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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: Erdogan, Fritz, Kevin und die selektive Moral

Großkreutz benimmt sich daneben und wird sofort entlassen. Erdogan benimmt sich ständig daneben und wird immer noch hofiert. Moral ist wie ein Bio-Hühnchen - man muss es sich leisten können.

Eine Kolumne von Micky Beisenherz

Kevin Großkreutz

Kevin Großkreutz mit Tränen in den Augen bei der Abschiedspressekonferenz.

Opposition ist eine bequeme Couch. Und die Couch wiederum ist ein komfortabler Stützpunkt, um von dort aus ohne weitreichende Konsequenzen das Elend der Welt zu beklagen. Wobei die Intensität der Klage für gewöhnlich eng an die geografische oder zumindest emotionale Nähe des Ereignisses gekoppelt ist.

Weshalb Terroranschläge in oder Lagos in der Regel weniger Aufregung provozieren, als Vergleichbares in, sagen wir mal, Paris oder Tel Aviv. Aber das nur am Rande.

Nehmen wir nur drei Beispiele der vergangenen Tage: . Befindet sich mit dem VfB Stuttgart in einer für den Verein extrem wichtigen Saisonphase und hat keine bessere Idee, denn als 28 Jahre alter Familienvater mit ein paar Teenagern auf eine Oberstufenparty (!) zu gehen.

Gut, okay, danach ging es mit den Nachwuchsspielern noch in den Puff. Anschließend gab es dann noch was auf die Fresse, was dem prominenten Opfer noch ein Selfie aus dem Krankenhaus für wert war. Das muss man nicht verstehen.

Der Kevin aller Kevins ließ sich 2014 allerdings auch den Weltmeisterpokal tätowieren. Ohne auch nur eine Sekunde gespielt zu haben. Das muss man ebenfalls nicht verstehen.

Fußballdeutschland hat den Moralischen

Man muss aber auch nicht verstehen, warum eine Fußballgesellschaft, die sich tränenschwanger und in rühriger Skandalromantik die Klöpse der , Effenbergs und Wuttkes erzählt, plötzlich durchdreht, wenn ein Kicker mal ein wenig herumbaslert.

Davon ab: Wenn alle Profis aus dem Verkehr gezogen würden, die ihre Kohle für Prostituierte ausgeben, können wir in der -Arena demnächst nur noch PUR gucken. (Vermutlich sogar ganz gut so).

Richtig fischig wird es aber, wenn ein Verein diesen Spieler nicht nur intern bestraft, sondern in großem Stil entlässt, weil er nicht den hohen moralischen Standards entspricht. Was einfach ist, wenn es einen trifft, der in den sportlichen Planungen eh keine große Rolle mehr gespielt hat.

Ob bei Top-Spielern wie Terodde oder Gentner ähnlich gehandelt worden wäre, ist doch mehr als fraglich. Erst das Fressen, dann die Moral.

Auf Erdogan schimpfen geht immer

Dass sich Großkreutz in seiner Zeit in der Türkei intensiver mit der Figur Erdogan befasst hatte, dürfte ähnlich wahrscheinlich sein wie ein Gastartikel in der "Emma". Als Deutscher wird aber selbst er eine Meinung haben zum Leberwurst-Sultan aus Ankara, der momentan täglich mit neuen Hitlerismen in Richtung Berlin um sich schmeißt, dass der Schrecken der Nazizeit gerade eine Simbabwe-Dollar-artige Inflation erlebt.

Der Bereiniger von Demokratie, Menschenrechten und Pressefreiheit wirft Deutschland NS-Methoden vor. Humor hamse, die Türken. Ein albernes Gebaren des hypernervösen Diktators, dem man eigentlich keine Beachtung schenken sollte. Dummerweise kann man das schrille Gekreische nur schwer überhören, und so erwarten laut Umfrage 81 Prozent aller Deutschen, Merkel möge dem dauerbeleidigten Napöleon kräftig den Marsch blasen.


Das sind allerdings exakt dieselben 81 Prozent, die reichlich sparsam gucken würden, sollte ein Flüchtlingsheim in ihrer Siedlung errichtet werden. So zynisch das klingt, und es klingt sehr zynisch, weil es sehr zynisch ist: Wenn wir nicht wollen, dass der Irre vom Bosporus die Schleusen öffnet, muss Merkel sich wohl noch ein paar mal verbal die SS-Uniform anziehen und sich durch die Arena scheuchen lassen.

Das ist das Blöde an solchen Vorgängen: Alles hängt zusammen, und sauber kommt hier niemand raus. Es ist übrigens leicht für jemanden wie mich, der Espresso trinkend in Hamburg-Eppendorf sitzt, dem Rest Deutschlands zu erzählen, dass wir locker noch mehr Flüchtlinge vertragen können (und Uncool & the Erdogang uns gepflegt am Arsch lecken kann).

Ich bin überzeugt davon - aber das bedeutet nicht im Geringsten, dass ich weiß, wie Leute in Berlin-Hellersdorf, Herne oder Bonn sich dabei fühlen. Habe ich Ahnung von deren Lebenswirklichkeit? Ist deren Unbehagen weniger wert, als meine breitbeinigen Überzeugungen? Wächst Moral parallel zum Mietspiegel?

Eisbär Fritz stirbt - und alle brechen in kollektive Trauer aus

Aber lassen wir mal die Flüchtlinge beiseite und kommen zu etwas, das die Leute scheinbar wirklich bewegt: dem armen Eisbär Fritz. Nur, dass wir uns nicht missverstehen: Ein knopfäugiges Bärenjunges, das stirbt, lässt mich natürlich nicht kalt.  War bei Knut ja schon so schlimm.

Wenn ich aber Presseberichte höre, die klingen, als würde gleich Elton John das letzte Geleit beklimpern, bin ich - gelinde gesagt - erstaunt. Da schien es mir gestern nur fair, das permanente Versagen der Hauptstadt zusammenzufassen mit: "Berlin. Eisbären können sie noch weniger als Flughafen." Sie können sich vorstellen, dass das richtig gut ankam.

Menschen echauffieren sich, als sei da gerade ein enger Verwandter von ihnen gegangen. Dieselben Menschen, die diesem Tier mit leuchtenden Augen beim stumpfen Vegetieren im Zoo zugesehen hätten und ihren wütenden "Schäm Dich! Das arme Tier!"- Kommentar mit einer BiFi in der Hand getippt haben. Ich gehe übrigens sehr gerne in den Zoo. Obwohl mir klar ist, dass das falsch ist.

Aber diese Kolumne ist ja auch weitgehend auf einem iPhone getippt worden, und damit steht man karmatechnisch eh knietief im Dispo. Das gesinnungstechnische Fastenbrechen hat viele Gesichter, und wer einen solch hohen Anspruch an sich selbst hat, sollte sich schnell mit dem Scheitern vertraut machen - es wird sein ständiger Begleiter sein.

Moral ist wie Bio-Hühnchen - muss man sich leisten können.