der Krieg hat sie nicht bekommen. "Ihr lebt!", schreit einer der Söhne, er drückt sich an seine Mutter.

Krieg in Syrien: Ein Blick in die IS-Hauptstadt: Leeres Rakka

Einmal vergessen, dass es sonst an allem fehlt

Es ist Tariq, 30, der mittlere Sohn. Er ist gerade erst zurückgekommen aus der Türkei. Seine Eltern, dachte er, wären tot.

Gäste kommen, stundenlang sitzen sie auf dem Boden und reden, essen sich satt mit Hackfleisch und Falafel, der ganze Boden ist bedeckt mit Schalen, sie feiern. Einmal vergessen, dass es sonst an allem fehlt.

Ibrahim sitzt neben Tariq, der nur zwei Jahre jünger ist, der gesund wirkt und stark, Ibrahims Gesicht ist ausgezehrt, hager. Man muss nur die beiden Brüder nebeneinander sehen, und man versteht, was der Krieg aus Menschen macht.

Dann will Tariq erzählen, von seiner Familie. Und von seiner Revolution. Die Geschichte handelt von Menschen aus einer syrischen Großstadt, die der Krieg in ein vergangenes Jahrhundert zurückzwang. Die sich nicht vorstellen konnten, dass es auf einmal vorbei sein würde mit den Picknicks am Euphrat, den langen Sommerabenden auf dem Dach, versammelt um eine Wasserpfeife, den Ausflügen nach Aleppo in Abu Ahmeds Mercedes von 1974.

Der Blick durch ein zerstörtes Haus auf die Altstadt von Raqqa. In der Ferne steigt Rauch von einem Bombenangriff auf

Der Blick durch ein zerstörtes Haus auf die Altstadt von Raqqa. In der Ferne steigt Rauch von einem Bombenangriff auf

Sie feierten Abu Ahmeds 60. Geburtstag in dem Jahr, als die Demonstrationen begannen, es gehörte ihnen eine kleine Ziegelfabrik, sie waren nicht arm, ihre Kinder konnten studieren.

Tariq, eingeschrieben in Geschichte, war fasziniert von der Idee einer anderen Gesellschaft, einer, in der die Menschen ihre Regierung wählen können und nicht danach sortiert werden, ob sie Sunniten oder Alawiten oder Christen sind.

Er ging auf die Straße, wie alle seine Freunde. Er hoffte, sie könnten den Diktator Assad stürzen wie die Ägypter Mubarak, es klingt naiv, heute. Als das Regime die Demonstranten angriff, traf ihn ein Schrapnell am Hals. Tariq kam ins Krankenhaus, und am Abend standen seine Eltern am Bett und erzählten ihm: Assad hatte sich zurückgezogen. Raqqa war die erste Provinzhauptstadt, in der die Revolution gesiegt hatte. Es ging so einfach, damals.

2014 vertrieb der IS die liberale Opposition aus Raqqa

Tariqs Wunde heilte, doch ans Studieren mochte er nicht mehr denken. Er fand einen Job bei einer saudischen Hilfsorganisation, verteilte Klinikutensilien und Schulhefte. Die Freie Syrische Armee (FSA) regierte die Stadt, "Hotel der Revolution" hieß sie auch, weil so viele Syrer aus anderen Städten hierher geflüchtet waren. Raqqa war Hoffnung, damals.

Über die Monate bemerkte Tariq, wie die Islamisten immer stärker wurden. Anfang 2014 dann vertrieb der IS die liberale Opposition aus der Stadt. Die Islamisten errichteten eine Gewaltherrschaft, und ihre Methoden glichen denen des Regimes. Am meisten hassten sie Aktivisten wie Tariq, die das Regime vertrieben hatten. Der IS und Assad hatten dieselben Feinde.

An einem Morgen kam eine Gruppe von vermummten IS-Leuten in Tariqs Büro, sie packten ihn und brachten ihn in ein Gefängnis. Zwei Wochen lang hielten sie ihn fest, beim Verhör banden sie ihm die Arme zusammen und hängten ihn an die Decke.

Besucher in dem Dorf Ain Issa, dem Sitz der provisorischen Übergangsverwaltung von Raqqa. Nach der vollständigen Befreiung der Stadt sollen von hier aus Wahlen und der Wiederaufbau organisiert werden

Besucher in dem Dorf Ain Issa, dem Sitz der provisorischen Übergangsverwaltung von Raqqa. Nach der vollständigen Befreiung der Stadt sollen von hier aus Wahlen und der Wiederaufbau organisiert werden

Tariq kam frei, aber er wusste, dass er nicht mehr sicher war. Er ließ sich in die Türkei schmuggeln, nach Urfa. Dort war er in Sicherheit. Und er hatte verloren.

Die Revolution hatte verloren.

Und aus dem Aufstand wurde die Tragödie von heute, ein geopolitisches Spiel, ausgetragen von Dutzenden Armeen und Milizen. Ein Inferno, das das Schlimmste in den Menschen hervorbrachte, unvorstellbare Brutalität, und das lange noch nicht vorbei ist.

Heute, an dem Tag, als sich die Eltern und ihre Kinder wiederfinden, muss Tariq wieder nach Norden, bis kurz vor die türkische Grenze, wo es Mobilfunknetz gibt. Die Umgebung von Raqqa ist ein großes Funkloch. Er will sich bei seinem Bruder Asaad melden und ihm von der Rückkehr der Eltern erzählen, von ihrem Überleben.

Ein Schuss traf ihn, während er fuhr. Zentimeter trennten ihn vom Tod

Asaad ist Soldat in der Armee des Regimes, Soldat von Baschar Al-Assad, gegen seinen Willen. Die Mutter erzählt von ihrem letzten Telefonat, beide brachten kein Wort heraus, irgendwann legten sie auf, was sollten sie sich auch sagen?

Gerade in den ersten Tagen der Revolution war Asaad zum Militärdienst eingezogen worden, als Wehrpflichtiger. Sie behielten ihn in der Nähe von Damaskus, im 121. Artillerieregiment.

Einmal wollte er fliehen, zurück zu seiner Familie, auch wenn dort, in Raqqa, der IS herrschte. An einem Checkpoint hielt der Bus, Regimeleute stiegen ein, überprüften die Passagiere. Asaad wurde nervös, er konnte nicht erklären, warum er Damaskus verlassen hatte.

Wiedersehen nach der Flucht: Um Ahmed wird von einem ihrer Söhne in den Arm genommen, als sie das Dorf erreicht, das der Familie Sicherheit verspricht

Wiedersehen nach der Flucht: Um Ahmed wird von einem ihrer Söhne in den Arm genommen, als sie das Dorf erreicht, das der Familie Sicherheit verspricht

Sie nahmen ihn mit, fanden seine Identität heraus, bestraften ihn mit Arrest. Später schickten sie ihn an die Front in Palmyra, seine Eltern hat er seitdem nie wieder gesehen.

Heute sitzt die Familie zusammen, sie haben sich wieder, aber einer fehlt. Und niemand weiß, ob Asaad jemals zurückkehren wird. Sein Platz bleibt frei. Sie erzählen sich ihre Geschichten an diesem Nachmittag, wie sie überlebt haben oder wie es einmal knapp war. Der Schwager, dem das Haus gehört, verlor sein rechtes Auge, als er mit dem Auto der Front zu nah kam. Ein Schuss traf ihn, während er fuhr. Zentimeter trennten ihn vom Tod.

Ein kurdisch-arabisches Gremium soll Raqqa regieren

Die beiden Onkel, Abu Ahmed erinnert an sie, der eine war Mechaniker, ihn traf die Bombe in seiner Werkstatt. Der andere fuhr gerade im Bus durch die Gegend und hörte die Detonation. Er sprang aus dem Bus, lief zur Werkstatt, da schlug eine zweite Bombe ein.

Zwei Tote an einem Tag, zwei von mehr als einer halben Million.

Die Überlebenden hat der Krieg zu anderen Menschen gemacht. Die syrischen Städte und Dörfer sind kaputt, und die Menschen sind es auch. Hauptsache, durchkommen, Hauptsache, essen und trinken. Der Überlebenstrieb hat übernommen.

Ein Kämpfer der Anti-IS-Koalition in einem improvisierten Feldkrankenhaus

Ein Kämpfer der Anti-IS-Koalition in einem improvisierten Feldkrankenhaus

Nach der Befreiung soll ein kurdisch-arabisches Gremium Raqqa regieren, schon nach drei Monaten sind freie Wahlen geplant, Raqqa soll noch einmal Modell für ganz Syrien werden, wie damals während der Revolution. Vielleicht aber, denken viele, werden bald Araber gegen Kurden kämpfen, sobald der gemeinsame Feind IS besiegt ist. Oder es kehrt der Diktator Assad zurück, so wie in Aleppo und anderswo.

Sie haben hier gelernt, dass sie sich auf alles einstellen müssen.

Am Nachmittag kommt ein älterer Mann die Familie besuchen, er setzt sich schweigend zwischen Abu Ahmed und den Schwager. Was dann passiert, erzählt viel darüber, wie klein die Freiheit hier noch ist, wie groß die Angst vor der einen oder der anderen Obrigkeit, Assad und IS. Die Stimmung ändert sich, die Familie wird nervös. Nur Baschar Al-Assad, sagt der Schwager unvermittelt, könne ihnen Frieden bringen und Ruhe. Der Gast nickt. Er stellt sich nicht vor, vielleicht ist er ein Spitzel.

Später verlangt der Schwager nach Stift und Papier und schreibt einen Namen auf: Baschar Al-Assad. "Nur er soll dieses Land regieren", ruft er. Daneben steht sein Sohn, ein junger Mann, und sagt, leise: "Vater, ich sehe das anders."

Vielleicht wird der Krieg eine Generation dauern

Für einen Moment scheint es, als hätte die Revolution doch etwas verändert, Kinder widersprechen ihren Eltern, diskutieren mit ihnen. Die Revolution, sie endete im Schrecken, aber es ist etwas entstanden in diesen jungen Männern, sie hinterfragen, sie sagen ihre Meinung, aus ihnen werden keine Untertanen mehr.

Der Schwager sieht seinen Sohn an, dann blickt er in die Runde und sagt: "Wenn mein Sohn irgendetwas gegen Baschar Al-Assad tut, dann ... schieße ich ihm eine Kugel in den Kopf."

Der Sohn sieht zu Boden, stumm.

Da nimmt uns die Mutter an die Hand, zieht uns weg, wir gehen in den Raum der Frauen, und sie sagt: "Hört bloß nicht auf den Schwager, der ist verrückt."

Fragiler Alltag: der Markt in Qamischli an der Grenze zur Türkei, nur wenige Stunden von Raqqa entfernt

Fragiler Alltag: der Markt in Qamischli an der Grenze zur Türkei, nur wenige Stunden von Raqqa entfernt

Die Mutter, sie weiß nicht, wann sie jemals wieder in ihr Haus nach Raqqa zurück kann, ob es noch steht, wann dieser große Krieg endlich vorbei sein wird. Wer noch gegen wen kämpfen wird, wie viele noch sterben werden. Vielleicht wird der Krieg eine Generation dauern. Vielleicht wird sie, die Mutter, den Frieden nicht mehr erleben. Frieden, das ist vielleicht dann, wenn ihr Sohn Asaad wiederkommt aus seiner Kaserne.

Sie trägt immer noch ihr schwarzes Tuch, wie es ihr der IS vorschrieb. Sie kann die Farbe schon lange nicht mehr sehen, eigentlich würde sie lieber wieder Weiß tragen.

"Wenn Asaad nach Hause kommt", sagt sie.

Die weibliche Seite des "Kalifats": Diese Frauen flohen vor den Kämpfen in Mossul