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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: Grindels Werk und Seehofers Beitrag - vom Ende eines Sommermärchens

Was haben Fußball und Politik gemeinsam? Sehr viel, findet unser Autor Micky Beisenherz. Vor allem wenn die Akteure Reinhard Grindel und Horst Seehofer heißen. Der eine Fail-Funktionär, der andere Amokminister.

Eine Kolumne von Micky Beisenherz

Horst Seehofer (l.) und Reinhard Grindel

Man kennt sich: Horst Seehofer (l.) und Reinhard Grindel

DPA

Dass Sport und Politik kaum zu trennen sind, haben uns die letzten Wochen hinlänglich und mitunter schmerzhaft bewiesen. Deshalb, auch und überhaupt gleich einmal vorweg: Es ist WM- Finale. Und ist nicht dabei. Glücklicherweise.

Zum einen, weil es uns erspart geblieben ist, von Mannschaften wie Frankreich oder Kroatien vor aller Öffentlichkeit demontiert zu werden. Zum anderen, weil es uns nicht erspart geblieben ist, dass ranghohe Beamte als Repräsentanten Deutschlands den Ruf dieses Landes demontiert haben. War 2006 ein , das uns weltweit sympathisch und nahbar gemacht hat, ist 2018 ziemlich genau das Gegenteil davon. Oder um im Märchenjargon zu bleiben: Der Prinz ist wieder Frosch, und er hat viele Gesichter. Keines davon ist schön.

Nehmen wir Reinhard , dessen schonungslose Aufarbeitung der wahrlich nicht schönen Weltmeisterschaft wie folgt ausgesehen hat: Bei der Analyse muss sich jeder selber kritisch hinterfragen. Dabei darf man nicht die Schuld bei Einzelnen suchen. Außer bei Mesut Özil, natürlich. Oder wie Armin Laschet es ausdrückt: "Auf die Idee, dass ein Foto mit Erdogan an der Niederlage gegen den Fußball-Giganten Südkorea Schuld sein soll, können auch nur DFB-Funktionäre nach drei Wochen Nachdenken kommen."

Spätestens, wenn (!) auf deine Kosten ein Gag gelingt, weißt du: Du hast echt ein Problem. Klar, man könnte auf die Idee kommen, dass man zu heftig an der Kommerzschraube gedreht, zu lange auf ein falsches System gesetzt, dummerweise auf den klassischen Neuner verzichtet, zu viele systemkonforme Spieler herangezogen, den Laden einfach nicht im Griff oder schlichtweg: Pech gehabt hat.

Özil sagt nichts - vielleicht auch besser so

Stattdessen fordert der angeknockte -Präsident in bestem Bernd-Stromberg-Whataboutism eine Erklärung des notorisch unterdeutschten Nationalspielers. Als wären die letzten öffentlichen Ausführungen von Bierhoff und ihm selbst Ansporn, es ihm gleichzutun. Und überhaupt: Würde Özil, die Nationalfußmatte, sich ehrlich äußern, es wäre für die meisten wohl kaum befriedigend.

Anstatt ein Statement des offenbar Alleinschuldigen einzufordern, wäre es ehrlicher gewesen, man hätte einfach zugegeben, dass eine - aus verbandsethischen Gründen durchaus legitime - Nichtnominierung vor dem Turnier nicht infrage kam, weil der sportliche Wert der beiden Erdoganisti Gündogan und Özil als zu groß taxiert wurde. Jetzt, da die Leistungen eher mau waren, fällt einem plötzlich der hohe Anspruch an die ethischen Standards wieder ein.

Werte haben aber kein vierwöchiges Rückgaberecht. Erst das Finale, dann die Moral. Es bleibt die Frage, wie der sportliche Ablasshandel wohl funktioniert hätte. Wie viele Tore rechtfertigen die Zuneigung zu einem Autokraten, reicht das Erreichen des Halbfinals zur Löschung aller Verfehlungen? Wie viel Jubel muss man generieren, um ein Schweigen zu rechtfertigen?

#zsmmn, was nicht #zsmmn gehört

Wir werden es nicht mehr herausfinden. Es bleibt das unschöne Gefühl von Auflösungserscheinungen und unwürdigen Schuldzuweisungen, die den gleichermaßen albernen wie behaupteten Hashtag #zsmmn im Nachgang noch lächerlicher erscheinen lassen, als ohnehin schon. Dass sich keiner der Nationalspieler öffentlich hinter Özil gestellt hat, ist da nur eine weitere traurige Fußnote. (Ein simples "ich teile seinen politischen Geschmack nicht, aber…" hätte es doch schon getan.)

Grindel kann sich bei Horst Seehofer bedanken, der ihm an dessen 69. Geburtstag das Geschenk macht, alle Aufmerksamkeit von ihm weg und auf sich zu lenken mit einem Spruch, der in seinem Zynismus selbst für CSU-Verhältnisse besonders bemerkenswert bleibt.

Da prahlt der Innenminister - ja, er ist es immer noch - bei einer öffentlichen Erklärung mit der ungewöhnlich hohen Zahl von Personen, die nach Afghanistan abgeschoben werden sollen, nur, um Sekunden später amüsiert festzustellen, dass die Zahl, 69, nichts mit seinem 69. Geburtstag zu tun habe. Höhöhö. Die Speichellecker links und rechts lachen untertänig scheuerhaft.

Eine schaurige Szene, die von der Geisteshaltung eines Mannes zeugt, der Abschiebung in ein Land wie Afghanistan für eine adäquate Witzvorlage hält und - ja, es sind immer noch - Menschen wie einen Wurstkorb zu seinem Geburtstag behandelt. Ein Bündel Menschen zweiter Klasse statt einem Blumenbouquet. (Als würde ein CSU-Mann sich über einen Strauß nicht immer am meisten freuen.)
Es ist beschämend und erinnert in seiner Kälte unangenehm an die Schreibtischtäter, die das deutsche Bild vor Jahrzehnten geprägt haben. Seehofer fliegt der Satz nun völlig zurecht um die Ohren, da diese schäbige Äußerung kollidiert mit der fast zeitgleich eingetroffenen Meldung, dass einer dieser 69 Männer nach seiner Ankunft in Kabul Suizid beging.

Horst Seehofer, der Amokminister

Ich will Horst Seehofer diesen Suizid nicht persönlich anhängen. Auch hat er zum Zeitpunkt der PK nichts davon gewusst. Ich will an dieser Stelle nicht über die Sinnhaftigkeit von Abschiebungen diskutieren. Aber wenn nicht einmal mehr der Innenminister weiß, was in Artikel eins des Grundgesetzes steht (oder er ihn bei abzuschiebenden Afghanen für ungültig hält) und sich seine Chefin nicht imstande sieht, diesen Amokminister seines Amtes zu entheben, darf man sich nicht wundern, warum sich viele für die moralische Erosion hierzulande schämen.

Ja, Deutschland geht es wirtschaftlich hervorragend. In Sachen Anstand und Umgang rauscht es gerade mächtig ab. Und da haben wir über den NSU und die Rolle des Verfassungsschutzes noch gar nicht geredet. 

Womit ich wieder zurück zum Fußball kehre: Ich gönne den Kroaten den Titel. Die Mannschaft hat Herz und Klasse (leider auch den falschen DJ in der Kabine). Als Zeichen an Deutschland und die Welt ist Frankreich mit seinen Einwandererkindern, die sogar die Betonhirne zum Jubeln bringen, für mich allerdings der bessere Titelkandidat und ein schöner Anachronismus zum allgemeinen Abschottungsgebot der Stunde. Und das ganz ohne Hashtag als Autosuggestion.

Noch einmal wie 1998.

"Black - Blanc - Beur".

Weil gerade nichts gestriger wirkt als:

Schwarz - Rot - Gold.

Im Video: "Özil im Mittelpunkt der Kritik? Unterstützer stärken ihm auf Twitter den Rücken"

Erst Bierhoff, dann Grindel: Özil im Mittelpunkt der Kritik? Unterstützer stärken ihm auf Twitter den Rücken