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M. Beisenherz - Sorry, ich bin privat hier: FDP – Faschos dankbare Partner. Die Erfurter Republik

Der 5. Februar ist eine Zäsur, die FDP dankbarer Partner der AfD. Dabei hätte Thomas Kemmerich mit nur sechs Wörtern zum Helden werden können, findet Micky Beisenherz

Micky Beisenherz über die FDP

Thomas Kemmerich und Björn Höcke im Thüringer Landtag

Imago Images

Wenn du abends vor dem Fernseher sitzt und dich dabei erwischst, Markus Söder zu loben, dann ist das auch ein Krisensymptom. Der bayerische Ministerpräsident kritisierte die peinlichen Vorgänge um die Ministerpräsidentenwahl in Thüringen und bilanzierte einigermaßen ernüchtert: "Das ist kein guter Tag für Thüringen, kein guter Tag für Deutschland und erst reicht keiner für die Demokratie."

FDP in Thüringen: Der 5. Februar 2020 ist eine Zäsur

Dem mag man nicht widersprechen. Erfurt ist geografisch gerade mal rund 20 Kilometer von Weimar entfernt – emotional ist es noch bedeutend näher. Man hätte es kaum für möglich gehalten, dass es Ereignisse gibt, die in Sachen Würdelosigkeit sogar die Vorgänge um den Semperopernball toppen können. Der 5. Februar 2020 ist eine Zäsur.

Es ist der Tag, an dem die AfD endgültig für hoffähig erklärt wurde. Und das ausgerechnet mithilfe der Partei, die sich bei der Wahl mit gerade mal knapp 5 Prozent durch die Katzenklappe in den Landtag geschleppt hatte. Im dritten Wahlgang lässt sich der FDP-Mann Kemmerich mit den Stimmen der AfD zum Ministerpräsidenten wählen und beim Anblick der Bilder, wie er demütig die Hand von Björn Höcke schüttelt, dreht das geschichtsbewusste Hirn automatisch die Farbe raus. Man fühlt sich an dunkle Wegmarken der deutschen Geschichte erinnert, und selbst der Hysterie unverdächtige Geister widersprechen ob der Dramatik dieser Vergleiche nicht mehr.

"Geschichte". Es entbehrt nicht einer gewissen Komik, dass ausgerechnet der Ministerpräsident von Faschos Gnaden Wahlkampf gemacht hatte mit dem Slogan "Endlich eine Glatze, die in Geschichte aufgepasst hat." Aber hey, die FDP wollte ja auch schon lieber nicht regieren als falsch, also was soll's. Gestern wäre der denkbar beste Tag dafür gewesen. Jamaika wollten sie nicht. Weimar ist okay, so scheint es.

Micky Beisenherz über die FDP

Thomas Kemmerich und Björn Höcke im Thüringer Landtag

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Kemmerich gibt den Unbeugsamen

Und Kemmerich? Der steht im Landtag und gibt – "die Brandmauern gegenüber der AfD bleiben bestehen" – den Unbeugsamen, während ihm Höcke und Co. bereits die Strapse angezogen haben. Erfurter Puppenkiste. Da kannste den verbalen Bizeps anspannen, wie du willst. Es waren Worte, die kämpferisch und entschlossen wirken sollten. Kemmerich hätte noch Stunden weiterreden können, noch tausende Wörter verlieren – dabei hätten sechs gereicht:

"Ich nehme die Wahl nicht an."

In unserer an Lippenbekenntnissen und Aktionismus wahrlich nicht armen Zeit wäre es ein kraftvolles Symbol gewesen, sich deutlich zu positionieren, der AfD jeden Anspruch auf Bürgerlichkeit abzuerkennen und nicht zuletzt auch: Die eigene Partei zu retten. Hat Lindners FDP schon seit längerer Zeit den Ruf, sich an die Rechten heranzurobben, haben sich Freie Demokraten gestern mit Unterstützung freier Radikaler komplett ins Aus geschossen. Sie wurden gewählt. Von Rechts wegen.

Björn Höcke, (r) Fraktionsvorsitzender der AfD, gratuliert Thomas Kemmerich (l., FDP), dem neuen Thüringer Ministerpräsidenten

Was für ein opportunistischer Haufen

Ein kleiner Sieg. Eine große Schande. "Diktatur First, Bedenken second." Ein bisschen zu dicke? Vielleicht. Das "Denken wir neu" allerdings hatte ich mir auch anders vorgestellt. Mein Gott, FDP, was wäre das für ein Triumph gewesen. Die kleine Landtagsfraktion als Sprachrohr aller echten Demokraten. Ein echter Punch. Meine Fresse, FDP, ist das in die Hose gegangen. Was für ein opportunistischer Haufen (Freier?) Demokastraten.

FDP – Faschos dankbare Partner. Mit 5 Prozent "den Wählerwillen umsetzen", das ist dann auch eine ganze eigene Realität. Aber woran kann oder will man sich nach all diesen Monaten seit der Wahl überhaupt noch erinnern. Thüringen – ein Wort, das schon klingt wie ein substantiviertes Verb, wie ein unwürdiges Rangeln. In einem schier endlosen Gewürge, in dem es vorrangig darum ging, bloß um Gottes Willen einen linken (sozialdemokratischen) Ministerpräsidenten Ramelow zu verhindern, haben CDU und FDP es so weit kommen lassen, dass die AfD sich nun als echter Player im politischen Business fühlen darf.

Link schlägt Links

Vom Katzentisch mit an die Tafel. Mit Ramelow hat man einen politischen Sonderfall verhindert – und einen neuen geschaffen. Link schlägt Links. Herzlichen Glückwunsch. Mag die Erinnerungskultur vieler Deutscher nicht 90 Jahre zurückreichen, so bleibt zu hoffen, dass das Gedächtnis zumindest die kurze Zeit bis zur nächsten Bundestagswahl reichen möge. Ich für meinen Teil werde das nicht vergessen haben. Die Freude in den Gesichtern der Höckes und Chrupallas, die sich in ihrem Verständnis für diesen Coup durchaus feiern dürfen. Die tiefe Zufriedenheit über den beträchtlichen Raumgewinn. Die Wurstigkeit von Lindner, die Machtlosigkeit von AKK und ...

… ja, wo ist eigentlich Angela Merkel?

Die Bundesvorstände der vermeintlich christlichen und liberalen Parteien – haben sie taktiert, sind sie rückgratlose Halunken. Haben sie es nicht verhindern können, sind sie einfach nur Dilettanten. An all das werde ich denken, wenn ich in der Wahlkabine mit den Augen über die Vertreter der Parteien fliege, die diese Scheiße möglich gemacht haben.

Danke für Nichts, ihr Versager.