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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: Danke, Donald

Es ist Zeit, Danke zu sagen. Gerade jetzt, wo es langsam zu Ende geht. Ein persönlicher Brief von Micky Beisenherz an den Affen unter den amerikanischen Präsidentschaftskandidaten: Donald Trump.

Eine Kolumne von Micky Beisenherz

Donald Trump

Eine gewisse Ähnlichkeit zwischen diesem Nasenaffen und Donald Trump ist nicht abzustreiten.

Danke, Donald!

Danke, dass Du uns über so lange Zeit so großartig unterhalten hast. Du hast uns Hashtags, Memes, Videoclips und (leider auch sehr, sehr viele schlechte) Parodien geliefert. (Die schlechteste warst Du selbst.) Du hast die Grenzen des schlechten Geschmacks ausgelotet wie ein Apnoetaucher den Baikalsee der Polyphobie. Mit Dir sind wir in neue Dimensionen der Absurdität vorgestoßen.

Eine Form des Wahlkampfes, der sich auf eine Art von Realitäten verabschiedet hat, die wir bislang für unmöglich gehalten haben. Was sind schon Fakten, Zahlen, Statistiken? "Perception is reality!" (eine Philosophie, der sich die AfD mehr und mehr bemächtigt.) Die USA sind ärmer als Nigeria? Ist zwar Quatsch, aber ich fühle es - also stimmt es! Der muslimische Zeitschriftenhändler war jahrelang immer ruhig und freundlich - der hat doch was vor!

Donald, Du hast nichts ausgelassen. Behinderte beleidigt. Die Eltern eines gefallenen Soldaten ebenfalls. Eine Mutter mitsamt weinendem Kind aus dem Saal werfen lassen. Generalstaatsanwälte .., nun ja, "bezahlt". Du hast damit geprahlt, den Staat systematisch um Geld betrogen zu haben, dem Du jetzt als Präsident vorstehen willst. Du hättest wahrscheinlich sogar anregen können, Deine Konkurrentin erschießen zu lassen und...oh, halt. Das gab es ja schon. 

Du bist fast wie ein Rorschachtest für faktenresistente Debile, die in dieser seltsamen frisierten orangebraune Masse tatsächlich so etwas wie einen Präsidenten erkennen konnten. Nur, dass wir uns nicht missverstehen: Wir reden hier über Leute, die ernsthaft behaupten, Bill und Hillary Clinton hätten sich bei Magic Johnson mit HIV angesteckt.

Unser Wochenerregungsmaximum galt stets Dir. Deine kaltschnäuzige J.-R.-haftigkeit hat mich fast ein wenig beeindruckt. Eine politische Daily Soap, irgendwo zwischen Denver- und Ku Klux Klan. Rebirth of a Nation. Wärest Du nur wenigstens ein wenig eleganter gewesen. Du hast in Rededuellen nicht den Säbel benutzt, sondern das Florett - leider hast Du mit dem Knauf zugehauen.

Donald Trump macht sich die Welt, wie sie ihm gefällt

Der sehr kluge Arnd Zeigler verglich die Wortgefechte der beiden Kandidaten unlängst so: "Es fühlt sich an wie eine Diskussion zwischen Lucy von den Peanuts und Fred Feuerstein." So wie vergangene Nacht, als die beiden sich erneut gegenüberstanden. Russland/Syrien. Sie will reden. Er: Atomwaffen sind viel moderner. Wäre er Präsident, würde er sie ins Gefängnis werfen lassen. Er wirft ihr vor, sie trüge "Hass im Herzen" - was aus seinem Munde eine ziemlich gute Pointe ist.

Ihr Mann, Bill, habe mehrere Frauen vergewaltigt. Seine persönliche Art, über Frauen zu reden? "Ja es ist mir peinlich ... . Aber ich werde Isis besiegen. Wir sehen so viele schreckliche Dinge. Isis bringt Menschen um wie im Mittelalter. Aber ja, es war falsch."
 Ah, ja. Und außerdem ist Bill eh viel schlimmer!

Was wussten wir denn schon, als wir frühere Präsidentschaftskandidaten wie zum Beispiel Mitt Romney zum Sinnbild des Bösen hochjazzen wollten. Wie lächerlich das heute erscheint. Eine Mofa gegen den PS-Boliden der Schlechtigkeit. Selbst Pink dürfte sich heute ärgern, all ihr kreatives Pulver bereits an George W. Bush verschwendet zu haben. Man sagt, mit Trump habe sich das rassistische Es der Republikaner durchgesetzt.

Wenngleich nicht ganz klar ist, ob mit Es der psychologische Ansatz vom dumpfen Grollen im Unbewussten gemeint ist - oder der böse Clown aus den Büchern. Beides stimmt irgendwie. Die USA steuern auf den schlimmsten Rassisten im Weißen Haus seit Woodrow Wilson zu. Dem man zugute halten muss, dass die Ansprüche an Gleichbehandlung der Rassen oder Frauen 1913 ein wenig niedriger angelegt wurden.

Trump lässt nichts aus

Was ist das für ein Ding mit den Frauen, Don? Du hast mit  Deiner Konfettikanone voll Ressentiments solange um Dich geschossen, bis wir vor lauter Kopfschütteln fast eine Halswirbelarthrose hatten. Aber erst ein kompromittierendes Video, das Dich als schmierigen Grapscher outet (Na, das ist ja mal ein Ding!), bringt selbst Deine Parteigenossen dazu, Dich zu behandeln wie etwas, das bei Burger King irgendwo hinter den Kühlschrank gefallen ist. Und das ist natürlich gut so.

Condolezza Rice, Paul Ryan, Arnold Schwarzenegger. Vermutlich hätte selbst Charlton Heston sich angewidert abgewendet. Wobei .., nein. Lediglich Rudolph Giuliani hält mit absurder Treue an ihm fest. Was erstaunlich ist - ist der Mann doch im September 2001 schon auf Tuchfühlung mit einer nationalen Katastrophe gegangen. Muss so eine Art Stockholm-Syndrom sein. Robert de Niro will Donald aufs Maul hauen, was, so sehr ich das emotional unterstütze, schon viel über den politischen Diskurs 2016 aussagt. Demokraten, Republikaner, die Medien. Das Entsetzen könnte kaum größer ausfallen.

Weniger verwunderlich als der Zeitpunkt der Veröffentlichung des Videotapes ist, was tatsächlich am Ende passieren musste, dass dieser cartoonhafte Charakter bei so vielen in Ungnade fallen konnte. Fast möchte man annehmen, ein Gutteil der USA bestehe aus islamophoben, schwulen- und schwarzenfeindlichen, mexikanerhassenden Frauenverstehern.

Keine Verfehlung, kein Gesinnungsausfall war übel genug, um für eine kollektive Abstoßungsreaktion zu sorgen. Alle Mexikaner rauben und vergewaltigen! Joa. Alle Moslems aus dem Land! Mei, der Donald. So isser halt. Grab em by the Pussy! Aus dem Land mit dem Schwein!

Natürlich bin ich froh und dankbar, dass die Republikaner sich für diese Karikatur eines Präsidenten entschieden haben. Ich bin mir sicher, viele von denen, die noch jetzt in Umfragen Trump ihre Stimme geben wollen, haben vor allem Lust auf das absurde Szenario, das Wie-wäre-es-wohl-wenn, werden sich aber im Ernstfall doch nicht auf das dünne Eis begeben, tatsächlich ihr Wohl und Wehe in die Hände eines geschwollenen Riesenhodens zu legen.

Flirting with Disaster. Ein fiktiver Trump ist mir allemal lieber als ein echter Ted Cruz. Lediglich Hillary Clinton muss sich fragen, wie antiseptisch-roboterhaft sie eigentlich rüber kommen muss, um bei einem derart absurden Gegenkandidaten immer noch so knapp im Rennen zu liegen.

Hillary Clinton ist keine warmherzige Mama

Diesen "Pest oder Cholera"-Vergleich zwischen Clinton und ihrem Herausforderer finde ich angesichts des beeindruckend rückständigen und hochaggressiven Weltbildes von Trump  übrigens absolut bescheuert. Was nicht heißen soll, dass mit Hillary eine warmherzig Kuchen backende Mama ins Oval Office einzöge. Was möglicherweise ein Maßstab ist, den wir an eine weibliche Kandidatin automatisch anlegen.

Wir müssen dankbar sein: Dieser Mann hat uns über Monate hinweg großartig unterhalten. Er ist über Fettnäpfe gewandelt wie ein Jesus der dunklen Seite, er hat schonungslos gezeigt, wie wenig sich Menschen im Jahr 2016 für politische Fakten interessieren - und ausgerechnet der größte Brückeneinreißer hat in der dunkelsten Stunde mit seiner glitschigen Sexualmoral dafür gesorgt, dass sich Demokraten und Republikaner so nahe stehen wie selten.

Man denke allein an das ikonographische Bild, wie sich ein selbstvergessener George W. Bush an Michelle Obama lehnt, ja, kuschelt. Ein Amerika, an das man kaum zu glauben hoffte. (Eigentlich wollen wir Deutschen doch gemeinsam rüber fliegen und einfach DIE zur Präsidentin machen, oder? Schwierig, ich weiß.) Für die Republikaner ist Trump längst eine Art Samsung Phone: Gerade, wenn du denkst, jetzt könnte es laufen, geht das Ding erneut hoch. 

Eine schöne Pointe. Heute, 2016 ist es im Grunde genommen wie damals zur Schulzeit schon: Die lautesten Typen im Bus scheitern am Ende alle an ihrer großen Fresse. Kann aber auch sein, dass unsere frommen Wünsche unerhört bleiben und im November ein komplett ratloser Hypernarziss im Oval Office steht, der fast traurig ist, weil er jetzt so gar kein Ziel mehr hat, jetzt da er es geschafft hat.(Zumindest die Hardcore-Fans zeigen sich laut Umfragen nach wie vor unbeeindruckt von all den Eskapaden.)

Womöglich kommt es aber auch völlig anders und Sasha Baron Cohen reißt sich am Wahlabend die Maske vom Gesicht und erklärt dem verdutzten Volk, dass er eigentlich nur mal schauen wollte, wie weit man es denn so treiben könne. Fast hätte ich das als Experiment bezeichnet - aber unter diesem Label ist zuletzt ja der größte Quatsch veranstaltet worden.

Mag sein, dass Sie, liebe Leser, mir bei der Betrachtung der Person Trump widersprechen, ja, sogar Unkenntnis der Faktenlage vorwerfen wollen, aber bitte vergessen Sie nicht: Ich empfinde das so. Also ist es wahr. 

Danke für diese völlig neue Sicht auf die Welt.

Danke, Don.